Entwicklungen im Sexgewerbe Mehr Prostituierte aus China in Stuttgart tätig

Das Sexgewerbe hat sich verändert: In Laufhäusern ist heute weniger los als vor der Corona-Zeit. Foto: dpa/Oliver Berg

Stadt und Polizei registrieren bei Kontrollen seit geraumer Zeit eine wachsende Zahl von Prostituierten aus China. Auch der von Corona beförderte Trend hin zu Hotels und Wohnungen hält an – eine für die Sexarbeiterinnen nicht ganz ungefährliche Entwicklung.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Die Einrichtung gab sich aus als Massagestudio, war aber ein Prostitutionsbetrieb. Das wäre eigentlich nichts Besonderes, in diesem Fall aber doch: Man traf dort nämlich Frauen aus China an, ohne Aufenthaltserlaubnis. Über diese neue Gruppe sagt Albrecht Stadler, der zuständige Abteilungsleiter im Ordnungsamt: „Die waren vorher in Stuttgart gar nicht präsent.“ Steffen Magewski, der Bereichsleiter Prostitution bei der Stuttgarter Polizei, bestätigt dies. Seit geraumer Zeit gebe es „solche Wellen“ mit chinesischen Prostituierten, nicht nur in Stuttgart, auch in anderen Städten. Einen Reim kann man sich noch nicht darauf machen. Sonst sind es vor allem Frauen aus Bulgarien, Rumänien, Ungarn und auch aus Deutschland, die sich in Stuttgart prostituieren, erst danach kommen zahlenmäßig die Frauen aus China.

 

Etwa 400 Prostituierte sind tätig

Wie viele Prostituierte insgesamt jeden Tag in Stuttgart ihre Körper feilbieten, kann die Polizei nicht mehr so genau sagen. Das Rotlicht-Gewerbe steckt teils immer noch im Corona-Modus. Zwar sind Bordelle und Laufhäuser längst wieder offen,dort stehen nach Einschätzung von Steffen Magewski aber „immer noch Zimmer leer“. Während der Schließungen in der Pandemie seien viele Frauen in billige Hotels, Mietwohnungen und Airbnb-Angebote gewechselt, dieser Trend nehme „weiter zu“. Das erschwert den Gesetzeshütern den Einblick ins Rotlichtgewerbe. Auf etwa 400 schätzt die Polizei die Zahl der Frauen, die derzeit in Stuttgart anschaffen. „Aber das spiegelt die Realität vermutlich nicht wider“, sagt der Beamte. 2019 ging man im Schnitt noch von knapp 500 Prostituierten in Stuttgart aus.

Mehr Frauen in Hotels und Wohnungen

Zwar bieten Internet-Anzeigen Anhaltspunkte für Schätzungen, dennoch betrachtet Steffen Magewski die Entwicklung als ein teilweises „Abwandern ins Unsichtbare“ vieler Prostituierter. Auffallend sei auch, dass bei der Polizei Anzeigen von Frauen wegen Diebstahls, Körperverletzung oder wegen Sexualdelikten nur aus offiziellen Rotlichtobjekten eingingen, gar nicht aus Wohnungen. Die Frauen seien in unkontrollierten Wohnungen Freiern wie Zuhältern „stärker ausgeliefert“.

Magewski glaubt nicht, dass sich dieser Trend wieder ändert. Bei 130 oder 140 Euro, die Prostituierte etwa in Laufhäusern pro Tag oft zu zahlen hätten für Mieten und verschiedene Dienstleistungen, seien „Wohnungen und Hotelzimmer eher billiger“. Das gefällt den Betreibern der Sexobjekte naturgemäß nicht. Einer von ihnen sagt zwar, sein Haus sei belegt wie vor Corona. Allerdings hätten die Frauen „weniger Kunden und merken das massiv an Umsatzeinbußen“.

Wohnungsprostitution nicht per se illegal

Die Klage des Laufhaus-Betreibers, dass durch die vermehrte Wohnungsprostitution ein Großteil des Gewerbes in die Illegalität abgesunken sei, ist aber nicht in jedem Fall richtig. Aus dem Milieu wurde der Polizei und der Stadt eine Liste mit Adressen von rund 100 solcher Wohnungen vorgelegt. Das städtische Ordnungsamt arbeitet diese nun ab. Ziehe man von der genannten Zahl Doppelnennungen und Wohnungen außerhalb ab, blieben noch rund 40 übrig, die man prüfe, sagt Abteilungsleiter Albrecht Stadler.

