Entwicklungsforscher Remo Largo im Interview „Immer mehr Eltern haben Existenzängste“

Von Anja Wasserbäch 

Etliche Schüler sind den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht gewachsen. Das führt oft zu Frustrationen. Entwicklungsforscher Remo Largo sagt, dass Kinder mit Leistungsansprüchen überfordert sind.

Etliche Schüler sind den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht gewachsen. Das führt oft zu Frustrationen. Foto: lassedesignen/Adobe Stock
Etliche Schüler sind den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht gewachsen. Das führt oft zu Frustrationen. Foto: lassedesignen/Adobe Stock

Remo Largo leitete jahrelang die Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ an der Universitätskinder­klinik in Zürich. Seine Bücher wie zum Beispiel „Babyjahre“ oder „Jugendjahre“ gelten als Klassiker der Erziehungsliteratur. Er ist der Ansicht, dass immer mehr Eltern ihre Kinder mit ihren Leistungsansprüchen überfordern. Man könne ein Kind aber nicht über sein Begabungspotenzial hinaus fördern.

Herr Largo, warum sind Menschen unglücklich?
Das ist eine sehr schwierige, vielschichtige Frage. Jeder Mensch versucht seine Grundbedürfnisse wie soziale Anerkennung und existenzielle Sicherheit zu befriedigen. Wenn es ihm nicht gelingt, fühlt er sich unglücklich.
Warum ist das so schwierig?
Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Einer davon ist: weil wir allzu sehr in Normen denken. Alle Lebewesen, Mikroben, Pflanzen und Tiere und so auch der Mensch, sind vielfältig. Mir ist keine Eigenschaft bekannt, die bei allen Menschen gleich ausgebildet wäre. Es ist ein Grundgesetz der Evolution, dass alles seine Vielfalt hat. Damit können leider weder die Schule noch Gesellschaft und Wirtschaft umgehen. Sie wollen den effizienten Menschen. In Deutschland leben mindestens acht Millionen normal intelligente Menschen, die – wohlverstanden, nach neun Schuljahren – kaum lesen und schreiben können. Ein ähnliche Anzahl Menschen kann kaum rechnen. Wir ­alle aber tun so, als ob es diese Menschen nicht geben würde, und machen sie damit unglücklich.
Sie gehen von sechs Grundbedürfnissen des Menschen aus. Das sind existenzielle Sicherheit, körperliche Integrität, Geborgenheit, Selbstentfaltung, Leistung sowie Anerkennung und sozialer Status.
Das Grundbedürfnis nach körperlicher Integrität, Ernährung und Gesundheit, können die meisten Menschen befriedigen. Bei anderen Grundbedürfnissen sieht es jedoch weniger gut aus. Jeder Mensch und jedes Kind möchte Geborgenheit. So fühlen sich ältere Menschen, die in Pflege- und Altersheimen leben müssen, immer weniger geborgen und vereinsamen sogar. In der Schule können die Kinder ihre individuellen Begabungen kaum mehr entfalten. Das Bildungssystem nimmt keine Rücksicht auf die Vielfalt unter den Kindern. Es erwartet Leistungen, die viele Kinder entweder über- oder unterfordern. Auch in der Wirtschaft können die Menschen immer weniger die Leistungen bringen, zu denen sie eigentlich fähig sind. 75 Prozent arbeiten im Dienstleistungsbereich. Eine Arbeit, die vielen nicht entspricht. Manche möchten körperlich und handwerklich tätig sein. Da sitzt dann ein an sich begabter Schreiner in einem Büro vor dem Computer.

