Erdbeben auf Haiti 2010 Der Fluch der Karibik

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Fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben steht Haiti kaum besser da als zuvor. Ein Teil der Finanzhilfe konnte offenbar nicht verteilt werden. Das Land bleibt eines der ärmsten der Welt.

Hunderttausende leben noch immer in Zeltstädten und Slums von Port-au-Prince. Foto: AP 9 Bilder
Hunderttausende leben noch immer in Zeltstädten und Slums von Port-au-Prince. Foto: AP

Stuttgart - Toussaint Myson hält mit der linken Hand die Bibel fest umklammert. Mit der rechten holt er weit aus und sagt: „Schaut euch das doch an.“ Myson spricht laut, sehr laut. Fast schreit er die Worte. Der schmale Mann von 28 Jahren mit dem Schnauzbart ist Lehrer von Beruf, aber seine Berufung ist Laienprediger. Myson steht auf einem kahlen Hügel am Ende eines steinigen und staubigen Wegs. Die Sonne brennt von oben herab, der Blick fällt auf Wellblechhütten, Bretterbuden, Marktstände, angeordnet ohne Struktur, einfach hingesetzt. Unten verläuft die Route Nationale 1, die Nationalstraße eins, die Haitis Hauptstadt Port-au-Prince mit dem Nordwesten des Landes verbindet. „Hier ist nichts als Staub, Hitze und Verderben“, ruft Myson und fügt hinzu: „Willkommen in Canaan.“

Der Ort, der so gar nichts mit seinem biblischen Namensgeber gemein hat, liegt 30 Kilometer außerhalb von Port-au-Prince und ist vielleicht der größte Slum Haitis. Während im biblischen Kanaan Milch und Honig flossen, fließen im haitianischen Canaan weder Wasser noch sonst etwas. Die Siedlung entstand nach dem 12. Januar 2010, dem Erdbeben, das in 37 Sekunden 220 000 Menschen in den Tod riss, 2,3 Millionen Haitianer obdachlos machte und weite Teile der Drei-Millionen-Stadt Port-au-Prince pulverisierte.

Man hätte Haiti neu aufbauen müssen

Der kleine Karibikstaat – neben der Dominikanischen Republik gelegen – war schon vor dem Beben ohne externe Unterstützung kaum lebensfähig. Aber nach dem Beben vor fünf Jahren wurde Haiti vollständig zum internationalen Sozialfall. Hunderte Hilfsorganisationen kamen, brachten Zelte, Essen, Chirurgen, Architekten, Trost und Missionare. Alle waren sich einig, dass man Haiti nicht nur neu, sondern auch ganz anders wieder aufbauen müsse. Mit Struktur, Konzept und erdbebensicher und nicht so, wie es vorher war: wild, anarchisch, ungezügelt, vom Staat verlassen – eben so wie in Canaan. Wie viele Menschen leben hier, Monsieur Myson? „Das weiß nur der Allmächtige“, sagt der Laienprediger mit großer Geste. Experten von Nicht­regierungsorgani­sationen schätzen, dass in Canaan mehr als eine Million Haitianer leben.

In den Tagen und Wochen nach der Katastrophe bevölkerten Überlebende und Obdachlose die weiten Hügel außerhalb von Port-au-Prince in der Hoffnung, eine der Hilfsorganisationen möge kommen und sich ihrer erbarmen. Damals kamen nur wenige, heute sind fast keine mehr da. Canaan ist ein gigantischer Slum, aus dem Staub und auf dem Staub gebaut. „Es gibt kein Wasser, keine Kanalisation, kein Strom, zu wenige Ärzte, kaum Polizisten. Und wir alle kämpfen um die Besitztitel für unsere Hütten“, sagt Myson.

