Erdhebungen in Böblingen Erster Betroffener reißt sein Haus ab

Johann Binder zeigt einen der vielen fingerbreiten Risse. Foto: Eibner-Pressefoto/Roger Bürke

2013 hat Johann Binder plötzlich Risse in seinem Haus entdeckt. Mittlerweile ist seine Immobilie ein Totalschaden. Nun hat er als Erster den Beschluss gefasst, abzureißen und mit 67 noch mal neu zu starten.

Böblingen - Wer Johann Binder in den Keller seines Hauses folgt, hat den Eindruck, dass ein mittelschweres Erdbeben an dieser Immobilie gerüttelt hat. Wie ein Adersystem ziehen sich fingerbreite Risse die Wände, Böden und Decken entlang. In den Räumen sorgen fünf massive Stützen dafür, dass nichts mehr schief geht im Untergeschoss – eine Empfehlung des Statikers. Auch der Wohnbereich ist nicht verschont geblieben. Meterlang winden sich die Aufspaltungen in den Wänden zwischen den Möbeln hoch.

 

Johann Binders Haus befindet sich in einem ruhigen Wohngebiet der Stadt. Nicht die Natur war es, die dem fast 70 Jahre alten Gebäude so zusetzte, sondern menschliches Versagen: Die Verheerungen sind Folgen falsch ausgeführter Geothermiebohrungen in der Nachbarschaft.

Im Mai 2013 bemerkte Johann Binder zum ersten Mal, dass was nicht stimmt mit seinem Häuschen. Plötzlich entdeckte er Risse an der Fassade und in den Wohnräumen. Straßenbauarbeiten seien wohl die Ursache, war die erste Vermutung. Schnell wurde deutlich, dass Johann Binder mit seinen Beobachtungen nicht alleine war. Zahlreiche Nachbarn klagten über ähnliche Entdeckungen. In einem weiteren Wohngebiet, einige hundert Meter entfernt beim Friedhof, tauchten die Risse ebenso auf. Stadt und Landratsamt waren alarmiert.

Firma führt 17 Geothermie-Bohrungen unsachgemäß durch.

Klar war: Böblingen hat ein Problem. Messungen identifizierten die Ursache. Eine Firma hatte 17 Geothermie-Bohrungen, die zur Erdwärmegewinnung für neue Wohnhäuser dienen sollten, schlampig ausgeführt. Wasser drang in die tiefen Schichten der Böblinger Erde, wo der gefürchtete Anhydrit lagert. Der quillt auf, wenn er mit Wasser in Berührung kommt und lässt die Erdoberfläche wachsen – bis zu 60 Zentimeter. Die Folge: weit über 100 Häuser, die Risse haben, teilweise schief stehen, mit Fenstern, die sich nicht mehr richtig öffnen lassen und undicht sind, Fliesen, die sich von der Wand lösen, Millionenschäden und Menschen, denen das tägliche Knacken in Mauern und Gebälk zum Alltag geworden ist.

Johann Binder hat dieser neue Alltag schwer mitgenommen. Gekauft hatte er sein Haus im Jahr 1984. „Als Altersversicherung“ , wie er erzählt. Eingezogen ist er damals mit seiner Familie, seine Tochter wohnt heute noch in der Erdgeschosswohnung. Doch längst hat der 67-jährige gelernte Buchhalter die Freude an dem Häuschen verloren. „Ich wache nachts auf, habe Angst und bin nervlich fertig“, erzählt er. Die Gedanken, dass sich etwas verschiebt, sind stete Begleiter des Rentners. „Man ist nicht mehr hundertprozentig ruhig“, sagt Binder und deutet immer wieder auf die vielen Risse.

Am Haus ist nicht mehr viel zu retten, lautet der Befund.

Sein Haus stehe mittlerweile zehn Zentimer schief, haben die Gutachter errechnet. Totalschaden. Nicht mehr viel zu retten, lautet der Befund. Nur ein Haus im Wohngebiet sei noch heftiger beschädigt, erzählt Binder. Sein Fazit: „Das macht keinen Spaß mehr, so zu leben.“ Vor Kurzem hat er zusammen mit seiner Frau die Konsequenz aus dieser Erkenntnis gezogen. Sie werden ihr Häusle abbrechen und auf ihre alten Tage noch einmal einen Neuanfang wagen. Das erste von den Erdhebungen schwer gezeichnete Haus in Böblingen soll im nächsten Jahr fallen.