Und Wohnungsprostitution ist nicht per se illegal. Im Gegenteil. Der heute vielleicht eher seltene Fall, dass eine Frau in ihrer Wohnung und auf eigene Rechnung Freier empfängt, ist nach dem Prostituierteschutzgesetz legal. Zu einem Prostitutionsbetrieb mit Verrichtungszimmern wird die Wohnung, wenn sich etwa zwei Frauen oder mehr nur zu diesem Zweck dort zusammentun.

Betreiber klagen gegen Untersagung

Dann müssen die Vorschriften nach dem Prostituiertenschutzgesetz eingehalten werden: ausreichende Sanitäreinrichtungen, etwa getrennte Duschen auch für Freier, müssen vorhanden sein, ein Sicherheitskonzept mit Notruf, gegebenenfalls bei größeren Einrichtungen ein Aufenthaltsraum für die Frauen. Insgesamt 88 Anträge von Sexbetrieben auf eine Erlaubnis seien bisher bei der Stadt eingegangen, sagt Abteilungsleiter Stadler.

Davon seien 26 wegen Aussichtslosigkeit zurückgezogen worden. 18 Betreiber, denen die Genehmigung versagt wurde, hätten keine Rechtsmittel eingelegt. Das Baurecht ist hier eine hohe Hürde. Die Unterlagen von 42 Verfahren liegen noch beim Regierungspräsidium oder bei Gericht, weil die Betreiber gegen die Untersagung klagen. Bei diesen läuft der Betrieb einstweilen weiter wie bisher.

Vier Escort-Dienste haben eine Erlaubnis

Nur vier Sexbetriebe haben in Stuttgart bisher eine Erlaubnis erhalten, das seien allesamt Escort-Services, sagt Albrecht Stadler. Eine Zulassung zu bekommen ist für sie deutlich einfacher als für Bordelle oder Laufhäuser, denn als reine Vermittler „haben sie das bauliche Thema nicht“. Was sie aber leisten müssen für die als als Begleiterinnen tätigen Frauen, ist ein Notrufsystem, falls es einen Übergriff geben würde. Dafür gebe es „technische Lösungen mit dem Handy“, erklärt Stadler.

Dass mit Begleitdiensten zumindest deren Vermittler viel Geld verdienen, zeigte ein Fall, bei dem der Betreiber sich geweigert hatte, einen Erlaubnisantrag zu stellen. Bei ihm stellte die Stadt einen hohen sechsstelligen Betrag sicher, den die Verwaltung kassierte, weil das Geld aus illegalen Geschäften stammt. Bei einem der Escort-Services kostet die Stunde als kleinste Zeiteinheit 280 Euro, eine ganze Nacht 1500 Euro. Der Preis für schnellen Sex in den Objekten des Leonhardsviertels fängt bei 30 Euro an.

Verfahren im Leonhardsviertel ruhen

Obwohl das Prostituierteschutzgesetz bereits Mitte 2017 in Kraft getreten ist, kommt die Stadt bei dessen Anwendung gerade im Leonhardsviertel, dem Brennpunktgebiet des Sexgewerbes, nicht voran. Über gut 15 Erlaubnisanträge von Rotlichtbetrieben, von denen viele in der Altstadt liegen, hat noch nicht einmal das Ordnungsamt entschieden. Hier sei politisch „noch alles im Fluss“, begründet Albrecht Stadler die Zurückhaltung des Amts. Es werde sowohl ein Komplettverbot der Prostitution als auch andere, begrenztere Vorgehensweisen diskutiert. Deshalb habe man die Fälle „zurückgestellt, bis der Rat entschieden hat“.

Doch bald soll sich auch hier etwas tun. Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) erklärte auf Anfrage: „Die verwaltungsinternen Gespräche zur Änderung des Bebauungsplans laufen.“ Noch im Dezember solle der Unterausschuss Leonhardsviertel des Rats tagen, sagt Pätzold. „Dort werden die Gemeinderäte über die verschiedenen Optionen unterrichtet“.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Prostitution Polizei