Entschleunigt wandern Schnuckelige Heide

Wer in der Heide unterwegs ist, muss mit tierischen Begegnungen rechnen. Foto:  

In der Lüneburger Heide macht man gerne mal Rast, wenn das Ziel die Nordsee ist. Wie wunderschön die südliche Heideregion ist, erfährt erst, wer etwas länger bleibt

Reise: Annette Schwesig (apf)

Am Nebentisch bestellt ein Ehepaar. „Zwei mal den Heidschnuckenrücken, bitte,“ sagt die Frau zur Kellnerin und fragt leise nach: „Schmeckt der sehr nach Schaf?“ Die Kellnerin hört die Frage offensichtlich nicht zum ersten Mal, denn sie beschwichtigt ohne langes Nachdenken: „Nein, ganz und gar nicht. Unser Heidschnuckenfleisch ist viel milder und zarter im Geschmack, da müssen Sie sich gar keine Sorgen machen.“ Kurz darauf kommt das Essen, das Ehepaar probiert vorsichtig und stößt erleichtert an. Es scheint zu munden.

 

Also auch dieses Gericht bestellen? Hm, schwierig. Am Nachmittag hat man solche Tiere noch lebendig erlebt. Wie sie laut, sehr laut, mäh rufend durch die Misselhorner Heide laufen, hier halten, dort fressen, miteinander spielen, auch mal raufen. Und dann eins nach dem anderen haltmacht, ganz nah an die Bank herkommt und den Besuchern unverwandt in die Gesichter glotzt.

Eine regionale Delikatesse

Die Erinnerung an die friedlichen, hübschen und sozialen Tiere beeinflusst dann die Essenswahl eindeutig: Es werden die Semmelknödel mit Pilzen. Kein Heidschnuckenrücken, auch wenn man Knödel überall bekommt, die Heidschnucken aber eine regionale Delikatesse sind.

Die Misselhorner Heide liegt etwa anderthalb Kilometer vom Ort Hermannsburg (bei Celle) entfernt. Hier gibt es drei verschiedene Rundwanderwege, das gesamte Wandergebiet heißt „Im Reich der Heidschnucken“. Der Fernwanderweg wurde mehrfach zu einem der schönsten Wanderwege Deutschlands gewählt. Mit „sommerkalten Heidebächen“ wirbt der Tourismusverband. Was für ein poetisches Wort: sommerkalt! Sofort entstehen im Kopf die schönsten Bilder: von heißen Sommern und erfrischendem Wasser, von sanft dahinplätschernden Bächen und schattigen Wäldern, von lilafarbenen Heidelandschaften und grauschwarzen Heidschnucken, von weiten Wanderwegen und stillen Rastplätzen.

Ein lila Farbenmeer Foto: Tourismusverband

Diese Bilder können der Realität tatsächlich standhalten, denn der Naturpark Südheide ist etwas ganz anderes als die nördliche Lüneburger Heide. Zwar ist „Lüneburger Heide“ die Gesamtbezeichnung dieser Kulturlandschaft in Niedersachsen, dennoch sind die Unterschiede zwischen Norden und Süden enorm. Im Norden, bei Lüneburg, fahren gut gefüllte Reisebusse vorwiegend mit Hamburger Familien vor, meist zur Heideblüte im August. Oder Urlauber aus Süddeutschland machen einen Zwischenstopp auf dem Weg an die Nordsee.

Die Südheide dagegen wird gerne mal links liegengelassen. „Was ihr guttut“, sagt Landschaftsführerin Gabriele Link augenzwinkernd. Selbstverständlich freue man sich über jeden Gast, der sich nicht nur auf der Durchreise befindet, sondern ganz bewusst hier ein paar Tage Urlaub mache, meint Link. „Andrerseits kann man auch im Hochsommer, wenn die Lüneburger Heide im Norden voll ist hier im Süden ungestört wandern.“ Und das soll im Prinzip auch so bleiben. Erst vor kurzem wurde ein neuer Naturparkplan verabschiedet, der vorsieht, dass die Südheide durch nachhaltigen Tourismus und moderne Besucherlenkung geschützt werden solle. „Vor allem muss die Infrastruktur ausgebaut werden“, sagt Link.

Naturpark Südheide Foto: Yann Lange/Stz/StN

Busse fahren selten, am Wochenende eigentlich gar nicht. „Man ist hier noch sehr auf das Auto angewiesen, aber das soll sich ändern.“ In der neuen Saison 2026 wird es einen Shuttlebus geben, der die Gäste im August und September zu den Wanderparkplätzen fährt und auch wieder abholt. „Ein erster, sehr guter Schritt“, meint Link.

Zudem legt der Plan Wert auf Bildung, neulich erst ist eine Naturparkschule entstanden, zudem gibt es ein Informationsnetz mit Infozentren, Themenwegen und, Erlebnisführungen. Der junge Schäfer Till Habjanac zum Beispiel lädt Besucher ein, beim Schnuckeneintrieb dabei zu sein. Bei diesem rund halbstündigen Spektakel kann man zuschauen, wie Schäfer Till gemeinsam mit seinen Hunden Tess und Nepp die rund 350 Tiere von der Weide in den Stall treibt. „Wer den Heidschnucken einmal bei ihrer Tätigkeit zugesehen hat, der vergisst nicht so schnell, wie wichtig sie für die Landschaftspflege sind“, sagt Schäfer Till und deutet auf die Tiere, wie sie durch ihr Nagen und Fressen die Heide kurz halten. „Sie verhindern, dass die Heide vergrast oder verwaldet. Außerdem zerstören sie die Spinnennetze, sodass die Bienen an den Nektar der Heideblüten gelangen können“, erklärt der junge Mann.

