ExklusivErdbebengefahr im Südwesten Neue Erdbebennorm erhöht die Baukosten

Von Reiner Ruf 

Die Gefährdung von Bauten durch Erdbeben in Deutschland wird neu bewertet. Das könnte das Bauen und Wohnen in Teilen Baden-Württembergs noch weiter verteuern.

Im September 1978 bebte in Albstadt (Zollernalbkreis) in Erde. Die Schäden waren enorm. Foto: dpa
Im September 1978 bebte in Albstadt (Zollernalbkreis) in Erde. Die Schäden waren enorm. Foto: dpa

Stuttgart - Die Baukosten könnten sich in Teilen Baden-Württemberg weiter verteuern. Grund ist die anstehende Verschärfung der Erdbebennorm aufgrund einer Angleichung an europäische Regelungen. Der Fachverband Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau warnt deshalb: „Die Neudefinition der Erdbeben-Gefährdung in Deutschland kostet Geld. Sie ist eine Preistreiberin fürs Wohnen.“ Zu den Folgekosten der neuen Erdbebennorm gab der Verband mittlerweile ein Gutachten in Auftrag. Dieses kommt zu dem Ergebnis, dass sich durch die Neudefinition der regionalen Gefährdung durch Erdbeben der Bau eines kleinen Mehrfamilienhaus um mehr als 30 000 Euro verteuern könnte.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) intervenierte bereits bei der Landesregierung. In seiner Stadt habe man mit der Verschärfung der Erbebennorm leidvolle Erfahrungen gesammelt, schrieb Palmer an Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Im Jahr 2005 sei Tübingen von der Gefahrenzone 2 in die höchste Stufe 3 der Gefahrenkarte aufgerückt. „Die Folge ist ein dramatisch gestiegener Aufwand an Material und Kosten für die Gründung neuer Gebäude.“

Palmer kritisiert „überzogene Forderungen“

Dies sei um ein Vielfaches teurer als zum Beispiel der Bau eines Fahrradabstellplatzes. Letzteres ist ein Seitenhieb gegen die Wirtschaftsministerin, die in der Landesbauordnung gerne die Pflicht zur Bereitstellung von Fahrradabstellplätzen – ein Lieblingsprojekt der Grünen – streichen würde. Palmer kritisiert, beim Erdbebenschutz würden wie auch beim Brandschutz „weit überzogene Forderungen mit völliger Inflexibilität kombiniert“. Das Ergebnis seien „absurde Forderungen“. Etwa die, dass ein auf zehn Jahre befristeter Containerbau für Asylbewerber durch massive Stahlbetonplatten gegen Erdbeben geschützt werden müssten. „Sollte das Bemessungserdbeben innerhalb der Standzeit von zehn Jahren auftreten, wären 95 Prozent der Tübinger Gebäude ausradiert, aber die Container würden noch stehen“, behauptet der Tübinger OB.

30 000 Euro höhere Kosten für ein kleines Mehrfamilienhaus

Nach Angaben des Landesumweltministeriums arbeitet ein nationaler Ausschuss derzeit an der Umsetzung der europäischen Normen. Beteiligt ist auch das Geoforschungszentrum in Potsdam. Im Juni beschloss der Ausschuss, seinen Entwurf in das Beteiligungsverfahren zu geben. Danach entscheidet die Bauministerkonferenz über die Aufnahme der neuen Regelung in eine Verwaltungsvorschrift. Diese dient anschließend als Grundlage für die rechtswirksame Umsetzung in Verwaltungsvorschriften der Länder. „Noch ist nichts konkret“, sagt aber ein Sprecher des baden-württembergischen Umweltministers Franz Untersteller (Grüne). Welche Bauvorschriften angepasst werden müssten und welche zusätzlichen Kosten entstünden, sei offen: „Aber klar ist, es wird nichts einfacher und weniger.“