Berlin - Treffpunkt Berlin-Mitte, auf eine Maultasche mit Martin Jäger. Der 55-jährige Ulmer hat schon bei Daimler, im Kanzleramt und in der deutschen Botschaft in Kabul geschafft. Seit vergangenem Jahr ist er Staatssekretär im Entwicklungsministerium.
Herr Jäger, wir beginnen mit dem schwäbischen Glaubensbekenntnis: Nemmed Sie d’Mauldascha en dr Bria oder gschmelzt?
Am liebsten mag ich meine Maultaschen mit Ei überbacken – das war bei uns zu Hause immer der Klassiker.
Wie schwäbisch ist jemand wie Sie eigentlich noch, der die ganze Welt bereist hat?
Meine Herkunft bedeutet mir viel. Ich bin im Schwäbischen aufgewachsen, habe auf Schwäbisch Abitur gemacht, Hochdeutsch kannte ich lange nur aus der „Tagesschau“. Das prägt, ich bin noch oft wegen meiner Eltern in der Nähe von Ulm, ich habe in meiner Zeit im Landesinnenministerium dort gelebt. Die Verbindung ist also noch eng, und ich denke bis heute auf Schwäbisch. Womit ich nach meinen Auslandserfahrungen wenig anfangen kann, ist Heimattümelei.
Wenn Sie sagen, dass das Schwäbische Sie geprägt hat: Woran machen Sie das fest?
Ich komme von der Alb, genauer vom Hochsträß – da ist es oft kalt, die Äcker sind steinig, die Umgebung regt nicht zum Herumspinnen an. Das prägt die Menschen, die sehr der Realität und den harten Fakten des Lebens zugeneigt sind.
Da wird nicht groß drum herum geredet.
Meine Herkunft ist auch protestantisch geprägt. Da hat das Wort Gewicht, schneidet ins Leben. Wer sich am Wort vergreift, indem er einfach so daherredet, versündigt sich. Ich kann es nicht brauchen, wenn unnötig geschwätzt wird. Davon könnten sich die Hauptstädte Berlin und Stuttgart etwas abschauen – dort wird viel zu viel dahergeredet.
Wie erträgt es jemand von der Alb dann überhaupt so lange in der Politik?
Wichtig ist, dass man etwas zu sagen hat – und etwas bewegen will. Was mir am meisten auf die Nerven geht, ist, wenn nur geredet wird, um sich vorzutun.
Wer Sie über ihre Wurzeln reden hört, fragt sich, wie dazu ein Lebenslauf passt, der ein wenig klingt nach „Hauptsache weg“.
Als ich mein Abitur in der Tasche hatte, wollte ich tatsächlich nur raus aus dem Ulmer Nebelloch. Erst in der Ferne habe ich dann gemerkt, wie sehr mich die kulturelle Prägung begleitet. Je älter man wird, umso mehr schätzt man sie.
Ethnologiestudium, Fotografenlehre, Auswärtiges Amt, Kanzleramt, Daimler-Cheflobbyist, deutscher Botschafter in Afghanistan, im Finanzministerium mit Wolfgang Schäuble, Polizeireform in Stuttgart und jetzt Entwicklungspolitik – verbindet all diese Stationen Ihrer Berufslaufbahn eigentlich eine Klammer?
Neugier, vielleicht auch ein bisschen Rastlosigkeit, Routine ist nicht so meine Sache. Ich bin 1994 als Beamter in den diplomatischen Dienst gegangen; im Auswärtigen Amt wird von jedem erwartet, dass er sich alle paar Jahre versetzen lässt. Das Amt ist übrigens bis heute mein Mutterhaus – während meiner Zeit bei Daimler hat es mich beurlaubt, sonst nur entliehen.
Eine Frage an den Fotografen: Gibt es ein Bild, das Ihnen besonders viel bedeutet?
