Blut spenden, mit kleinem Aufwand bis zu drei Leben retten – solche Werbeslogans haben mich schon immer schwer beeindruckt. Sobald ich alt genug zum Blutspenden war, habe ich es selbst probiert, mit mäßigem Erfolg: einmal hatte ich Fieber, ohne es zu wissen, einmal floss mein Blut zu langsam und wurde verworfen. 16 Jahre nach meiner letzten Spende will ich es nun erneut versuchen und habe ich mich beim Blutspendetag des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der Motorworld in Böblingen angemeldet.
Daria Hertkorn ist als Sozialdienstleiterin ehrenamtlich beim DRK-Ortsverein tätig. Sie ist an diesem Blutspendetag unter anderem an der Anmeldung im Einsatz – dem ersten Anlaufpunkt für Blutspender. 180 Männer und Frauen haben sich angekündigt. Daria Hertkorn ist zufrieden. „Im Schnitt kommen 100 pro Blutspendetag“, sagt sie. Grundsätzlich sei die Spendebereitschaft in Böblingen in Ordnung, in den Sommermonaten sehe das aber oft anders aus. „Die Mehrheit der Spender bei uns sind Rentner oder im mittleren Alter und gehen oft vor den Sommerferien in den Urlaub“, sagt Hertkorn. Viele reisten auch in Gebiete, die sie für eine Weile vom Blutspenden ausschließen würden. „In den Sommerferien, wenn viel Blut gebraucht wird, fallen sie dann aus.“ Erfahrungsgemäß steigt der Blutbedarf im Sommer jedoch, unter anderem, weil es mehr Verkehrsunfälle gibt – beispielsweise mit Motorradfahrenden.
Terminpflicht wird positiv gesehen
Dass man sich einen Termin für eine Blutspende holen muss, kannte ich bisher nicht. „Tatsächlich war schon vor Corona im Gespräch, eine Terminpflicht einzuführen“, sagt Hertkorn. Viele Ortsvereine hätten aber ihre Stammspender nicht verprellen wollen und mit der Einführung gehadert. Die Pandemie habe es dann zur Pflicht gemacht, einen Termin für eine Spende zu buchen. „Das wird von unseren Spendern sehr geschätzt“, sagt Hertkorn. „Für Berufstätige oder Menschen mit Folgeterminen ist es jetzt besser kalkulierbar.“
Für mich gibt es eine kleine Wartezeit, denn mein Blutspendeausweis ist nicht nur veraltet, er stammt auch aus einem anderen Bundesland – ich brauche einen neuen. „Der wird in vier bis sechs Wochen zugeschickt“, sagt Daria Hertkorn. Bei der Anmeldung bekomme ich allerhand Papierkram zum Ausfüllen, unter anderem eine zweiseitige Selbstauskunft zum Gesundheitszustand, aber auch zu Auslandsreisen und Sexualverhalten. Dabei geht es darum, das Risiko für die Übertragung von bestimmten Krankheiten zu reduzieren. Mit dabei ist auch ein Zettel zum sogenannten Selbstausschluss. Spender, die zum Beispiel in einer festen Gruppe spenden gehen, müssen also nicht aufhören, falls sie zum Beispiel erkranken – das aber geheim halten wollen. „Man kann dann einfach den Kleber auf das Blatt kleben und das Blut wird nach der Spende verworfen“, sagt Hertkorn.
Viele Spender kommen immer wieder
Mit dem ausgefüllten Fragebogen geht’s zur nächsten Station. Hier werden der Eisenwert im Blut, der Blutdruck und die Körpertemperatur gemessen. Bei mir ist alles okay, also geht’s weiter zum Arztgespräch. Der Arzt klärt mich über die Risiken einer Blutspende auf – Blutergüsse, Nervenschäden, Entzündungen. Alles ist theoretisch möglich. „Es sind die gleichen Risiken wie bei jeder Blutentnahme“, sagt er. Bei der Blutspende müsse aber extra darauf hingewiesen werden, da es sich um eine freiwillige Leistung handele. Und auch er fragt dann noch, ob ich genug getrunken habe.
