Entwicklungschancen für den Stuttgarter Norden Strukturkonzept kommt auf Wiedervorlage

Von Georg Friedel 

Verteter vom Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung stellten den Bezirksbeiräten in Zuffenhausen den ersten Entwurf für ein „Sturkturkonzept Nord“ vor. Eines der Ziele ist, langfristige planerische Visionen für die Entwicklung des Stuttgarter Nordens zu skizzieren.

Die Vogelperspektive  auf  Zuffenhausen umreißt   das Problem: Die Verkehrsschneisen trennen den  Stadtbezirk in mehrere Teile. Foto: Archiv Storck
Die Vogelperspektive auf Zuffenhausen umreißt das Problem: Die Verkehrsschneisen trennen den Stadtbezirk in mehrere Teile. Foto: Archiv Storck

Zuffenhausen - Wer im Flugzeug sitzt und beim Landeanflug auf eine Stadt blickt, der bekommt eine Vorstellung von dem, was eine städtebauliche Struktur darstellt. Parks und Stadtquartiere sind oft klar abgegrenzt aus der Vogelperspektive zu erkennen, genauso wie Flächen unterschiedlicher Nutzung und Bebauungsdichte sowie die Hauptverkehrsadern. Manch einer denkt beim Blick von oben: „An dieser Straße oder in diesem Viertel wollte ich nicht unbedingt leben.“

Allerdings geht es bei der Entwicklung eines Strukturplans auch um eine viel grundsätzlichere Frage: Aus welchen Elementen setzt sich ein lebenswertes, sozialverträgliches, ökologisch und architektonisch nachhaltiges sowie optisch ansprechendes Stadtstrukturgefüge zusammen?

Gemeinsam Zukunftsvorstellungen für den Stuttgarter Norden entwickeln

Momentan ist die Stadtverwaltung dabei, an diesem Mosaik zu basteln und ein neues Strukturkonzept für Stuttgart zu erarbeiten. „Was ist unsere gemeinsame Zukunftsvorstellung für den Stuttgarter Norden und für Zuffenhausen im Speziellen?“ Diese Frage stellte Hermann-Lambert Oediger, Leiter der Stadtentwicklung im Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung, bei der Bezirksbeiratssitzung am Dienstag zunächst in den Mittelpunkt der Diskussion. Klar ist, dass der Stuttgarter Norden im Kontext des absehbaren wirtschaftlichen Strukturwandels vor großen Herausforderungen steht. In der Studie „Stadtteilzentren konkret“ wurden zuletzt die Defizite in der Ortsmitte und der Unterländer Straße in den Fokus gerückt und Vorschläge entwickelt, wie diese Bereiche attraktiver gestaltet werden könnten.

Daran will die Stadt ansetzen und dabei den Blickwinkel ausweiten – räumlich wie zeitlich. „Es geht nicht um das Morgen, sondern um das Übermorgen“, erklärte Oediger in der Zehntscheuer die Stoßrichtung des Strukturkonzeptes. Und: Es sollen größere räumliche Zusammenhänge fokussiert werden. Ziel sei es, meinte Oediger, Entwicklungschancen herauszuarbeiten und langfristige planerische Visionen für die Entwicklung des Nordens zu skizzieren. „Wir machen dabei nicht an den Stadtbezirksgrenzen Halt“, betonte der Stadtplaner.

Fokusräume in der Diskussion

Insgesamt sieben sogenannte „Fokusräume der Stadtentwicklung“ werden in dem Gesamtentwurf zum „Strukturkonzept Nord“ von der Verwaltung ins Spiel gebracht, in der Zehntscheuer ging es allerdings lediglich um die Bereiche in Zuffenhausen: Die Verwaltung schlägt in dem bisherigen Entwurf vor, größere Teile von Rot und den Bereich beim Bahnhof Zuffenhausen sowie die Schwieberdinger Straße bis zur Korntaler Straße genauer unter die Lupe zu nehmen. „Das finale Strukturkonzept“, so Oediger, solle im Herbst dieses Jahres beraten und Ende des Jahres im Gemeinderat beschlossen werden. Der jetzige Entwurf, betonte Oediger in der vergangenen Sitzung, sei ein erster Vorschlag und kein fertiger Plan: „Da ist nichts in Stein gemeißelt.“ Eine öffentliche Informationsveranstaltung ist für den 7. Juni von 18 Uhr an im Stuttgarter Rathaus vorgesehen.

