Epidemien Welche Risiken dürfen Forscher eingehen?

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Virologen haben das Vogelgrippevirus H5N1 so verändert, dass es auch unter Säugetieren eine Epidemie auslösen kann. Der Fall hat eine weltweite Diskussion über die Risiken entfacht. Die Forscher haben bei einer Tagung in Deutschland ihre Experimente verteidigt.

Das Team von Ron Fouchier hat das Vogelgrippevirus H5N1 so verändert, dass es sich auch unter Frettchen ausbreitet – unter Säugetieren also. Die Frettchen sind im Experiment durch Gitter getrennt, damit sie sich nicht berühren können. Doch die Viren können mit dem Luftstrom vom linken in den rechten Käfig gelangen. Foto: Herfst et.al / Science
Das Team von Ron Fouchier hat das Vogelgrippevirus H5N1 so verändert, dass es sich auch unter Frettchen ausbreitet – unter Säugetieren also. Die Frettchen sind im Experiment durch Gitter getrennt, damit sie sich nicht berühren können. Doch die Viren können mit dem Luftstrom vom linken in den rechten Käfig gelangen. Foto: Herfst et.al / Science

Hannover - Die Virologen Ron Fouchier und Yoshihiro Kawaoka haben Post bekommen. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde National Institutes of Health, die ihre Arbeit fördert, fordert sie auf, ihre Experimente zu unterbrechen. Fouchier und Kawaoka manipulieren Grippeviren, um herauszufinden, wie sich die Erreger wandeln können. Vor drei Jahren haben sie das Vogelgrippevirus H5N1 so verändert, dass es sich unter Säugetieren leicht ausbreitet. Das hatte der Erreger bisher nur bei Vögeln geschafft. In den Versuchen klappte die Luftübertragung auch bei Frettchen, so dass H5N1 vielleicht auch unter Menschen eine Pandemie auslösen könnte.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind in den vergangenen Jahren rund 700 Menschen an H5N1 erkrankt, etwa 400 von ihnen starben. Wenn sich Menschen über Tröpfchen in der Luft infizieren könnten wie bei anderen Grippevarianten, könnte die Zahl der Betroffenen sprunghaft steigen. Allerdings ist gegenwärtig offen, ob das Virus dann noch so tödlich wäre wie bisher; von den Frettchen haben die meisten die Krankheit überstanden. Fouchier und Kawaoka argumentieren, dass ihre Arbeit zur Vorsorge wichtig sei: Man müsse wissen, was auf die Menschheit zukommen kann. Ihre Kritiker halten es hingegen für zu riskant, mit gefährlichen Viren zu experimentieren, die in der Natur gar nicht vorkommen.

Eine weltweite Debatte über die Risiken der Forschung

Der Fall hat eine weltweite Debatte ausgelöst. Der Ethikrat hat im Mai eine deutsche Biosicherheits-Kommission gefordert, um solche Experimente zu prüfen; die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben im Juni Empfehlungen vorgelegt.

Die Reaktionen in den USA sind schärfer. Als Ron Fouchier im September 2011 seine Ergebnisse ankündigte, wurde er zunächst aufgefordert, sie nicht zu publizieren, um Terroristen keine Anleitung für einen biologischen Angriff zu geben. Fouchier und Kawaoka veröffentlichten 2012 schließlich überarbeitete Fassungen ihrer Studien, die von Ethikkommissionen genehmigt worden waren. In aller Welt unterbrachen Virologen ihre Arbeit, um der ethischen Debatte nicht vorzugreifen, und trafen sich zu Kongressen.

Im August 2013 nahmen Fouchier und Kawaoka ihre Arbeit wieder auf. Doch nun das: Die US-Regierung will noch einmal debattieren und dreht diesmal die Beweislast um. Es geht nicht um die Frage, ob man die Experimente verbieten darf, sondern darum, ob man sie erlauben soll. Kommende Woche müssen die Virologen zur ersten Anhörung antreten und begründen, warum ihre Arbeit notwendig und ungefährlich ist. Diese Woche waren sie auf Einladung der Volkswagen-Stiftung in Hannover und haben sich dort ausgetauscht. Wir stellen die beiden Seiten der Debatte in einem Pro & Kontra dar: Ist es nötig, Grippeviren im Labor noch gefährlicher zu machen?