Dann geht es über einen Steg im Obergeschoss der Motorworld in einen Raum, in dem zehn Spenderliegen aufgebaut sind. „Links oder rechts?“, fragt eine Frau, sobald ich die Glastür öffne. Im linken Arm sind die Venen besser, daher lege ich mich auf eine der Liegen, die Maria Rodriguez Pascual-Graf betreut. Sie ist seit 18 Jahren Entnahmemitarbeiterin. Schnell sitzt die Nadel und schon läuft das Blut in einen Beutel neben meiner Liege, der permanent in Bewegung gehalten wird. So weit so gut. Zehn Minuten dauert es in der Regel, bis die 500 benötigten Milliliter abgezapft sind. Eine kleine Menge wird nebenbei noch abgenommen. Diese wird im Labor auf Krankheiten untersucht.
Während ich warte, erzählt neben mir ein Mann Ende 50, dass es seine 106. Blutspende ist. Aus vielen Gesprächen höre ich, dass man sich bereits kennt – zum ersten Mal sind nur wenige da. Das bestätigt mir auch Siglinde Lytsch, die für die Betreuung der Erstspender zuständig ist. „Ich sehe hier viele Leute immer wieder, auch Familien“, sagt sie. Sie ist eigentlich Optikerin, engagiert sich aber ehrenamtlich fürs DRK.
Der Kreislauf sackt weg
Und dann piept die Maschine auch schon, die Blutspende ist vorbei. Maria Rodriguez Pascual-Graf hilft mir hoch und begleitet mich zu einer anderen Liege – zur Beobachtung. Nach den ersten Blutspenden sollen Spenderinnen und Spender erst einmal eine Weile liegen – immerhin fehlt dem Kreislauf Blut.
Plötzlich ist mir schwindlig. Kaum habe ich das geäußert, werden meine Beine hochgelagert, der Arzt steht wieder vor mir und drückt mir fünf Stück Traubenzucker in die Hand, bevor er meinen Blutdruck misst. Okay. Trotzdem muss ich eine Stunde unter Aufsicht bleiben, viel trinken und ein Brötchen essen. Der Arzt schaut in dieser Zeit mehrmals nach mir. Dass jemandem der Kreislauf wegsackt, darauf ist das DRK vorbereitet. Es gebe auch immer Leute, die ihren Körper überschätzten und zu früh aufstünden – im schlimmsten Fall verletzten die sich bei einem Sturz. Bald geht es mir wieder besser. „Heute müssen Sie alle Aufgaben delegieren“, erinnert mich Siglinde Lytsch zum Abschied. „Trinken, essen, nichts tun – das ist der Arbeitsauftrag an einem Blutspendetag.“ In der Regel gewöhnt sich der Körper aber nach einigen Blutspenden an den kurzfristigen Blutverlust und kompensiert ihn besser. Blutspenden sei trotzdem eine der einfachsten guten Taten, die man vollbringen könne, sagt Lytsch. Dann gibt sie mir noch eine Tüte mit frischen Pfirsichen, Tomaten, Aufschnitt, kleinen Keksen und einem Brötchen. „Jetzt müssen Sie nicht mal mehr einkaufen gehen.“ Da hat sich das Blutspenden gleich doppelt gelohnt.
Mehr Infos zum Thema Blutspenden
Wer darf spenden?
Wer älter als 18 Jahre und schwerer als 50 Kilogramm ist, kann Blut spenden. In einem Fragebogen werden Hinderungsgründe ausgeschlossen.
Verwendung
Laut dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) wird mit rund 44 Prozent aller eingesetzten Konserven das meiste Blut für die Behandlung von Tumor- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen benötigt. Doch auch während Operationen, in der Transplantationsmedizin, bei Verletzungen, Vergiftungen und auch Erkrankungen des Verdauungssystems oder des Muskel- oder Bindegewebes kann eine Bluttransfusion notwendig sein.
Termine
Das DRK Böblingen bietet 23 Termine jährlich an, davon zwei in Dagersheim. Zudem gibt es vom 19. bis 23. August eine Blutspendewoche in der Stuttgarter Straße 12 bis 14.