Automobilzulieferer in Amberg Erbitterter Machtkampf bei Grammer

Von Thomas Magenheim 

Die von der Hastor-Familie geführte Prevent-Gruppe will bei dem Automobilzulieferer Grammer in Amberg in der Oberpfalz künftig das Sagen haben. Dagegen gibt es erheblichen Widerstand.

Der Machtkampf steht vor seinem  Höhepunkt: Bei Grammer in Amberg kommt es am Mittwoch wohl zum Showdown. Foto: dpa
Der Machtkampf steht vor seinem Höhepunkt: Bei Grammer in Amberg kommt es am Mittwoch wohl zum Showdown. Foto: dpa

Amberg - Auch der letzte Versuch einer Vermittlung ist gescheitert im Machtkampf um den Kfz-Zulieferer. „Hastor gefährdet die Zukunft von Grammer“, stellt Bayerns CSU-Wirtschaftsministerin klar, nachdem sie beim deutsch-bosnischen Unternehmerclan wie zuvor schon andere auf Granit gebissen hat. „Unverantwortlichen Machtpoker“ wirft die Politikerin der Hastor-Familie vor, die kommenden Mittwoch beim Eignertreffen des Oberpfälzer Mittelständlers mit ihren 20 bis 25 Prozent Aktienanteil gegen den Willen von Management, Personal und IG Metall das Sagen übernehmen will.

Aigners Appell ist ungehört verhallt

Aigners Appell, Großaktionäre hätten soziale Verantwortung für Mitarbeiter und Stellen, ist ungehört verhallt und die Bühne bereitet. „Das wird kein Kaffeekränzchen“, sagt Franz Enderle mit Blick auf die Hauptversammlung. Er ist Rechtsanwalt der Münchner Kanzlei Bub, Gauweiler und Partner. Im Grammer-Wirtschaftskrimi vertritt sie die Hastor-Seite, die Firmenchef Hartmut Müller vom Hof jagen und den Aufsichtsrat neu besetzen will, um den Mittelständler auf Rendite zu trimmen. Auf der anderen Seite steht eine breite Front der Ablehnung, die Autobauer, Unternehmerverbände und so verschiedene Parteien wie CSU und SPD einschließt. Es dürfte wenig christlich zugehen am Tag vor Christi Himmelfahrt in Amberg. Normalerweise müsste die Hastor-Familie, die über ihre Prevent-Gruppe deutsche Autokonzerne beliefert, mit ihren Grammer-Anteilen die Hauptversammlung dominieren können. Normal ist aber nichts mehr.

Weißen Ritter aus China in Stellung gebracht

Im Kampf um die eigene Unabhängigkeit hat Grammer den chinesischen Investor Ningbo Jifeng als Weißen Ritter in Stellung gebracht, der nun rund ein Zehntel der Firmenanteile hält und sich gegen die Hastors stellen will. Bis fünf Tage vor der Hauptversammlung war nicht klar, ob die Chinesen bei Grammer einsteigen dürfen. Erst vorigen Freitag hat das Landgericht Nürnberg-Fürth eine einstweilige Verfügung von Prevent dagegen aufgehoben. Letztinstanzlich entschieden ist noch nichts, aber erst einmal sind die Grammer-Aktien von Jifeng stimmberechtigt. Weil auch die führenden Stimmrechtsberater ISS, Glass Lewis und Ivox Grammer-Aktionären empfehlen, für das Management und gegen Hastor zu votieren, gelten die Kräfte als ziemlich gleichgewichtig, zumindest soweit man ihre Verteilung kennt. Die Hastor-Seite könnte weitere Anteile bei befreundeten Banken oder Strohmännern untergebracht haben, sagt ein Insider. Völlig offen sei der Ausgang der Hauptversammlung deshalb. Von Bedeutung ist der weit über Grammer hinaus. Die Oberpfälzer stellen Kopfstützen, Sitze und Mittelkonsolen unter anderem für VW, Daimler und BMW her. Bei einzelnen Baureihen ist Grammer sogar einziger Lieferant. Deshalb verspüren deutsche Autobauer vielfach große Bauchschmerzen, sollte der Hastor-Clan die Kontrolle über Grammer erhalten und damit seine Marktmacht erhöhen. Denn die Hastors rütteln brachial am Rollenverständnis der Branche mit bestimmenden Autokonzernen auf der einen und oft kleinen Zulieferern, die sich die Konditionen diktieren lassen müssen, auf der anderen Seite.

Prevent-Gruppe scheut keine Konfrontationen

Die Prevent-Gruppe scheut eine Konfrontation nicht und hat voriges Jahr per Lieferstreik bei VW dafür gesorgt, dass dort über Tage die Bänder stillgestanden sind. Daimler streitet sich mit Prevent schon länger vor Gericht. Geriete auch Grammer in ihre Hände würde das einiges Erpressungspotenzial bergen. „Die Automobilindustrie will auf jeden Fall verhindern, dass sich so etwas wiederholt“, sagt Autoprofessor Stefan Bratzel mit Blick auf den Zusammenprall von Prevent und VW. Liegt Hastor-Anwalt Enderle richtig, dann hat der VW-Konzern mit seinen chinesischen Kontakten die Blaupause für den Grammer-Abwehrkampf in Form von Jifeng geliefert. Volkswagen bestreitet das. Enderle dagegen glaubt an Rachegelüste. „In Wolfsburg sitzen einige mit gewetzten Messern zwischen den Zähnen und warten auf eine geeignete Gelegenheit“, sagt der Jurist.

Autobauer haben Bestellungen auf Eis gelegt

Dem Grammer-Chef wirft er Lügen und Untreue vor und die Kunden rebellisch gemacht zu haben. Immerhin sind im Auftaktquartal 2017 die Grammer-Auftragseingänge um die Hälfte eingebrochen, während die operative Marge binnen Jahresfrist von 4,1 auf 5,0 Prozent gestiegen ist. Autobauer haben Bestellungen bei Grammer auf Eis gelegt, bis klar ist, wer dort das Sagen hat. Den 12 000 Grammer-Beschäftigten wird es langsam mulmig. „Eine Übernahme gegen den Willen der Beschäftigten funktioniert nicht“, sagt Bayerns IG Metall-Chef Jürgen Wechsler und warnt vor einer feindlichen Übernahme. Die Belegschaft stemme sich „gegen das rücksichtslose und egoistische Gebaren dieses Investors“, legt Mitgewerkschafter und Grammer-Aufsichtsratsvize Horst Ott nach. Welche Strategie die Hastors bei Grammer fahren wollen, bleibt bislang ein Geheimnis. Der Berliner SPD-Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig hat das so vergeblich in Erfahrung zu bringen versucht wie Aigner. Auch der Grammer-Chef rätselt und kämpft. „Ich denke nicht daran, zurückzutreten“, betont Müller. Auch die Gegenseite lässt ihre Muskeln spielen. „Die Familie Hastor verschwindet nicht einfach nach der Hauptversammlung, egal wie das läuft“, warnt Anwalt Enderle. Für Besinnung oder Kompromisse scheint derzeit kein Platz.