„Jeder Mensch will auf seine Weise seine Grundbedürfnisse befriedigen.“

Welches der Grundbedürfnisse ist denn am wichtigsten?
Die Grundbedürfnisse sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Der eine Mensch hat ein großes Bedürfnis nach Geborgenheit, ein anderer ­weniger, dafür will er umso mehr seine Begabungen zur Entfaltung bringen, etwa als Künstler. Diese Vielfalt zwischen den Menschen und beim einzelnen Menschen besteht bereits bei der Geburt und wird im Verlaufe des ­Lebens immer größer. Jeder Mensch will auf seine Weise seine Grundbedürfnisse befriedigen.
Sie haben mehr als dreißig Jahre Langzeitforschung bei Kindern betrieben. Was konnten Sie aus der kindlichen Entwicklung für das Leben im Erwachsenenalter ableiten?
Die Kinder haben mich gelehrt, wie sich die Grundbedürfnisse und Fähigkeiten entwickeln und wie die Vielfalt zwischen den Menschen und auch beim einzelnen Menschen selbst entsteht. So ist der eine Mensch sprachlich und sozial sehr kompetent, nicht aber motorisch und mathematisch. Bei einem anderen Menschen ist es genau umgekehrt. Jeder der mehr als sieben Milliarden Menschen, die gegenwärtig auf der Welt leben, ist einzigartig.
Eine Ihrer Einsichten ist, dass man Kinder nicht formen kann, sondern Ihnen Erfahrungen ermöglichen oder vorenthalten kann.
Das ist eine der großen Schwierigkeiten für Eltern und Lehrer. Alle verstehen, dass ein Kind, wenn man es überfüttert, nicht größer, sondern nur dick wird. Aber wenn es um die geistigen Fähigkeiten geht, sind wir nicht bereit, die Vielfalt zu akzeptieren. Aber im Grunde genommen ist es genau gleich: Wir können ein Kind nicht über sein Begabungspotenzial hinaus fördern. Wenn wir es trotzdem versuchen, verunsichern wir das Kind, und seine Lernmotivation wird beeinträchtigt.

„Wenn das Begabungspotenzial begrenzt ist, macht übertriebene Förderung das Kind nur unglücklich, es fühlt sich als Versager.“

Heißt das, dass Förderungen wie zum Beispiel bei einer Lese- und Rechtschreibschwäche eigentlich nichts bringen?
Wenn wir auf die individuellen Schwächen eingehen, können wir dem Kind helfen, sein beschränktes Begabungspotenzial zu realisieren. Wir wollen aber immer mehr. Wir fördern in der Überzeugung, dass am Schluss alle Kinder gut lesen können. Die Realität ist, dass ein Sechstel der Schüler im neunten Schuljahr auf der Stufe der vierten bis fünften Klasse ist. Beim Rechnen sieht es übrigens ähnlich aus. Das wollen wir einfach nicht wahrhaben.
Warum überfordern Eltern ihre Kinder mit ihren Leistungsansprüchen?
Dafür gibt es wiederum viele Gründe, ein wichtiger davon ist: Immer mehr Eltern haben Existenzängste. Die meisten leben noch im materiellen Wohlstand, glauben aber, dass es zukünftig abwärts gehen wird. Sie üben Druck auf ihre Kinder aus, weil sie Angst haben, dass es die Kinder nicht mehr so gut haben werden wie sie selbst. All dieser Druck nützt aber nichts. Wenn das Begabungspotenzial begrenzt ist, macht übertriebene Förderung das Kind nur unglücklich, es fühlt sich als Versager. Bei der Musikalität akzeptieren wir Vielfalt doch auch. Da wissen wir genau, da kann ich noch so lange üben, es wird kaum besser. Wenn es aber um die Sprache oder das Zahlenverständnis geht, dann zeigen wir für das Kind kein Verständnis mehr.
Sie sagen, dass die Menschheit sich eine Welt geschaffen hat, in die sie nicht mehr passt. Warum sind Sie trotzdem optimistisch, dass die gleichen Menschen es schaffen, sich wieder zu besinnen und ihre Umwelt wieder passender zu gestalten?
Immer mehr Menschen sehen ein, dass sie ihre Grundbedürfnisse nicht mehr ausreichend befriedigen können. Sie haben das Hamsterrad einer sinnentleerten Arbeit satt und suchen nach alternativen Lebensformen. Sie wollen Sinnvolles leisten, das sie befriedigt und der Gemeinschaft dient. Sie wollen vermehrt in stabilen Gemeinschaften leben, beispielsweise in Mehrgenerationenhäusern. Sie haben erkannt: Der Mensch ist nicht für eine anonyme Massengesellschaft gemacht, sondern für ein Leben in einer Gemeinschaft vertrauter Menschen. Wir müssen uns daranmachen, Gesellschaft und Wirtschaft umzugestalten. Das wird nicht ohne materielle Einbußen einhergehen. Es wird uns aber emotional und sozial zufriedener machen.