Nun auch noch mit Meisterwimpel und Vorfreude auf die Bundesliga: Die Weilimdorfer Ringer machen Party. Foto: Günter Bergmann
Der Regionalliga-Meister will nach reiflicher interner Abwägung sein Aufstiegsrecht wahr nehmen – unter einer Einschränkung und im Wissen um die Risiken. Folgt nun ein Krachertransfer?
So ist das Schicksal eines „Mädchen für alles“ im Verein: Am Sonntagfrüh, um halb zehn, stand Stephan Fauser dann schon wieder in der Halle. Abbauarbeiten, Beseitigung der Spuren einer großen Party. Gerade mal rund eineinhalb Stunden, nachdem die unermüdlichsten Teilnehmer den Weg ins heimische Bett gefunden hatten. Aber man soll die Feste bekanntlich feiern, wie sie fallen. Und welch tolleren Anlass könnte es geben als dieses Mal?
Den Regionalliga-Meistertitel hatten sie sich ja schon zuvor gesichert gehabt, die Ringer der SG Weilimdorf. Nun steht fest: Die Nord-Stuttgarter wollen die Zugabe wagen. Bundesliga, wir kommen! Ja zum Aufstieg. Kein Geheimnis macht Fauser daraus, dass er und seine Kollegen der sportlichen Leitung eher eine andere Tendenz gehabt hätten, doch werde man sich dem Votum der Mannschaft beugen. Letztere hatte sich in einer finalen Sitzung am Freitag einheitlich für das Abenteuer Erstklassigkeit ausgesprochen, allen damit einhergehenden Risiken und möglichen Nebenwirkungen zum Trotz. Als Fauser die Entscheidung nach dem abschließenden aktuellen 28:8-Heimsieg gegen den KSV Hofstetten den Fans verkündete, brandete Jubel auf. Freilich, ein einschränkendes kleines Aber gibt es noch.
Die Meldefrist ist vonseiten des Deutschen Ringer-Bunds mittlerweile vom 23. Dezember auf den 15. Januar verlängert. „Diese Zeitspanne werden wir in jedem Fall ausreizen“, sagt Fauser. Drei Wochen Gelegenheit, zu verfolgen, „wie sich die Dinge in puncto Ligaeinteilung entwickeln“. Wie viele Staffeln wird es geben? Wie könnten die Weilimdorfer Gegner heißen?`Welche Fahrtwege stünden demnach bevor? Dies ist derzeit alles noch offen. Und davon soll laut Fauser der letzte nötige Schritt abhängen. Sprich: die dann verbindliche Zusage beim Verband. Die Wahrscheinlichkeit, dass die „Wölfe“ tatsächlich noch einmal umschwenken, beziffert jedoch selbst der 62-Jährige als gering.
Die größeren Hürden haben die starken Männer von der Solitudestraße bereits intern genommen. Da ist zum einen der finanzielle Aspekt. Wegen in der Bundesliga zusätzlich anfallender Lizenzgebühren, eben wohl weiterer Fahrten und Bus-Buchungen geht Fauser von Mehrkosten von rund 12 000 Euro aus. Dahinter haben die Weilimdorfer Verantwortlichen vergleichsweise schnell einen Haken gemacht. „Wir denken, dass der Name Bundesliga seinen Reiz ausüben wird“, sagt Fauser. Zwölf neue kleinere Sponsoren für die Bande, und schon alles gut. Die Akquise betreiben die Ringer unabhängig vom Hauptverein in Eigenregie. Letzterer gab denn nicht zuletzt deshalb seinerseits grünes Licht.
