Was ein einziger Blick alles ausrichten kann. Dieter Obertautsch betritt irgendwann im Sommer 2006 frühmorgens eine Oeffinger Bäckerei. Am Vorabend hatten die lieben Kollegen dem Elektriker aus Althütte noch mit auf den Weg gegeben: „Du bringst doch morgen früh für uns frische Butterbrezeln mit, gell!“ Gesagt, getan. Was dann aber in der Bäckerei folgt, beschreibt Obertautsch so: „Dort war keine einzige Butterbrezel fertig geschmiert in der Auslage. Und nur eine Frau im Verkauf.“ Hinter ihm stehen mehrere Kunden, die bereits mit den Hufen scharren: „Da nimmst du deinen ganzen Mut zusammen, um fünf Butterbrezeln zu bestellen“, sagt er schmunzelnd. Am Blick und der Miene der stummen Bäckereifachverkäuferin kann er deren Gefühlslage ablesen: „Och nee, muss das jetzt sein? Wo der Laden so voll ist!“
Zurück in der Firma diskutiert Obertautsch mit seinem Kumpel und Kollegen Michael Feil sein Erlebnis: Muss jede Brezel wirklich handgeschmiert sein? Lässt sich das nicht automatisieren? Da muss doch was gehen, denken beide. Michael Feil ist Maschinenbautechniker und Feinmechaniker. Drehen, Fräsen und Schleifen stecken quasi in der beruflichen DNA des 60-Jährigen. Und der gleichaltrige Obertautsch? Er ist Elektromeister und Hardware-Planer. Zusammen arbeiten sie in einem Oeffinger Betrieb, der Maschinen zur Herstellung von Diamantwerkzeugen entwickelt und produziert. Die beiden Arbeitskollegen ergänzen sich und sind von der zupackenden Sorte – frei nach Motto: Aufgaben muss man nicht ewig diskutieren, sondern lösen.
Schnell steht ein grober Plan
Mit diesem Anspruch gehen die beiden knitzen Tüftler aus der Nähe von Backnang auch ziemlich zügig dieses Butterbrezel-Problem an. Noch während sie in der Frühstückspause im Betrieb das schwäbische Laugengebäck knabbern, haben sie bereits einen groben Plan: So wie das Gsälz in den Berliner kommt, so muss es prinzipiell auch bei der Butterbrezel klappen. „Wieso also nicht die Einspritz-Technik verwenden?“, schlägt Obertautsch vor. Aber dafür werden – anders als beim Füllen der süßen Krapfen – mehrere Kanülen benötigt.
Feil erklärt es so: „Unser Ausgangspunkt bei der Entwicklung der Maschine war: Wie kriegen wir mit möglichst wenig Aufwand die Butter in die Brezel?“ Mit einer Handsilikonpresse und einem Aufsatz mit sechs Nadeln läuft der erste Test. Für die beiden Tüftler war klar, dass sie die Einspritz-Technik nur dann weiterverfolgen, wenn das Geschmacksergebnis überzeugend ist: „Unsere Kollegen haben sehr oft als Testesser herhalten müssen. Zwei Jahre haben wir entwickelt und getestet.“ Mit werkgenauer und detailversessener Gründlichkeit gehen sie das Butterbrezel-Projekt an.
Der Chef in ihrer Firma unterstützt sie dabei. Die beiden können nach Feierabend die komplette Einrichtung des Betriebs nutzen. Zu Hause in Feils Kellerwerkstatt in Berglen geht es weiter. „Unser erster Anspruch war, es muss alles mechanisch funktionieren. Diese Idee haben wir aber wieder aufgegeben“, berichtet Feil.
Die 7 Grad kalte Butter muss am Ende mit Hilfe eines kleinen Motors durch die elf Kanülen gepresst werden. Eine Steuerung sorgt dafür, dass die eingestellte Menge (12 oder 14 Gramm) exakt dosiert in elf dünnen Buttersträngen im weichen Teil der Brezel landet. „Wir wollten unbedingt kalte Butter in der handwarmen Brezel haben“, sagt Feil. Dazu braucht es 1,5 Tonnen Kraftaufwand. Die Bedienung ist dagegen kinderleicht: Erst werden die Brezeln auf die sichelförmige Halterung mit den nadelförmigen Düsen gespießt. Dann ein Knopfdruck und die Einspritzpumpe hat nach etwa zehn Sekunden ihr Werk vollendet.
In Amerika essen sie Senfbrezeln
2015 gründeten die beiden ihre eigene Firma, 2016 meldeten sie das Patent an. Auf der Fachmesse Südback präsentieren sie ihre Idee. Dort wird der Chef einer Musterbäckerei auf das Gerät aufmerksam. Seine Abteilung testet für eine Großbäckerei, die deutschlandweit tiefgekühltes Laugengebäck produziert. „Damit können wir endlich vernünftige Testreihen machen“, jubiliert der Mann. „Wir haben ihm die Maschine dann selbst in das Riesenwerk nach Oranienbaum bei Leipzig ausgeliefert.“ Dort wartet eine Überraschung. Außer mit Butter, Frischkäse und Nougatcreme wird das geschlungene Laugengebäck auch mit Senf befüllt. Obertautsch traut seinen Augen kaum: „Wo geht die Senfbrezel hin?“, will er wissen: „Nach Amerika“, antwortet ein Mitarbeiter im Werk.
Bisher wurden 110 Maschinen verkauft. 4400 Euro kostet die 23 Kilo schwere „BBM25“. Eine größere Version gibt es auch schon. Mancher Großbäcker erkennt in der Erfindung das Potenzial, Zeit zu sparen. Die überwiegende Zahl kleinerer Bäckereibetriebe reagiert aber verhalten bis skeptisch. Für viele Schwaben sei die Butterbrezel halt etwas Heiliges, weiß Obertautsch. Es braucht also Zeit. Und außerhalb Württembergs kommt die marktreife Lösung offenbar besser an. Nach Hamburg, aber auch nach Frankreich, Österreich, Tschechien und Israel wurde die Maschine schon geliefert. Obertautsch sieht es gelassen: „Der Prophet ist halt im eigenen Land nicht so viel wert.“
Weitere Infos unter https://butterbrezelmaschine.de/