Wahl in Gerlingen Dirk Oestringer wird neuer Bürgermeister

Von und Michael Bosch 

Gleich im ersten Wahlgang gelingt dem Mann von außen der Wahlsieg. Er erhält mehr als doppelt so viele Stimmen wie seine Konkurrentin. Riesenbeifall im Rathaus. Noch am Samstag wurde um jede Stimme gekämpft.

Große Freude: Der noch bis 31. Januar 2020 amtierende Bürgermeister Georg Brenner (rechts) gratuliert seinem Nachfolger Dirk Oestringer (beide parteilos). Foto: factum/Jürgen Bach
Große Freude: Der noch bis 31. Januar 2020 amtierende Bürgermeister Georg Brenner (rechts) gratuliert seinem Nachfolger Dirk Oestringer (beide parteilos). Foto: factum/Jürgen Bach

Gerlingen - Die Bürgermeisterwahl in Gerlingen ist entschieden: Dirk Oestringer (parteilos) gelang es bereits im ersten Wahlgang, mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen zu holen. 67,7 Prozent lautete das exakte Ergebnis. Der Jubel im Ratssaal war schier grenzenlos.

Der Gewinner

Sichtlich überwältigt betrat Dirk Oestringer gegen 18.50 Uhr den Ratssaal. Da stand längst fest, dass er neuer Bürgermeister wird. „Das ist eine unglaubliche Zustimmung“, kommentierte der 33-Jährige das Ergebnis. Der bisherige Rathauschef Georg Brenner ist bis 2022 gewählt, geht aber Ende Januar in den Ruhestand. Dann übernimmt Oestringer. Er wolle ein Bürgermeister für alle Gerlinger sein, sagte der Kommunalberater. „Nur gemeinsam können wir die Stadt voranbringen.“

Die Verliererin

Wie immer lächelnd, aber natürlich tief enttäuscht nahm Martina Koch-Haßdenteufel das Wahlergebnis zur Kenntnis. Gerade einmal 28,3 Prozent der Stimmen entfielen auf die Erste Beigeordnete. Wie es bei ihr jetzt weitergeht? „Ich bin noch für sechs Jahre gewählt“, sagte die 49-Jährige. „Ich werde überlegen, wie es weitergeht. Es ist alles offen.“ Oestringer hatte ihr gleich die Zusammenarbeit angeboten.

Die weiteren Kandidaten

Wie erwartet spielten die weiteren Kandidaten, die ebenfalls alle keiner Partei angehören, keine große Rolle. Am besten schnitt noch Reinhard Riesch (1,9 Prozent) ab. Ulrich Raisch, Samuel Speitelsbach und Martin Martz erreichten zusammen nur gut zwei Prozent der Stimmen.

Der erste Trend

Um 18.24 Uhr waren drei von 21 Wahlbezirken ausgezählt – da hatte Oestringer schon 63,5 Prozent, Koch-Haßdenteufel kam auf 32. Für viele der gut 300 Besucher im Rathaus stand da Oestringers haushoher Sieg schon fest.

Die Reaktionen

„Ich habe Frau Koch-Haßdenteufel in ihrem bisherigen Tätigkeitsbereich sehr geschätzt“, sagte der bis 1999 amtierende Bürgermeister Albrecht Sellner. Er habe aber „geahnt, dass die Wahl so ausgeht“. Christian Haag, der Vorsitzende der CDU-Gemeinderatsfraktion, findet „eindeutige Ergebnisse immer gut“. Das Wahlergebnis dürfe „aber nicht als Wertung für die bisherige Arbeit von Martina Koch-Haßdenteufel angesehen“ werden. Dass es knapp werde, war die Prognose von Manuel Reichert, Stadtrat der Jungen Gerlinger. Martin Nufer, Chef der Freien-Wähler-Fraktion, meinte: „Wir hoffen, dass Frau Koch-Haßdenteufel ihre bisherige gute Arbeit im Finanz- und Sozialbereich fortsetzt.“ Es gab auch Menschen, die mit dem hohen Sieg Dirk Oestringers gerechnet hatten. Konrad Epple, Stadtrat in Ditzingen und Landtagsabgeordneter der CDU: „Das hat sich abgezeichnet. Das Verhältnis der Städte hängt aber an den Themen, nicht an den Bürgermeistern.“ Sein Landtagskollege Markus Rösler (Grüne) hatte zwar auf eine Entscheidung im ersten Wahlgang getippt; „ich bin aber überrascht, wie deutlich es ist. Es kommt jetzt darauf an, ob beide miteinander ein Vertrauensverhältnis aufbauen können.“

Die letzten Wahlkampf-Stunden

Es war eine gelöste Stimmung, zugleich aber lag die Spannung zum Greifen nah: Am Samstagvormittag waren Martina Koch-Haßdenteufel, Dirk Oestringer und Reinhard Riesch noch einmal zum Wahlkampf auf dem Markt. Manche ihrer Gesprächspartner gaben zu, sich noch nicht entschieden zu haben. Oder sie durften noch gar nicht wählen: So wurde Oestringer von einem Buben gefragt, was er für die Kinder tun wolle. Martina Koch-Haßdenteufel strahlte Optimismus aus („das klappt“). Reinhard Riesch demonstrierte seinen Respekt vor den Bürgern: „Ich bin hier, um den Menschen zuzuhören.“

Die Briefwahl

Das Interesse an der Wahl war hoch: Es wurden so viele Wahlscheine beantragt wie nie zuvor: 2163. Noch 2015, bei der letzten Wahl des noch bis Ende Januar amtierenden Bürgermeisters Georg Brenner, wurden 1570 Wahlbriefe abgegeben.

Wie hoch war die Wahlbeteiligung?

Am Sonntag gingen 8251 Menschen zur Wahlurne. Das entspricht einer Wahlbeteiligung von 53,7 Prozent. Als Georg Brenner 2015 zum zweiten Mal wiedergewählt wurde, lag die Beteiligung bei vergleichsweise mageren 35,9 Prozent.

Und wie war das früher?

Als Brenner 1999 zum ersten Mal antrat, lag die Beteiligung im ersten Wahlgang bei 58,3 Prozent. Da hatte Andreas Schütze, der damalige Erste Beigeordnete, mit 47,7 Prozent die Nase vor. Im zweiten Wahlgang dann wurde Brenner mit 56,5 Prozent gewählt, Schütze erhielt noch 43,4 Prozent. Den Aufstieg vom Ersten Beigeordneten zum Bürgermeister schaffte nur Albrecht Sellner – das war schon 1983. Die höchste Wahlbeteiligung nach dem Krieg gab es im Februar 1948 mit 78,7 Prozent. Damals wurde Paul Hohly zum zweiten Mal gewählt. Er amtierte bis 1955, dann wurde Wilhelm Eberhard Bürgermeister bis 1983. Vom 1. Februar 2020 an heißt der neue Gerlinger Bürgermeister Dirk Oestringer.