Die Kutschen sind komfortabel und luftgefedert

Sehr viel sehen und lernen kann man auch bei einer Kutschfahrt mit Christine und Jürgen Reimer. Die beiden gebürtigen Hamburger leben schon sehr lange in der Heide und kennen jeden Weg, jeden Strauch und jedes Tier. Ihre Kutschen sind ganz besondere Fahrzeuge, sie sind sehr komfortabel und luftgefedert, und das weiß man spätestens dann zu schätzen, wenn die beiden Pferde in dem Moment, wenn sie eine Steigung verspüren, losrasen wie von der Tarantel gestochen. Da heißt es nur noch festhalten und abwarten, bis der Weg wieder eben ist.

„Das ist in den Heinis so drin,“ lacht Jürgen Reimer. Man schüttelt also erst mal Äste, Erde und Moos von der Kleidung und aus Gesicht und Haaren und dann kann man wieder Jürgen Reimer zuhören, der mit in der Kutsche sitzt. Die beiden fahren nämlich immer gemeinsam, sodass einer die Pferde im Zaum hält und der andere für die Fragen der Gäste da ist. Der Weg, den die beiden für ihre Besucher ausgesucht haben, führt über sandige Pfade und dunkle Wälder zu den abgelegensten Plätzen der Heidelandschaften: auf einmal taucht ein nebliges Moor auf, dann wieder eine helle Teichlandschaft und dann wieder finsterster Urwald. „Sommerkalt“, diese Formulierung des Tourismusverbandes trifft es wirklich perfekt.

Die Südheide ist eine große, unbekannte Wundertüte voll mit seltenen Pflanzen, Tieren und einer fast unwirklichen Stille. Nach drei Stunden Kutschfahrt mit den Reimers ist man nicht nur der Heidelandschaft mit ihren Bewohnern ganz nahegekommen, man ist auch herrlich müde und entschleunigt. Und während Christine Reimer die Pferde trocken reibt, tischt Jürgen Reimer in seinem Café selbst gemachten Kuchen auf. „Über 90 Prozent der hier verwendeten Lebensmittel, Getränke und Produkte stammen aus ökologischer Erzeugung aus der Region“, erklärt Reimer. Und das wird hier schon seit Jahren so gemacht. Aus Liebe zu dieser verwundbaren Kulturlandschaft.

Niedersachsen

Mit dem ICE bis nach Hannover, dann Umstieg in den Regionalzug nach Celle oder Eschede, www.bahn.de .

Unterkunft
 Das stimmungsvolle Naturotel Gutshof in Hermannsburg im Örtzetal liegt absolut ruhig und bietet schöne Zimmer sowie ein leckeres und regionales Frühstück. Zum Hotel gehört auch ein sehr gutes Restaurant, das sich ebenfalls der Regionalität verpflichtet sieht. DZ/F ab 101 Euro, www.gutshof-im-oertzetal.de/ .Das für seinen vorbildlichen Umweltschutz ausgezeichnete Biohotel Traumzeithof bietet individuell eingerichtete Zimmer mitten in der Natur. DZ mit Frühstück und Lunchpaket ab 199 Euro, https://traumzeithof.de .

Essen und Trinken
Das Bauerncafé Ole Müllern Schün im zauberhaften Dorf Müden an der Örtze ist bekannt für seine mehrfach ausgezeichneten, üppigen Torten und zählt zu den beliebtesten Hofcafés in ganz Norddeutschland: www.ole-muellern-schuen.de .Im alteingesessenen Niemeyers Posthotel ebenfalls in Müden kann man nicht nur übernachten, sondern im Restaurant Schäferstuben auch sehr gut regionale Heideküche genießen, zum Beispiel Heidschnuckenbraten, www.niemeyers-posthotel.de/ .

Aktivitäten
Wandern, radeln, paddeln, reiten – die Freizeitmöglichkeiten in der Heide sind nahezu unbegrenzt: eine lückenlose Auflistung aller möglichen Outdoor-Aktivitäten findet man unter www.lueneburger-heide.de/natur. Auch den Kontakt zur sehr kundigen Landschaftsführerin Gabriele Link bekommt man über diese Seite. Wer alles über die Geschichte des Dorfes Müden erfahren will, dem sei der Ortsführer Frank Dening ans Herz gelegt, Telefon: 0170 92 29 177. Über den Stand der Heideblüte informiert das Heideblütenbarometer: www.lueneburger-heide.de/natur/artikel/3452/heideblueten-barometer.html .Infos zur Heide-Safari: www.lueneburger-heide.de/natur/tiere/21833/heide-safari-die-big-5-der-heide.html.

Allgemeine Informationen
www.lueneburger-heide.de/ , www.celle-tourismus.de/.

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