Andreas Kamp (rechts) und Alexander Porath arbeiten wie Detektive, wenn sie Erben ermitteln. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle
Stirbt ein Mensch ohne Testament und offensichtliche Hinterbliebene, sind Andreas Kamp und Alexander Porath gefragt. Wer von ihnen Post bekommt, hat Aussicht auf ein unverhofftes Erbe.
Nichts deutet in diesem aufgeräumten Büro darauf hin, dass hier detektivisch gearbeitet wird. Dass sich zwischen Kopierer und Kaffeetassen Familiengeschichten entblättern, mammuthafte Stammbäume erwachsen, Welthistorie unverhofft im Leben einzelner aufscheint. Wobei die Karte des Königreichs Württemberg an der Wand und die Regale mit alten Adressbüchern von A wie Aalen bis W wie Wolfach ein erster Hinweis darauf sein könnten.
Andreas Kamp (47) und Alexander Porath (39) – zwei hochgewachsene schlanke Männer in hellblauen Hemden und dunklen Hosen – sitzen am Besprechungstisch dieses Büros im Stuttgarter Westen. Draußen zeugen Gründerzeithäuser und Nachkriegsbauten von jenen Zeiten, als der Wohlstand in Deutschland seinen Anfang nahm. Drinnen tauchen Kamp und Porath tief ein in die Sprache und Methodik ihrer Profession. Es geht um Quellenwerte und Provenienzen, Archiv-Systematik, Digitalisate und Kurrentschrift, um Linien- und Gradualsystem. Willkommen in der Welt der Erbenermittler!
Nachlass muss mindestens fünfstellig sein
Kamp und Porath arbeiten für die GEN Gesellschaft für Erbenermittlung. Agenturen wie diese kommen ins Spiel, wenn ein Mensch ohne Testament und offensichtliche Erben stirbt, wenn ein vom Gericht bestellter Nachlassverwalter nicht weiter kommt. Ein niedriger einstelliger Prozentsatz aller Erbfälle lande auf den Tischen seines Berufsstandes, sagt Alexander Porath. Tendenz steigend. Die mobile, individualisierte Gesellschaft treibt ihnen die Aufträge zu. Oder, wie es Andreas Kamp, der die Stuttgarter GEN-Niederlassung leitet, formuliert: „Wenn alle Familien seit fünf Generationen am selben Ort wohnen würden, bräuchte es uns nicht.“
Damit sie einen Fall annehmen, muss der Nachlass „werthaltig“ sein, fünfstellig mindestens. Denn Erbenermittler müssen zunächst auf eigene Kosten arbeiten, teils jahrelang. Erst wenn sie Nachfahren gefunden haben, in deren Auftrag sie weiter forschen. Erst wenn diese tatsächlich einen Erbschein erhalten, Geld oder Immobilien in ihren Besitz übergehen, bekommt die Agentur ein Honorar. Branchenüblich sind 20 bis 35 Prozent der geerbten Summe.
Dutzende Erben können zusammen kommen
Der Klassiker unter ihren Fällen geht so: Jemand stirbt ohne Kinder und Enkel, ohne Geschwister, Nichten und Neffen, die sogenannte 1. und 2. Erbordnung. Dann fällt der Nachlass der 3. und 4. Ordnung zu, also den Nachkommen der Großeltern- oder Urgroßelterngeneration. Und das können schon mal Dutzende sein.
All diese und ihren Verbleib müssen Kamp und Porath recherchieren und dokumentieren. Die Vorfahren und Nachverstorbenen, die Tanten, Onkel, Cousins verschiedenen Grades. Die ehelichen wie unehelichen Sprosse. Ob der 20 Jahre ältere Bruder der Erblasserin aus der ersten Ehe des Vaters noch Nachfahren hat, gilt es zum Beispiel herauszufinden. Oder wohin es die Geschwister der Großmutter nach der Flucht aus Königsberg verschlug. Vier ausgedruckte Meter lang kann so ein ermittelter Stammbaum schon mal werden. Neulich brachte es Alexander Porath wieder auf 1,2 Kilogramm Akten zu einem Fall.
Eine Sammlung alter Adressbücher und Telefonverzeichnisse hilft Alexander Porath bei seiner Spurensuche. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Dass die beiden Historiker und Genealogen sind, ist Voraussetzung für ihren Beruf. Ohne ein Faible für alte Dokumente geht es nicht. Andreas Kamp, der aus Bottrop stammt, hat für seine Promotion die Quellen eines spätmittelalterlichen Textes editiert. Alexander Porath, aufgewachsen in der Schweiz, in seiner Abschlussarbeit die 500 Jahre alten Ahnenproben des Straßburger Domstifts erforscht.
Ganz so weit zurück müssen sie heute nicht mehr gehen. Sie ermitteln meist im späten 19. und im 20 Jahrhundert, als zwei große Kriege, Flucht, Vertreibung und ein geteiltes Deutschland Familienbiografien und –wege mitzeichneten.
Historische Wünschelrutengänger
Wer mit den Erbenermittlern spricht, hangelt sich durch die Systematik des deutschen Archivwesens, auch durch ein Stück Bürokratiegeschichte. Familienregister, Volkszählungen, Entnazifizierungsakten, Scheidungsurteile, Sterbefallanzeigen, Strafverfahren, Grundbesitzakten, Stamm-, Adress- und Kirchenbücher gehören zu ihren Quellen. Nur wenige davon liegen digitalisiert vor. Meist blättern sie sich durch hunderte vergilbte Seiten.