Es fehlt eine gerechtere Gesellschaft

In Canaan ist genau das passiert, was alle vermeiden wollten. „Es ist ein Bidonville entstanden, so wie es schon viel zu viele in Haiti gibt“, ärgert sich Arnold Antonin, Filmemacher und eine der nachdenklichen Stimmen der kleinen haitianischen Zivilgesellschaft. Der 72-Jährige hatte schon lange vor dem 12. Januar 2010 vor einem großen Beben in seiner Heimat gewarnt. Und bei aller Tragik hielt er die Katastrophe damals für eine große Chance: „Wir standen vor der Wahl, alles so wie zuvor aufzubauen oder die Chance zu nutzen, Stadt und Land zu überdenken: „Eine gerechtere Gesellschaft, dezentral, geordnet, mit Chancen für alle – ein neues Haiti.“ Die Chance wurde nicht genutzt, und Antonin hält Canaan für das Beispiel eines verfehlten Wiederaufbaus.

Wer durch den Ort geht, dem fällt vor allem die hohe Zahl an Lottobuden und Baustellen auf, an denen evangelikale Freikirchen entstehen. Vielen Leuten in Haiti im Allgemeinen und in Canaan im Besonderen bleiben eben nur Glückspiel oder Gott. Nachts, so heißt es, dominierten Banden die staubigen Wege, würden Mädchen vergewaltigt und Drogen verkauft. Wo dabei die Realität aufhört und die Legende beginnt, weiß auch Toussaint Myson nicht. Aber selbst Haitis Präsident Michel Martelly bezeichnet Canaan als die „hässlichste Narbe des Erdbebens“.

Die Armen wurden aus dem zentrum vertrieben

Canaan ist vielleicht die hässlichste, aber nicht die einzige nicht verheilte Wunde des Erdbebens. An vielen Hügeln rund um Port-au-Prince sind Siedlungen entstanden. Sie krallen sich in die entwaldeten Hänge und sehen aus, als könnte das nächste Gewitter sie in den Abgrund spülen. Viele dieser neuen Orte sind entstanden, nachdem die Regierung die Zeltlager im Zentrum der Stadt räumen ließ und den Vertriebenen 500 Dollar in die Hand drückte, damit sie sich etwas Neues suchten. „Was Haiti gebraucht hätte, wäre ein sozialer Wohnungsbau gewesen“, sagt der Filmemacher Antonin, keine architektonische Anarchie.

Sie sieht man auch im Marktviertel von Port-au-Prince. Hier türmen sich neben den üblichen Müllbergen noch die Schutthalden des Bebens. Die Ruinen der eingestürzten Häuser stehen wie Skelette, die Verkäufer nutzen sie, um auf dem dreckigen Boden Spaghetti, Früchte, Unterwäsche, Gemüse, Zucker und Videos zu verkaufen, während mancherorts Männer daneben ihre Notdurft verrichten. Alles ist ebenso wie früher nur noch eine Spur chaotischer und kaputter. Lediglich der Marché de Fer, der historische Eisenmarkt, ist mit dem Geld eines Mobilfunkanbieters wieder aufgebaut worden.

Inzwischen werden aber Straßen gebaut

Es gibt aber auch Positives zu berichten: Wenn man durch die Stadt fährt, merkt man, dass nicht nur vieles gleich geblieben, sondern auch sehr vieles besser geworden ist. An vielen Stellen wird gebaut, es entstehen Büro- und Geschäftsgebäude. Am Champs de Mars, dem Hauptplatz gegenüber dem ehemaligen Präsidentenpalast, werden mit ausländischem Geld ein neuer Justizpalast und ein neues Grundbuchamt hochgezogen, ein halbes Dutzend Hotels und Supermärkte werden eröffnet. In vielen Elendsvierteln werden Wege mit Steinen gepflastert, die aus dem Schutt des Bebens gewonnen wurden. Bald wird es selbst eine Hochstraße nahe des Flughafens geben, damit man den ständigen Staus auf dem Weg in den höher gelegenen Reichenvorort Pétionville entgeht.

