Entzündungen, Schlaganfälle und Co. Was macht Mikroplastik mit uns?

Plastikmüll zersetzt sich zu Mikroplastik und findet als solches seinen Weg bis ins Innerste unseres Körpers. Foto: imago//Jose Carlos Ichiro

Kunststoffe sind überall – und kaum verzichtbar. Doch über die Atemwege oder über Fische auf dem Teller gelangt das fein zersetzte Material überallhin in unserem Körper. Das kann zu vielen verschiedenen Krankheiten führen.

Stuttgart - Plastik ist leicht, formbar, witterungsfest und kann sowohl transparent als auch herrlich bunt sein. Dazu ist es sehr preiswert, was es für unzählige Produkte als Verpackung oder Träger von Duft- oder Farbstoffen begehrt macht. Doch ein buntes Plastikutensil hat auch eine dunkle Seite: Es wird aus Erdöl hergestellt, der Plastikmüll verschmutzt die Weltmeere, und kleinste Plastikpartikel gelangen ständig in die Luft, den Boden und in unser Trinkwasser.

 

Fünf Gramm Mikroplastik pro Woche

Rund 370 Millionen Tonnen Plastik werden jedes Jahr laut dem Verband Plastics Europe hergestellt. Ein großer Teil davon wird Kunststoffmüll – und dieser wird zu Mikroplastik. Das gefährdet nicht nur die 75 Prozent der Weltbevölkerung, die ihre Haupteiweißquelle aus belasteten Meerestieren beziehen, sondern auch den deutschen Städter, selbst wenn er keine Fischgerichte mag. Mikroplastik, das durch den Abbau in die Umwelt und die Organismen gelange, „gilt es zu reduzieren“, appelliert Karsten Grote, Leiter des grundlagenwissenschaftlichen Labors mit Schwerpunkt Kardiologie der Uni Marburg.

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Wir nehmen jede Woche fünf Gramm Mikroplastik zu uns, so viel, wie eine Kreditkarte wiegt. Hauptquellen sind dabei der Reifenabrieb unserer Autos und Freisetzungen der Abfallentsorgung und Industrie. Beides atmen wir als Feinstaub ein. In Folie verpackte Lebensmittel, Kaugummi, Plastikspielzeug, Kunstfasern in Kleidung, Polymere in Waschmitteln, Polyamide in Kosmetika und sogar Putzschwämme: Alles enthält Plastik, und wir nehmen es über Atemwege, Haut oder Schleimhäute auf.

Feine Partikel können zu Schlaganfällen führen

Grote und sein Team entdeckten vor Kurzem in Versuchen mit Mäusen, denen farbmarkiertes Mikroplastik zugeführt wurde, dass Immunzellen Mikroplastik aufnehmen und dass solch kleinste Kunststoffteilchen Entzündungen an den Gefäßwänden hervorrufen können. Bei Menschen fänden im Fall von Arteriosklerose, also Arterienverkalkung, hochentzündliche Prozess an der Gefäßwand statt, sagt Grote. Mikroplastik ist dafür ein möglicher Auslöser.

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Bisherige Studienergebnisse, Feinstaub könne zu Herz-Kreislauf- sowie Lungenerkrankungen, Bluthochdruck und auch Schlaganfällen führen, wurden dadurch untermauert. Außerdem wird Feinstaub mit Demenz und Adipositas in Verbindung gebracht, denn schließlich finden auch hier Entzündungsreaktionen statt. Südkoreanische Forscher fanden zudem heraus, dass Mikroplastik sogar die Blut-Hirn-Schranke überwindet, also die Barriere, die schädliche Substanzen aus der Blutbahn filtert, bevor sie ins Gehirn gelangen.

Die Gefahr lauert selbst in der Rührschüssel

Dass ein Risiko für die Aufnahme von Mikroplastik überall lauert, erforscht derzeit Andreas Fath von der Hochschule Furtwangen. Der Chemiker beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Mikroplastik, hat Bücher dazu geschrieben und große Gewässer wie den Rhein durchschwommen, um Wasserproben zu nehmen.