Wenn man es so will, sind Kamp und Porath historische Wünschelrutengänger. Jederzeit kann unter einem Aktendeckel der Hinweis auf einen liegen, für den der klischeehafte Traum von der reichen Erbtante wahr werden könnte. Neulich zum Beispiel wurde Alexander Porath in den Entschädigungsakten des Landesarchivs fündig wurde. Darin beantragte eine Witwe Geld von der französischen Besatzungsmacht, weil ihr Mann in einem Unfall mit deren Soldaten gestorben war. „Unwahrscheinlich, dass sie in einem Entschädigungsantrag falsche Angaben über die Anzahl ihrer Kinder gemacht hat“, sagt Porath. Die Quelle entfaltete ihren Wert, so erhaben klingt das in der Sprache der Erbenermittler.
Unbekannte Geschwister finden sich
Ihre Ermittlungen führen Kamp und Porath weit in die Verästelungen von Familiengeschichten hinein, bisweilen in deren unbeleuchtete, auch beschwiegene Ecken. Und immer wieder in die ehemaligen deutschen Gebiete in Osteuropa, wo GEN Mitarbeiter hat. Wie in dem Fall einer alleinstehenden Frau, die in Polen starb. Andreas Kamp verfolgte die Spur ihres deutschen Vaters, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der Nähe von Frankfurt noch einmal zwei Söhne bekam, die Halbbrüder der Erblasserin. Die kamen nun unverhofft nicht nur zu Barem, sondern auch zu einem unbekannten Teil ihrer Identität.
Überhaupt spielt das Dritte Reich in fast all ihren Fällen eine Rolle. Mancher Großonkel entpuppt sich in der Recherche als SS-Mann, die verschwundene Tante als Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms. Und wenn bei einem Ehepaar das Attribut „gottgläubig“, ein im Dritten Reich eingeführter Begriff, verzeichnet ist, handelte es sich wohl um überzeugte Nazis. „Wir wissen dann, dass sie ihre Kinder sicher nicht taufen ließen, wir also nicht in Kirchenbüchern suchen müssen“, sagt Alexander Porath.
Mit ihrem Wissen gehen sie behutsam um. „Wir geben solche Informationen nur weiter, wenn sie für den Fall relevant sind“, sagt Andreas Kamp. Ohnehin ist höfliche Zurückhaltung ein Arbeitsprinzip, weshalb sie auch nur wenig über ihre Fälle Preis geben wollen.
Falsche Hoffnungen, reich zu werden, machen die Erbenermittler jedenfalls nicht. Aber sie sichern zu, dass die Nachkommen nicht draufzahlen müssen. Schlimmstenfalls bekommen sie nichts, muss eine Akte geschlossen werden, weil die Quellen schwiegen oder doch noch ein Testament aufgetaucht ist. Oder weil die Frist abläuft. Nach 30 Jahren fällt dem Staat ein Erbe zu. Meist sei es ein vier- oder fünfstelligen Betrag, der am Ende auf dem Konto der Nachfahren lande. Nur selten mehr, denn „wer ein Millionenerbe zu vergeben hat, hat das im Normalfall auch geregelt“, sagt Andreas Kamp.
So nah sie den Familiengeschichten in der Rückschau kommen, so distanziert bleibt der Kontakt zu den Erben in der Gegenwart. Meist beschränkt er sich auf Briefe, Mails, Telefonate. Trotzdem freuen sich die zwei, wenn jemand erbt, der im Umgang angenehm und sympathisch war, ihnen nicht mit Skepsis gegenüber trat. Oder wenn das Geld echte Hilfe ist. „Eine Frau schrieb mir, dass ihr Erbe das Restaurant der Tochter durch die Corona-Zeit gerettet hat“, sagt Kamp. Natürlich erbten am Ende auch die schwierigen oder unsympathischen Klienten. Vor dem Erbrecht sind alle gleich.
Aber Porath und Kamp sind ohnehin eher Pragmatiker. Ein Lieblingsfall? Andreas Kamp überlegt und sagt dann „Schön ist es immer, wenn man am Ende alle Erben beisammen hat.“
Erbenermittler in Deutschland
Berufsfeld Bundesweit gibt es rund ein Dutzend große Erbenermittlungs-Agenturen. Meist arbeiten Historiker und Genealogen für sie. Beauftragt werden sie von Nachlassgerichten, -pflegern, Notaren und Anwälten, die bei der Erbensuche nicht weiter kommen. Aber auch Erbengemeinschaften, die nach weiteren Mitgliedern suchen, beauftragen Erbenermittler.
Finanzielles Die gefundenen potenziellen Erben gehen eine Honorarvereinbarung ein. Sie regelt, dass der Erbenermittler im Fall eines Erbes einen Anteil bekommt, gängig sind 20 bis 35 Prozent. Dafür ermittelt er in Vorleistung die Erben, trägt die notwendigen Dokumente zusammen und beantragt den Erbschein. Durchschnittlich dauern die Ermittlungen drei Jahre, aber es kann auch kürzer oder weit länger sein.
Historie Laut dem Verband Deutscher Erbenermittler gibt es diese Profession seit mehr als 100 Jahren. Ursprünglich ging es darum, die Erben von in Übersee verstorbenen Auswanderern in der alten Heimat Deutschland zu suchen. Heute reichen durch die Fluchtbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg viele Erbfälle bis in die ehemaligen deutschen Gebiete im heutigen Polen und Tschechien zurück. „Daneben führt eine zunehmend anonymisierte Gesellschaft bis in die Gegenwart zu einem erhöhten Bedarf der Erbenermittlung, insbesondere in den Ballungsräumen und Großstädten“, schreibt der Verband.
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