„Ich denke nicht an das Übermorgen, sondern ans Jetzt“, eröffnete CDU-Sprecher Hartmut Brauswetter die Debatte in der Zehntscheuer über den Sinn und Zweck einer solchen Strukturplanung. Schon der Titel „Industriestandort im Wandel“ gefalle ihm gar nicht und sei der falsche Ansatz. Es gehe doch in erster Linie darum, Lebensräume zu schaffen und die Lebensqualität für Menschen, die hier wohnen und arbeiten, zu verbessern. Auch CDU-Fraktionskollege Claus-Peter Schmid setzte zur Fundamentalkritik an. Statt sich mit einer zukünftigen „Megaebene“ zu beschäftigen, seien ihm die konkreten Planungen wichtiger. Schmid befürchtet, es werde städtisches Personal für ein Zukunftskonzept gebunden, das dann für die Weiterentwicklung wichtiger aktueller Themen fehlt. Die Gegenposition vertrat Hans-Georg Kerler von der SPD. Er plädierte dafür, diese Chance, sich zu beteiligen, zu nutzen. Früher seien solche Pläne ohne Teilhabe der Bürger und Kommunalpolitiker entwickelt worden: „Wir sollten das nicht zerreden, sondern aufgreifen“, sagte Kerler.

Bezirksbeirat will sich mit dem Thema erneut befassen

Ob die Fokusräume richtig gewählt seien oder ob andere Abgrenzungen oder Bereiche sinnvoller seien, wollte Oediger anschließend von den Bezirksbeiräten wissen. Gegen den Fokusraum 1 „Bahnhof/Schwieberdinger Straße“ hatte das Gremium wenig einzuwenden, forderte aber Ausweitungen. Beim Fokusraum 2 „Rot – Neuer Wohnraum im Bestand“, wo es auch um Verdichtung von Wohnraum geht, besteht für den Bezirksbeirat wohl noch Beratungsbedarf.

Christina Kolb, Vorsitzende des Bürgervereins, meldete sich aus der Reihe der Einwohnerschaft zu Wort und betonte, die B10/27 müsse unbedingt in das Konzept einbezogen werden. „Der Abriss der Auffahrtsrampe ist noch nicht in trockenen Tüchern“, sagte sie.

Bezirksbeirat Karl Reif (SÖS/Linke-Plus) kritisierte, er halte es für problematisch, so aus dem „hohlen Bauch“ Fokusräume festzulegen: Er hätte sich im Vorfeld eine Vorlage zu dem Thema gewünscht. Er schlug vor, dass sich das Gremium mit dem Thema erneut befassen solle. Im Übrigen fehle der Bereich Mobilität und Verkehr. Er verwies auf die Studie der Landesstiftung „Mobiles Baden-Württemberg – Wege der Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität“. „Was ist mit der Erreichung von Klimaschutzzielen. Und was machen wir mit der blutenden Schneise B 10/27. Dazu muss das Strukturkonzept etwas sagen“, forderte Reif. Bezirksvorsteher Gerhard Hanus warf ein, das Thema müsse lediglich wieder in Gedächtnis gerufen werden: „Wir müssen nicht wieder bei Adam und Eva anfangen.“

Joseph Michl von der Arge Nord-Ost sagte: „Was mich wundert: Sie machen Planungen von Übermorgen, aber vieles darin scheint mir von Vorgestern zu sein.“ Er sehe die wachsende Konzentration mit Sorge: „Sie können nicht immer weitere Wohnungen und Verkehr draufpacken.“ In der Sitzung am 20. März kann die Diskussion im Gremium um 17 Uhr fortgesetzt werden. Dann beschäftigt sich der Bezirksbeirat auf eigenen Wunsch erneut mit dem Thema.

Das neue Strukturkonzept Nord wird auch noch in den Bezirksbeiräten Weilimdorf und Stammheim thematisiert werden.

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