Nach Afrika. Im Film „Das fliegende Klassenzimmer“ aus den bunten 1970er Jahren fliegen die Schüler am Ende nach Kenia. In der Buchvorlage Erich Kästners kommen sie im Schülertheaterstück auch ganz gut um die Welt, der „Unterricht wird zum Lokaltermin“. In der 1b der Janusz-Korczak-Schule auch.
Leonard Lemchukwu hat die Schülerinnen und Schüler samt Klassenlehrerin Ute Bidlingmaier mitgenommen zu einem Ausflug nach Nigeria. Am Dienstag, in der fünften Stunde. Nigeria in 45 Minuten, geht das? Geht, wenn man sich auf einen kleinen Teil des Landes beschränkt, nämlich Lemchukwus Heimatdorf Umudim. Und dabei das große Ganze im Blick behält: Nigeria liegt in Westafrika, ist mit 230 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas. „Und hat 200 Sprachen“, sagt Lemchukwu, das macht die Kinder erstmal sprachlos.
Im bevölkerungsreichsten Land Afrikas gibt es 200 Sprachen
200 Sprachen? Wie geht das denn? „So“, sagt Lemchukwu und legt los, er spricht vier der 200 Sprachen und sagt viermal „Guten Morgen, liebe Kinder“, die 1b versteht kein Wort. Und wie klappt das dann in Nigeria mit der Verständigung? „Mit Englisch“, sagt Lemchukwu, „das spricht in Nigeria fast jeder.“ Und wieder was gelernt: Englisch lernen schadet nicht. Gibt es aber hier in der Klasse 1 gerade nicht.
Egal, Lemchukwu spricht auch Deutsch. Er lebt seit Jahren in Deutschland, hat den Doktortitel an der katholisch-theologischen Fakultät der Uni Tübingen erlangt, ist seit 2021 Pfarrer der katholischen Seelsorgeeinheit Sankt Maria und Christkönig. Und gleich neben der Christkönig-Kirche steht die Janusz-Korczak-Schule und da drin erzählt er von Umudim in der Region Igboland, im Süden Nigerias.
Die nächste Schule war früher 20 Kilometer weit weg. „Und ein Auto oder ein Fahrrad hat dort fast niemand“, sagt er. Wer in die Schule geht und ging, der macht das zu Fuß, nicht per Elterntaxi. Und: „Wenn die Eltern kein Geld haben, schicken sie ihre Kinder auch nicht in die Schule, sondern zum Arbeiten.“ Schulpflicht gebe es in Nigeria nicht, sagt Lemchukwu. „Cool“, finden das einer in der ersten Reihe, aber nur ganz leise, denn: Arbeiten als Kind wäre eher uncool. Uncool fand das alles auch Lemchukwu, also fing er an, Geld zu sammeln und eine Schule in Umudim zu bauen. 2016 ging es los, jetzt gehen 150 Kinder in die Grundschule und 60 in den Kindergarten in seinem Heimatdorf.
Damit das mit der Bildung nach Grundschule weitergeht, baut er gerade eine Realschule. Der Rohbau steht, das Dach ist drauf, jetzt müssen noch Fenster und Türen rein, der Boden auch und natürlich Tische und Stühle. Dafür braucht es Geld, Dafür engagiert sich der Pfarrer aus Nigeria. Er sammelt Geld, damit es die Kinder in seiner alten Heimat besser haben. Er ist einer von vielen, die Entwicklungshilfe in ihrem Herkunftsland leisten. Neben diesen Einzelnen, die man an ihren neuen Wirkungsorten kennt, unterstützen auch viele Migranten ihre Familien oder Freunde in der alten Heimat.
Ziegelsteine werden vor Ort selbst hergestellt
Lemchukwu hat ein paar Bilder dabei und zeigt den Kindern, wie das aussieht in Igboland. Und wie dort gebaut wird: „Mit den Händen.“ Bevor gebaut wird, graben die Arbeiter die Palmen samt Wurzeln aus, „das dauert pro Baum einen ganzen Tag“, sagt Lemchukwu, der damals mitgegraben hat. Auch die Ziegelsteine werden vor Ort gemacht. In eine Metallform wird die feuchte Lehmmasse geschmiert, dann trocknen die Steine in der Sonne, davon gibt es in Umudim reichlich, „es ist dort immer warm“, sagt Lemchukwu. 20 000 Steine brauchte es für die neue Schule. Und für die neue Krankenstation auch. Die wird auch neu gebaut, die alte ist zu klein. Wenn sie fertig ist, soll dort auch ein Arzt arbeiten – der ist bisher 60 Kilometer weit weg. Aber das ist die nächste Geschichte, denn die 45 Minuten im staunenden Klassenzimmer sind vorbei.
Brücken bauen für Igboland
Bildung
„Brückenbauen für Igboland“ heißt der Verein, den Leonard Lemchukwu gegründet hat, um in seinem Heimatort zu helfen. Er hat schon in seiner früheren Gemeinde Rot am See im Kreis Schwäbisch Hall den Bau eines Kindergartens mit integrierter Grundschule in seinem Heimatort Umudim in Nigeria betreut.
Ehrenamtlich
Das war mit 50 000 Euro zu schaffen, weil sämtliche Arbeiten ehrenamtlich von der Bevölkerung erledigt werden. Helfer fällten Bäume, hoben die Gräben für Fundamente aus, stellten von Hand 7000 Ziegelsteine her.