Entwicklungshelfer in Afghanistan „Der Einsatz war eine Totgeburt“

Ex-Soldat, Arzt, Helfer: Reinhard Erös bei einem seiner Vorträge Foto: Gottfried Stoppel

Der Abzug der ausländischen Truppen aus Afghanistan sei für den Großteil der Bevölkerung in Afghanistan eine gute Nachricht, meint der Entwicklungshelfer Reinhard Erös (73). Die ausländischen Soldaten schützten vor allem die Eliten des Landes.

Berlin - - Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 waren unter Führung der USA internationale Truppen in Afghanistan einmarschiert. Nun endet der Einsatz.

 

Herr Erös, was bedeutet der Truppenabzug für die Sicherheit im Land?

Was heißt denn Sicherheit in einem Land wie Afghanistan? Für die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten in den Großstädten wird die Lage sicher schlechter. Auch finanziell, da sich viele Vertreter dieser Schichten durch Korruption an dem ins Land fließenden Geld bereichert haben. Aber für die große Mehrheit der Bevölkerung auf dem Land ist es eine gute Nachricht, dass es keine Kämpfe mehr zwischen Aufständischen und ausländischen Truppen gibt, keine Angriffe auf ihre Dörfer mit US-Spezialtruppen oder durch Tausende von Drohnenangriffen.

Kommt der Abzug also zu spät?

Ich fordere seit Jahren, dass die ausländischen Truppen Afghanistan verlassen. Die ausländischen Soldaten schützen sich vor allem selbst und die wirtschaftlichen Eliten. Das Hochsicherheitslager der Bundeswehr bei Masar-i-Scharif ist seit Jahren ein Potemkin’sches Dorf, das Sicherheit vorspielen soll. Mit ausländischem Militär ist in der Geschichte Afghanistans noch nie etwas erreicht worden. Der ganze Einsatz war von Anfang an eine Totgeburt, mit ca. 1,3 Billionen Dollar dazu einer der teuersten Kriege in der modernen Geschichte.

Wird sich Ihre Arbeit vor Ort ändern?

Unsere Einrichtungen, 30 Schulen mit über 60 000 Schülern – die meisten davon Mädchen –, vier Mutter-Kind-Kliniken, drei Waisenhäusern, eine Universität auch für Mädchen, sind nie angegriffen worden. Es gab auch keine Bedrohungen gegen unsere 2000 Mitarbeiter, obwohl wir im Osten des Landes aktiv sind, der als Heimatland der Taliban gilt. Daher erwarte ich, dass alles so weiterläuft wie bisher. Wir haben bei jedem Projekt vor dem ersten Spatenstich auch mit religiösen Verantwortlichen vor Ort, also in dem Sinne auch den Taliban, gesprochen. Wenn es Einwände gab, haben wir ein Projekt nicht gemacht.

Ist in den vergangenen 20 Jahren zu wenig mit den Taliban geredet worden?

Die westlichen Mächte haben nach 2001 die Taliban beim Wiederaufbau des Landes völlig außen vor gelassen, sich aber mit kriminellen Warlords und Drogenbaronen an einen Tisch gesetzt. Ich habe schon damals gesagt, so wird das nichts werden. Die Taliban hätten von Anfang an eingebunden werden müssen, auch wenn uns zum Beispiel deren Frauenbild nicht passt. Das grundlegende Problem ist: Wir haben auf das Land immer nur aus unserer Sichtweise geblickt und unsere Maßstäbe angelegt.

Beunruhigt Sie es gar nicht, dass die Taliban wieder landesweit nach der Macht greifen?

Die Taliban sind Paschtunen, also Angehörige der größten Bevölkerungsgruppe Afghanistans und keine ausländischen Truppen. Diese religiösen Hardliner haben von 1994 bis 2001 das Land beherrscht und ein brutales Regime geführt. Frauen durften nicht auf die Straße oder einen Beruf ausüben, Mädchen nicht in die Schule. Jetzt haben wir es aber mit einer neuen Generation von Taliban zu tun. Heute, 20 Jahre später, hat die Jugend Afghanistans, und natürlich auch die neue Generation der Taliban, Zugang zum Internet und weiß, was in der Welt passiert. Die wollen ihr Land nicht kaputt machen, sondern die „Islamische Republik Afghanistan“ – so heißt das Land in seiner Verfassung – von westlichen Einflüssen, besonders der vom Westen geförderten Korruption, befreien und islamische Werte in den Mittelpunkt von Politik und Kultur stellen. Die Taliban waren weder an den Anschlägen vom 11. September 2001 noch an irgendeinem der Folge-Terroranschlägen beteiligt.

Wie kann das Ausland weiterhin helfen?

Drei Viertel der etwa 40 Millionen Afghanen leben auf dem Land. Diese 30 Millionen Menschen leiden unter Arbeitslosigkeit und bitterer Armut. Sie wollen ausreichend zu essen haben, brauchen sauberes Wasser, Strom und Bildung für ihre Kinder. Das Land hat zudem eine der höchsten Kinder- und Müttersterblichkeitsraten weltweit. 60 Prozent der Säuglinge und Kinder sind unterernährt. Das sind die Hauptprobleme des Landes, nicht dass die ausländischen Truppen jetzt abziehen. Wir sollten diese Menschen endlich massiv wirtschaftlich unterstützen, aber die Frage des politischen Systems den Afghanen überlassen.

Zur Person

Der frühere Oberstarzt der Bundeswehr Reinhard Erös (73) gründete 2001 mit seiner Frau und den sechs Kindern die Stiftung „Kinderhilfe Afghanistan“. Die Organisation finanziert ihre Projekte ausschließlich mit privaten Spenden. Erös lebt die Hälfte des Jahres vor Ort. Über seine Erfahrungen hat er zwei Bücher geschrieben.

Weitere Themen