In meiner Wohnung hängt ein Foto, das ein pakistanischer Kollege 1987 von mir gemacht hat, als ich eine Demonstration islamistischer Fanatiker in Karachi fotografierte. Damals konnte mir nicht vorstellen, dass es zum 11. September oder den Anschlägen in Europa kommen würde. Noch weniger sah ich voraus, dass ich damit beruflich so viel zu tun haben würde – an 9/11 im Kanzleramt, in Kabul, zur Zeit des Terroranschlags vom Breitscheidplatz im Innenministerium. Insofern erinnert mich das Foto daran, dass vieles von dem, was wir heute erleben, damals seinen Anfang nahm – und viel Unvorhersehbares noch kommen wird.
Was meinen Sie damit genau?
Ende der siebziger, zu Beginn der achtziger Jahre nahmen viele bedeutende Entwicklungen ihren Anfang. Neben der islamischen Revolution im Iran kam es zur ersten Deregulierungswelle auf den Finanzmärkten, Computer wurden erfunden, China entschloss sich, auf die Weltbühne zurückzukehren, der Club of Rome setzte Klimaschutz und Nachhaltigkeit auf die Tagesordnung. Diese Dinge prägen unsere Gegenwart, ohne dass wir damals verstehen konnten, wohin sie führen würden. Damals dachte ich noch, wir wären vom Schicksal geschlagen, weil wir in einer statischen Welt ohne Veränderung leben. Da war mein Reflex, bloß weg aus Deutschland, irgendwo musste es doch noch das Abenteuer geben.
Welche der vielen Veränderungen, die Sie danach erlebten, hat Sie besonders geprägt?
Am meisten hänge ich an der Zeit in Kabul. Die Arbeitsumstände waren schwierig, aufgrund der Sicherheitslage waren wir in der Botschaft eine verschworene Gemeinschaft und haben manches zusammen weggesteckt, was in dieser Zeit passiert ist. Der Vertreter Deutschlands kann zugleich viel bewegen in Afghanistan – wir haben die Bundeswehr da, sind zweitgrößter Truppensteller, geben im Jahr über 400 Millionen Euro aus, unser Wort hat dort Gewicht. Wenn Sie sagen, Sie müssen den Präsidenten sprechen, dann sprechen Sie auch mit dem Präsidenten.
Zuvor waren Sie bei Daimler, unter ganz anderen und doch schwierigen Umständen.
Dieter Zetsche hat mich damals geholt, um die Lobbyarbeit neu zu ordnen. Ich war zehn Tage da, als die Finanzkrise losbrach und es plötzlich um das nackte Überleben des Konzerns ging. Es war unklar, ob die Refinanzierung am Kapitalmarkt noch gelingt, es gab Kurzarbeit, die Abwrackprämie hat dann die Nachfrage wieder angekurbelt – das war schon eine sehr intensive Zeit.
Cheflobbyist von Daimler – klingt im Autoland Deutschland nach maximaler Macht. Regiert doch die Wirtschaft die Welt?
Ich habe mir manchmal gewünscht, ich hätte den Einfluss gehabt, der dieser Position so gerne zugeschrieben wird. Aber in einer Welt, in der die Interessen so verschränkt sind und sich gegenseitig aufheben, ist das gar nicht möglich. Und natürlich trifft die Politik alle Entscheidungen – sie muss aber reagieren auf Dinge, die sich aus der Gesellschaft heraus ergeben, und dazu zählt die Wirtschaft.
War das der krasseste Jobwechsel, als es anschließend nach Kabul ging?
Nein, das war der zurück von Kabul ins Bundesfinanzministerium. Ich habe 2014 am einen Tag Afghanistan verlassen und habe am nächsten in Berlin angefangen – ohne Urlaub, ohne alles. Wenn ich gewusst hätte, was da alles noch kommt, wie viele Nächte und Wochenenden ich wegen der Griechenlandkrise unterwegs sein würde, hätte ich das niemals so gemacht. Die Arbeit hätte ohnehin kaum unterschiedlicher sein können, da ich sofort Deutschlands Gewicht in der Eurozone zu spüren bekam: Als Botschafter in Kabul kontrolliert niemand so ganz genau, was man dort sagt – wenn Sie aber als Sprecher des Finanzministers in der Bundespressekonferenz sitzen, können Sie mit ein paar Halbsätzen die Börsen bewegen.