Der Staffelleiter Hardy Stüber (links) hat den Meisterwimpel überreicht. Foto: Günter Bergmann
Da waren und sind zum anderen strukturelle Fragen. Thema Halle. Thema Parksituation. Thema Mattengröße. Vorgeschrieben ist in der nationalen Beletage eine Wettbewerbsfläche von mindestens 121 Quadratmetern. Die Weilimdorfer habe aber nur 100 – und mehr passt in die Lindenbachhalle schlicht nicht rein. Wer schon mal dort war im engen Hexenkessel, der weiß, warum. Die Lösung des Problems? Der Verband hat dem Verein inzwischen eine einjährige Ausnahmegenehmigung erteilt. Bleibt noch die Trainingssituation zu klären. Mehr Hallenzeiten, mehr Hallenoptionen. Mal schauen, was die Stadt beitragen kann.
Und vor allem ist da natürlich auch noch die personelle und sportliche Konstellation, die in sämtliche Abwägungsprozesse mit eingeflossen ist. Eines hatte der sportliche Leiter Markus Laible ja von vornherein klar gemacht: „Wir werden unsere Mannschaft nicht auf den Kopf stellen.“ Es war, ist und bleibe ein Team vor allem mit Weilimdorfer Jungs. Diese Philosophie gilt unverändert. „Kein Auffüllen mit Legionären“, bekräftigt Fauser. Und wenn es damit auf Kosten der Konkurrenzfähigkeit gehen wird. Und eingedenk der Gefahr, die Fauser sieht: „Wenn man dann mal an einem Wochenende zehn Stunden im Auto sitzt, nur um sich eine Packung abzuholen, und wenn man dann mal eine Niederlagenserie hat, kann auch alle Euphorie schnell verflogen sein.“
Einstweilen passt zum Weilimdorfer Weg, dass vom bisherigen Personal nahezu alle für ein weiteres Jahr unterschrieben haben. Lediglich der ungarische 61-Kilogramm-Mann Karoly Barath geht. Ihn zieht es zum Studium in die USA. Der Youngster war mit 12:0 Saisonsiegen neben dem erneuten Liga-Topscorer Csaba Vida (18:0) und Lukas Laible (14:2) allerdings einer der Erfolgsgaranten dieser Saison. Entsprechend groß ist die Lücke, die er hinterlässt.
Wird nun er zum Kaderthema? Lucas Lazogianis, prominentester Spross aus der Weilimdorfer Talentschmiede. Foto: imago/United World Wrestling
Unter der Rubrik Neuzugänge planen die Weilimdorfer Stand jetzt mit nur zwei deutschen Verstärkungen, die ins Raster passen sollen. Jung, hungrig, ehrgeizig. Bei einem anderen und ungleich größeren Namen, der einem in den Sinn kommen könnte, gibt sich Fauser zurückhaltend. Der prominenteste Spross aus der Weilimdorfer Talentschmiede heißt Lucas Lazogianis. Olympia-Teilnehmer, amtierender Vizeeuropameister – und am Samstag unter den Zuschauern. Seit zwei Jahren ringt der 24-Jährige in der Mannschaftsrunde für den ASV Schorndorf, in Einzelwettbewerben aber weiter für seinen Stammverein SG Weilimdorf. Schreit nun nicht geradezu alles nach Auftritten überhaupt wieder dort? Der Weilimdorfer Junge als Bundesliga-Kämpfer in Weilimdorf? Hätte jemand vor vier fünf Jahren prophezeit, dass es eine solche Möglichkeit einmal geben könnte, er wäre wohl für übergeschnappt gehalten worden.
Und für ein bisschen irre, das ist Fauser deutlich anzumerken, hält er das Ganze auch jetzt noch, da es Realität wird. Er, das Vereinsurgestein, ist generell keiner, der dazu neigen würde, auf den Putz zu hauen. Vorfreude auf die Bundesliga? „Bei mir mehr Bedenken“, sagt Fauser und lacht. „Ich bin halt ein Kopfmensch.“
Kein Wunder, dass Fauser nicht zu jenen Feierbiestern gehörte, die die komplette Nacht zum Tage machten – was aber auch noch zwei andere Gründe hatte. Er musste am Morgen mit dem Hund raus. Und zudem siehe oben: Irgendjemand hatte am Sonntag ja auch wieder aufzuräumen.