Erfahrungen mit dem Coronavirus Die echte Welt rettet die virtuelle Realität

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Ein Gründer aus Bruchsal zeigt mit seinem deutsch-amerikanischen Start-up Marble wie man eigentlich widrige Bedingungen in der Corona-Krise zum Vorteil wenden kann.

Drei Smartphone-Ausschnitte, die zeigen, wie virtuelle Motive und Informationen in der realen Welt  platziert werden können Foto: Marble
Drei Smartphone-Ausschnitte, die zeigen, wie virtuelle Motive und Informationen in der realen Welt platziert werden können Foto: Marble

Stuttgart - Was macht man mit einer App für virtuelle Realität, die davon lebt, dass Menschen auf Reisen und zu Events gehen, wenn kaum jemand reist und fast alle Veranstaltungen auf Eis liegen? Marble heißt die Idee von Tom Brückner aus Karlsruhe. Vor zwei Jahren hat er den Start-up-Wettbewerb auf der Technologieshow SXSW in den USA gewonnen – das wichtigste globale Event für digitale Entwicklungen in Lifestyle und Entertainment. Danach schaffte er es ins Programm des renommierten Start-up-Entwicklers Techstars aus den USA, wo man seit 2006 bereits 1600 junge Unternehmen von der Rampe gebracht hat.

Mithilfe der Lokalisierungsfunktion, die jedes Smartphone besitzt, lassen sich virtuelle Objekte an dieser Stelle platzieren: Informationen, Fotos, Videos, imaginäre Gegenstände. Und jeder, der an dieser Stelle vorbeigeht und ebenfalls die App besitzt, kann diese virtuellen Markierungen dann sehen. Genau genommen spricht man von Augmented Reality, also von angereicherter Wirklichkeit. „Das kann ein ziemlich emotionaler Moment sein“, sagt Brückner, der sich erinnert, wie er bei der Ankunft in Karlsruhe nach einer Corona-bedingten Odyssee aus den USA an diesem Ort plötzlich das Abschiedsvideo mit seiner Tochter auf dem Smartphone hatte. Der Clou bei dem von Brückner und seinem Team entwickelten System ist, dass man weder Datenbrillen noch andere Zusatzgeräte braucht. Die App genügt.

Die Pandemie platzte mitten in die Investorensuche

Doch mitten in die Investorensuche hinein platzte die Pandemie. Aber Brückner improvisierte amerikanisch. Mit ein paar Umprogrammierungen wurde aus der App auf einmal eine globale Plattform, mit der Menschen ihre ganz persönlichen Alltagserfahrungen mit der Krise dokumentieren können. Corostories heißt die Seite, die Eindrücke rund um den Globus bündelt.

Inzwischen gibt es 380 Geschichten aus mehr als 40 Ländern. Vom Video aus dem geschlossenen Katzencafé in Karlsruhe über den Alltag in einer chinesischen Großstadt tief im Binnenland, einem Überschuss an Klopapier in Kanada, fehlendem Corona-Bier in Corona-Zeiten in Los Angeles bis hin zu diversen Ideen für sportliche Aktivitäten oder Zerstreuungen für zu Hause aus der ganzen Welt ist der Corona-Alltag in allen realistischen und skurrilen Blüten dabei. Bisher hat es funktioniert: Vielversprechende Gespräche mit Investoren laufen jetzt weiter.

Jeder kann seine Eindrücke weltweit teilen

Man kann sich das alles ganz normal über den Browser im Internet anschauen. Doch wer will, kann mithilfe der App sozusagen seine Corona-Erinnerungen an ganz konkreten Orten virtuell platzieren. Und damit schlagen die Macher fehlenden Reisen und Events ein Schnippchen: Die Krise selbst wird zum Event, die bewirkt, dass sich das Netz der virtuellen Erinnerungen dichter knüpft. Insgesamt gibt es nicht nur über Corona weltweit Tausende virtueller Markierungspunkte.

Denn je mehr Orte virtuell mit Leben erfüllt werden, umso attraktiver wird das System. „Wir können damit ein Stück weit überwintern“, sagt Brückner: „Und wir schaffen es nicht nur in, sondern auch mithilfe einer widrigen Situation, neue Nutzer zu gewinnen“, sagt Brückner. Ihm schwebt vor, dass so eine weltweite Corona-Dokumentation entsteht: Nutzer könnten dann auch noch Jahre später die Marker an den jeweiligen Orten aufrufen.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Die Idee zu den Corostories entstand aus einer Pleite: Eigentlich hatte Brückner im März sein Projekt auf der Messe South by Southwest (SXSW) im texanischen Austin vorstellen wollen. Doch nach der Absage blieb ihm nichts anderes übrig, als mit seiner Videokamera durch die Stadt zu wandern. Und da begann er dann, vom Schuhputzer bis zum Hamburger-Stand Geschichten von Menschen zu sammeln, die von den Folgen der Absage betroffen waren. Und schnell wurde ihm klar, dass er so ein erstes Gerüst hatte, um daraus eine Geschichtenplattform zu machen. Brückner und sein Team begannen weltweit Youtuber zu kontaktieren, die sich mit dem Thema Corona befassten, und boten ihnen an, ihre Inhalte auf der ­Corostories-Plattform einzubetten. „Wir wollten, dass es auf der Welt nicht zu viele weiße Flecken gab und wir von vorneherein interessante Inhalte hatten.“

Die schnelle Verbreitung der App ist der Schlüssel

Marketing und Verbreitung, nicht die Technologie als solche, werden am Ende nämlich der Schlüssel dazu sein, ob Marble funktioniert. „Das ist der Grund, warum wir in den USA gestartet sind, dort ist die Aufgeschlossenheit der Nutzer gegenüber Neuem einfach viel größer.“ Programmiert wird hingegen weiterhin in Karlsruhe, wo seit Langem ein deutscher und europäischer Schwerpunkt für die IT-Branche liegt. Es sei dort relativ einfach, bezahlbare IT-Talente zu finden. „Wir sind da aus Sicht des Silicon Valley ein Niedriglohnland“, sagt Brückner.

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