Erdhebungen in Böblingen Neue Studie beweist Bodenverschiebungen

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Für eine Untersuchung wurden die Erdbewegungen erstmals nicht aus dem Weltall, sondern vom Boden aus gemessen. Daraus ergab sich nicht nur eine überraschende Erkenntnis, die Methode lieferte auch parzellen- und zentimetergenaue Werte.

An der Kniebisstraße hat sich die Erde um bis zu 23 Zentimeter gehoben. Dies ist der Höchstwert, der in der neuen Studie vermerkt ist. Foto: factum/
An der Kniebisstraße hat sich die Erde um bis zu 23 Zentimeter gehoben. Dies ist der Höchstwert, der in der neuen Studie vermerkt ist. Foto: factum/

Böblingen - In Böblingen hebt sich die Erde nicht nur, sie verschiebt sich auch in der Waagrechten. Dies ist das wichtigste Ergebnis einer neuen Untersuchung für den südlichen Teil des Hebungsgebiets, für das noch strittig ist, wie viel Schadenersatz die Allianz den betroffenen Hausbesitzern insgesamt auszahlen muss. Auch Scherbewegungen des Erdreichs können Gebäude beschädigen.

Im Februar hatte das geologische Landesamt ein weiteres Gutachten für das südliche Gebiet der Öffentlichkeit präsentiert. Dessen Kernpunkt war: Die Geologen glauben, bewiesen zu haben, dass von zwei unabhängigen Hebungszonen auszugehen ist, nicht von einer zusammenhängenden Hebungszone. Dies hätte für die Allianz teure Folgen. Gemäß Police muss die Versicherung mit fünf Millionen Euro pro Hebungsgebiet haften. Den Norden eingerechnet, könnten die Betroffenen mit insgesamt 15 Millionen Euro Schadenersatz rechnen – fünf für den Norden, zehn für den Süden. Hinzu kommt eine Grundhaftung von jeweils einer Million Euro.

Für die Versicherung arbeiten neuerlich eigene Gutachter

Der Böblinger Landrat Roland Bernhard hatte aus dem Gutachten geschlossen, dass die Allianz die Gesamtsumme von 17 Millionen Euro auszuzahlen habe, und den Konzern aufgefordert, „nicht länger rumzumachen“. Die Versicherung hat jedoch neuerlich eigene Gutachter beauftragt und will ihre Entscheidung von deren Expertise abhängig machen. Mit dem Ergebnis ist nach Auskunft der Allianz spätestens Anfang August zu rechnen. „Es wird leider noch etwas dauern“, sagt die Pressesprecherin Sabine Schaffrath, „aber wir wollen eine verlässliche Auskunft“.

Für das nördliche Gebiet nähert sich das Entschädigungsverfahren womöglich seinem Ende. Nachdem Gutachter die Schäden an jedem einzelnen Haus erhoben hatten, stand fest, dass die Gesamtsumme nicht ausreichen wird, um 100 Prozent der Reparaturen zu bezahlen. Die Allianz hat daraufhin mit den Betroffenen über Teilbeträge verhandelt. Die Eigentümer werden allesamt in den nächsten Tagen mit einem Brief über das Ergebnis informiert – und danach die Öffentlichkeit. Die Geschädigten dürften die Schreiben mit einiger Spannung erwarten. Lehnt nur einer von ihnen den Kompromiss ab, ist das gesamte Verfahren hinfällig. In diesem Fall dürften Gerichtsprozesse unvermeidlich sein.

Kanaldeckel lieferten die Vergleichsdaten

Die neue Untersuchung für das südliche Gebiet beruht auf einem völlig anderen Verfahren als dem bisherigen. In der Vergangenheit hatte das Landratsamt die Erdhebungen von einem Satelliten aus erfassen lassen. Alle elf Tage wurden neue Daten vom Weltraum auf die Erde gefunkt. Mit dieser Methode war es möglich, die Gesamtheit der Hebung zu erfassen und nachzuweisen, dass sich die Erde nach dem Abdichten immer weiterer Bohrlöcher zunehmend beruhigte. Feindaten lieferte der Satellit hingegen nicht.

Die jüngste Studie erfasst sowohl waagrechte als auch senkrechte Bewegungen grundstücks- und zentimetergenau. Die Erkenntnisse stammen vom Vermessungsunternehmen Intermetric, das sich nicht auf Daten aus dem All, sondern vom Boden stützt. Die Stadt Böblingen erfasst die Lage ihrer Kanaldeckel. In anderen Archiven wurden die Mitarbeiter bei der Suche nach Vermessungspunkten fündig und verglichen die Akten mit aktuellen Messungen. So ergibt sich ein weit genaueres Bild als vom Satelliten aus.

Grundstücksbesitzer können die Ergebnisse einsehen

In Teilen des Hebungsgebiets können Grundstücksbesitzer die Erdbewegungen parzellengenau aus der Karte ablesen. Aus ihr geht hervor, dass der Boden sich im Maximalfall um 23 Zentimeter hob. An einigen Stellen senkte das Erdreich sich hingegen sogar, wenn auch nur um einen Zentimeter. Die Werte für die Verschiebungen in der Waagrechten sind zwar geringer, liegen aber immerhin bei bis zu zehn Zentimeter.