Schäuble gilt auch nicht als einfacher Chef.
Mit ihm bin ich so gut ausgekommen wie mit keinem anderen. Das hat menschlich wie politisch gepasst – er hat einen unglaublichen Erfahrungsschatz und ist gerade kein Schwätzer, sondern ein strategischer Kopf. Geprägt hat mich auch mein erster Chef Klaus Kinkel, der dieses Jahr leider verstorben ist. Er war ein ganz anderer Typ, manchmal ein richtiger Hitzkopf. Für ihn war ich übrigens der „Schwäbisch-Dolmetscher des Auswärtigen Amtes“.
Das müssen Sie erklären.
Anfangs war ich im Auswärtigen Amt Redenschreiber bei Kinkel. Ich war viel unterwegs mit ihm, als er damals mit von mir geschriebenen Reden für die Einführung des Euros warb. Einer seiner Standard-Gags lautete: „Wenn Se mi ned verstandet: Do sitzt der Jäger, des isch der Schwäbisch-Dolmetscher vom Auswärtiga Amt.“
Als Schäubles Schwiegersohn Thomas Strobl Sie zurück ins Schwabenland geholt hatte, endete die Heimkehr abrupt nach knapp zwei Jahren. Wieso zog es Sie doch wieder in die Ferne, wo Sie doch die Heimat angeblich im Alter zu schätzen lernten?
Im Innenministerium habe ich vor allem die Arbeit mit der Polizei sehr genossen – das ist etwas richtig Handfestes. Ich vermisse die Landespolizei. Mich beeindruckt, mit welcher Hingabe Polizisten ihre schwierige Aufgabe erfüllen. Dafür bekommen sie viel zu wenig Respekt. Ich hatte Thomas Strobl aber von Anfang an gesagt, dass ich nicht ewig in der Landespolitik bleiben würde. Es kam dann etwas früher als gedacht, weil mich kurz vor der Regierungsbildung in Berlin Entwicklungsminister Gerd Müller anrief, den ich aus der Zeit kannte, als das Finanzministerium die Geldmittel zur Bekämpfung von Fluchtursachen massiv erhöhte. Das war für mich die Chance, dorthin zurückzukehren, wo ich herkomme, nämlich in die internationale Politik.
Als Entwicklungsstaatssekretär stehen Sie nicht so sehr im Fokus der Öffentlichkeit. Lässt sich im Verborgenen mehr bewegen?
Ich arbeite nicht im Verborgenen, vor ein paar Tagen war ich bei der Tagung der Weltbank in Washington, nur die deutsche Öffentlichkeit bekommt wenig davon mit. Deutschland ist nach den USA zweitgrößtes Geberland für Entwicklungshilfe, wir vergeben über zehn Milliarden Euro im Jahr. Ich hatte noch nie einen Job, in dem ich mehr bewirken konnte. Der Gestaltungsspielraum ist groß. Wir haben dieses Jahr zum Beispiel ein Reformprogramm für Äthiopien auf die Beine gestellt, weil das Land stabilisiert werden muss. Im Sommer war ich in der irakischen Stadt Mossul, die während der Kämpfe gegen die IS-Terrormiliz dem Erdboden gleichgemacht wurde. Das war einerseits bedrückend, andererseits erfüllte es mich mit Stolz, dass dort mit deutscher Hilfe gerade 15 000 Häuser wiederaufgebaut wurden, damit die Menschen in ihre Stadt zurückkehren können. Wenn Sie da abends heimfahren, denken Sie schon mal: Jetzt hab i doch was gschafft.