Es ist Faths Art, so auf eine große Gefahr unserer Zeit aufmerksam zu machen: Im April wird er durch die Donau kraulen, begleitet von seinem wissenschaftlichen Team. „Flüsse erzählen Geschichten über die Gesellschaften, denn anhand des Wassers kann man viel ableiten. Nehmen die Menschen Drogen oder Schmerzmittel? Wie sind die Kläranlagen? Und auch: Wie ist das Abfallmanagement eines Landes?“

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Doch nicht nur im Wasser kommt man mit Mikroplastik in Berührung. Vor Kurzem hat der Professor sämtliche Backutensilien aus der heimischen Küche geplündert und forscht nun mit seinen Studenten am Plastikabrieb einer Rührschüssel beim Kuchenbacken. „Wir haben herausgefunden, dass beim Rühren Mikroplastik abgetragen wird. Das ist vermutlich erst mal nicht so tragisch, denn dieses Plastik hat in der Regel die FDA-Zulassung. Aber der Teig kommt ja anschließend in den Backofen, und da weiß man einfach, dass bei großer Hitze viele Kunststoffe toxisch werden. Eine Melaminschüssel beispielsweise darf nicht in die Mikrowelle, weil Formaldehyd entsteht. Was da nun im Backofen passiert, das wollen wir herausfinden“, erzählt Andreas Fath.

Er vermutet nichts Gutes, aber eine Welt ohne Plastik ist dennoch kaum vorstellbar. Schließlich ist Kunststoff nicht per se schlecht: Schwimmärmel, Inkubatoren und Blutbeutel sind Lebensretter. „Doch wenn die Natur bis zu 500 Jahre braucht, um das Material abzubauen, verstoffwechselt unser Körper es sicher auch nicht durch einen Durchgang im Verdauungstrakt. Zudem ist es meist noch versetzt mit Weichmachern, Pigmenten und Stabilisatoren.“

Die Zahnpasta zeigt, wie es anders geht

Ein Ziel müsste sein, nur noch sortenreine Kunststoffe zu verwenden, die wieder problemlos aufbereitet werden können. Stattdessen hat eine Plastikflasche in der Regel einen Deckel aus einem artfremden Plastik. Beides landet zusammen im Gelben Sack. Wenn überhaupt.

Dass ein Wandel möglich ist, zeigt das Beispiel Zahnpasta. Seit 2014 sind Zahncremes in Deutschland frei von Mikroplastik. Manches muss wohl per Beschluss geregelt werden, aber auch der Einzelne kann etwas tun: möglichst verpackungsarm einkaufen, frisch kochen, anstatt Fertiggerichte in der Mikrowelle zu erhitzen, Kleider länger tragen als nur eine Saison, auf Inhaltsstoffe achten. Und für jeden, der noch eine Tasse im Schrank hat, gilt: Porzellan ist allemal besser als ein Coffee-to-go-Becher.

Info: Mikroplastik heizt auch den Klimawandel an

Weite Flugstrecken
Französische Umweltforscher entdeckten, dass große Mikroplastikmengen auch über die Luft transportiert werden können. In Wasseranalysen einer entlegenen Bergregion in den Pyrenäen fand man Kunststoffpartikel aus verschiedenen Großstädten. Man kam zu dem Ergebnis, dass das Mikroplastik etwa 100 Kilometer zurückgelegt haben muss. Man kennt so etwas von Partikeln aus Vulkanausbrüchen, die ebenfalls große Strecken zurücklegen können.

Treibhausgase
Eine Studie der University of Hawaii konnte belegen, dass Plastik den Klimawandel vorantreibt, denn unter UV-Strahlung bilden Kunststoffe unter anderem Ethylen und Methan. Vor allem Methan ist wesentlich klimaschädlicher als Kohlenstoffdioxid – über einen Zeitraum von 20 Jahren gerechnet wirkt es sich mehr als 80-mal stärker auf das Klima aus.

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