Leicht haben sich die Binders mit diesem Entschluss nicht getan. Denn sie fühlen sich allein gelassen: von der Versicherung, von den Behörden, dem Land und den Gerichten. Frust, Enttäuschung und Wut sind Johann Binder anzumerken, wenn er über seine Lage spricht. Denn die Summe von der Versicherung reicht lange nicht aus, um sein Haus neu zu bauen, sagt er.

Dass eine hundertprozentige Entschädigung illusorisch ist, war schnell klar. Weil die Versicherungsabdeckung des Bohrunternehmens nicht hoch genug ist, um alle Schäden voll abzudecken, gibt es für die betroffenen Hausbesitzer nur 64 Prozent der Schadenssumme. Nicht gut zu sprechen ist Johann Binder auf die zuständige Allianz-Versicherung, weil die in seinem Fall nur bereit ist, den Verkehrswert des intakten Gebäudes zu ersetzen und nicht den um 200 000 Euro höheren tatsächlichen Gebäudeschaden.

18 000 Euro Gerichts- und Anwaltskosten angehäuft – für nichts.

Dagegen ist Johann Binder vor das Landgericht gezogen. Ohne Erfolg. Nicht gut zu sprechen ist Johann Binder auch auf den Richter. Der habe sich mit dem Fall nicht wirklich befasst, kritisiert Binder und wirft ihm mangelnde Sachkenntnis vor. Zornig hat ihn die richterliche Empfehlung gemacht, doch „in ein anderes Objekt zu ziehen“. 18 000 Euro Gerichts- und Anwaltskosten haben sich angehäuft. Zu viel, um Revision gegen dieses Urteil einzulegen.

Bitterkeit schwingt auch mit, wenn Johann Binder nun ausrechnet, was ihm am Ende bleibt: Statt 64 nur 36 Prozent des von den Gutachtern veranschlagten Gebäudeschadens. Gerade mal ein Drittel der Summe, die der Neubau seines Hauses kostet. Aufgegeben hat er die Hoffnung, dass das Landratsamt und das Land ihn als verantwortliche Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden unterstützen. Der Landrat weist darauf hin, dass Erdhebungen nicht anders behandelt werden könnten als sonstige Schadensfälle und Schicksalsschläge. Auch Umweltministerin Thekla Walker machte ihm keine Hoffnungen auf weiter reichende Unterstützung, da das Land bereits die defekten Bohrsonden für viele Millionen Euro saniert habe.

Gefühl von Ungerechtigkeit beim Blick auf andere Betroffene

Mit einem bitteren Gefühl schaut Johann Binder daher auf diejenigen, die es nicht so hart getroffen hat wie ihn. Immer wieder spricht er von „Ungerechtigkeit“, wenn er erzählt, dass diese Schicksalsgenossen mit ihren Entschädigungssummen zumeist ganz gut zurecht kämen und sich davon schon einmal einen Wohnwagen oder einen Urlaub leisteten.

Für Johann Binder steht nun zunächst einmal der Umzug an. Im Sommer 2022 soll sein Häuschen fallen, ein Jahr später wird es durch ein Fertighaus ersetzt sein. Lebensversicherungen, Bausparverträge und Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld machen den Neustart auf die alten Tage möglich. „Dann“, hofft Johann Binder, „kann nichts mehr passieren.“

Erdhebungen: Um die Versicherungssummer wird immer noch gestritten

Bohrungsfehler
 Nach fehlerhaften Erdwärme-Bohrungen zwischen 2006 und 2008 bewegt sich in Böblingen ab 2013 zunehmend der Untergrund, Hauswände verschieben sich und bekommen Risse.

Gebiete
 Betroffen sind zwei Areale mit mehreren Straßenzügen, eines im Böblinger Nordosten, eines im Südosten. Insgesamt gibt es rund 200 Geschädigte. Sie organisieren sich zum Teil in der IG Erdhebungen.

Versicherungsstreit
Die Bohrfirma meldet 2015 Insolvenz an. Mit den Versicherungen startet ein Streit, wie viel sie zahlen. Auch Landratsamt und Land stehen in der Kritik, weil die Bohrungen genehmigt wurden. Zwei Gutachten liefern verschiedene Ergebnisse.

Entschädigungen
Die Allianz zahlt den Geschädigten im Nordosten ab 2019 insgesamt fünf Millionen Euro, was längst nicht alle Schäden abdeckt. Im Südosten wird weiter gestritten, ob die Versicherung fünf oder zehn Millionen zahlen muss.

Bewegung
Nachdem 2017 die Bohrlöcher saniert waren, sind die Hebungen 2021 zum Stillstand gekommen.

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