Dort gibt es mittlerweile sogar so etwas wie eine urbane Struktur. Der Place Boyer und der Place Saint-Pierre, jahrelang von Obdachlosen bewohnt, sind heute gepflegte Grünanlagen. Für die Diplomaten, Entwicklungshelfer und UN-Mitarbeiter gibt es Cafés und Restaurants. So etwa das Restaurant Quartier Latin, wo man kaum unter 40 Euro wieder herauskommt, wenn man Alkohol zum Essen trinkt. Donnerstagabends kommt manchmal der Präsident vorbei und singt. Schließlich war Martelly in seinem früheren Leben Musiker und unter dem Namen als Sweet Mickey in Haiti ein bekannter Sänger. Ein nachhaltiger Aufschwung ist das zwar nicht, sondern es sind eher Annehmlichkeiten für die internationale Hilfsbürokratie. Aber so war es ja auch schon, bevor die Launen der Erde vor fünf Jahren die Stadt zerstörten.

Haiti bleibt eines der ärmsten Länder der Welt

Haiti und Port-au-Prince stehen also heute wieder da, wo sie am Vorabend des Bebens vom Januar 2010 standen. Nur mit moderner Infrastruktur, mit mehr und besseren Straßen und Flughäfen. Aber die strukturellen Probleme eines der ärmsten Länder der Welt sind nach wie vor nicht gelöst, sagen Entwicklungshelfer. Die seit Generationen tief verwurzelte Armut, die unfähige und zerstörerische politische Klasse und ständige Naturkata­strophen, aber auch Seuchen wie Cholera machen das Land nicht nur zum Armenhaus Amerikas, sondern zu einem der ärmsten Flecken auf dem gesamten Planeten.

Sechs von zehn Haitianern leben in der extremen Armut mit weniger als einem Euro am Tag. Die Haitianer werden im Durchschnitt gerade einmal sechzig Jahre alt. Arbeitslosigkeit und Analphabetismus liegen bei 60 Prozent. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei rund 700 Dollar und ist damit rund vier Mal niedriger als in der benachbarten Dominikanischen Republik. Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen belegt Haiti Platz 168 von 189 Ländern. Schlechter geht es den Menschen nur noch in afrikanischen Ländern wie Liberia oder Sierra Leone.

Viele Aufbaugelder sind nie angekomen

Immerhin gehen nach Angaben der Regierung dank besonderer staatlicher Programme nun acht von zehn Kindern zur Schule. Früher waren es gerade vier von zehn. Aber sonst ist Haiti trotz drei oder vier Milliarden Dollar internationaler Finanzhilfe nicht so recht viel weitergekommen seit 2010, das weiß auch Präsident Martelly. Mitschuld daran – so sagt er – trage die internationale Gemeinschaft. Die sei ihren hehren Versprechen nicht nachgekommen. Von den versprochenen zwölf Milliarden Dollar an Aufbaugeldern sei nur ein Drittel angekommen, meint Martelly. Der überwiegende Teil davon floss an internationale Hilfsorganisationen und somit zum Teil wieder in die Geberländer zurück. Aber was sollte man damals auch machen? Der haitianische Staat war schon vor dem Beben weitgehend inexistent. Nach der Katastrophe gab es ihn überhaupt nicht mehr.

Zurück in Canaan hat sich inzwischen ein Dutzend Menschen um den Lehrer und Prediger Touissant Myson geschart. Eine Frau in dunklem Rock und Badelatschen nickt bei jedem seiner Worte. Ein Junge mit Baseballmütze klatscht sogar Applaus. Etwas weiter oben nageln zwei Männer ein paar Holzlatten zu einer Wand für ihre Hütte zusammen. „Hier suchen alle ein besseres Leben“, sagt Myson. Zum ersten Mal spricht er etwas leiser. „Jeder auf seine Art.“ Dann entschuldigt er sich. Er müsse in die Hauptstadt zum Grundbuchamt. Er wolle seine eigene Hütte endlich auch auf seinen Namen eintragen lassen. „Es muss ja irgendwie weitergehen.“