Erfolge im Umweltschutz „Beim Naturschutz gilt der Südwesten als gelobtes Land“

Manchmal ist auch Johannes Enssle frustriert, weil im Naturschutz nichts voranzugehen scheint: „Aber auf lange Sicht, wenn man über Generationen denkt, ist der Naturschutz durchaus erfolgreich.“ Foto: Nabu/Bianka Lungwitz

Der studierte Förster Johannes Enssle führt den Naturschutzbund für vier weitere Jahre. Im Gespräch sagt er, was bisher erreicht worden ist.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Mit 130 000 Mitgliedern ist der Naturschutzbund in Baden-Württemberg der größte Umweltverband. Johannes Enssle (42) leitet ihn seit 2016 und ist jetzt erneut im Amt bestätigt worden.

 

Herr Enssle, Sie sind mit sozialistisch anmutenden 98 Prozent wiedergewählt worden – wie kommt es?

Das Ergebnis zeigt, dass ich für unseren Kurs in Baden-Württemberg eine große Zustimmung bekomme. Auch für meine klaren Standpunkte, die nicht allen gut gefallen, zum Beispiel bei der Frage der Energiewende. Für mich ist klar: Wir brauchen beides, den schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien und den Naturschutz.

Der Trend im Artenschwund zeigt weiter nach unten – wie motivieren Sie sich?

Manchmal ist es tatsächlich frustrierend, wenn ich in die Welt schaue und eine Hiobsbotschaft nach der anderen erhalte. Aber ich weiß, dass unsere Arbeit sinnvoll ist, das zeigen viele erfolgreiche Projekte, wie die Rückkehr des Fischadlers. Den Kopf in den Sand zu stecken, ist keine Alternative. Daneben motivieren mich die vielen ehrenamtlich Aktiven im Nabu, die tagein, tagaus aktiv sind und für die Sache kämpfen. Wenn ich draußen bin, erlebe ich viele schöne Projekte, die Ehrenamtliche alleine auf die Beine gestellt haben und die etwas bewirken. Das gibt mir Hoffnung. Wir wissen, wie Naturschutz geht. Wir müssen es nur tun. Und dort, wo es getan wird, gelingt es auch.

Was ist denn in Ihrer Amtszeit der größte Erfolg des Nabu?

Das Biodiversitätsstärkungsgesetz von 2020 hört sich sperrig an, war aber ein großer Erfolg. Das Land hat jetzt ambitionierte Ziele im Naturschutz, und alle Akteure, auch die Landwirtinnen und Landwirte, stehen dahinter. Wenn man den Green Deal der EU betrachtet, könnte man fast meinen, sie hätte in Baden-Württemberg abgeschrieben. 40 Prozent Öko-Landbau, Halbierung der Pestizidmenge, zehn Prozent Rückzugsflächen für die Natur – das sind ganz wichtige Ziele, die wir festgelegt haben und auf die jetzt hingearbeitet werden muss.

Aber trotz des Gesetzes wird der Naturschutz oft untergebuttert.

Das stimmt. Ich bin gerade auf dem Weg zu einer Streuobstwiese bei Weil der Stadt, auf der heute die Kettensägen kreischen. Eigentlich ist das laut dem Gesetz nicht mehr erlaubt. Auf dem Papier ist die Natur tatsächlich schon längst gerettet. Aber das Gesetz hat leider Schlupflöcher. Wir müssen den Naturschutz deshalb als Marathonlauf sehen. Erinnern Sie sich noch an das geplante Atomkraftwerk in Wyhl? Hätte man den Demonstrierenden damals in den 1970er Jahren gesagt, dass sie noch erleben werden, dass in Deutschland alle Atomkraftwerke abgeschaltet sind und der Kohleausstieg fest vereinbart ist, dann hätten sie das damals nicht geglaubt. Auf lange Sicht, wenn man über Generationen denkt, ist der Naturschutz durchaus erfolgreich. Die Frage ist nur, ob wir schnell genug sein werden.

In den letzten Jahren gibt es eine Art Umschwung in der Bevölkerung. Viele Menschen wollen von Klima- und Naturschutz nichts mehr hören. Wie beeinträchtigt dieser Sinneswandel Ihre Arbeit?

Wir finden zum Glück immer noch sehr viele Menschen, die sich für den Naturschutz einsetzen und unsere Arbeit als Mitglied unterstützen. Aber in der Politik erhalten wir derzeit deutlich weniger Aufmerksamkeit, das begann schon mit der Pandemie und hat sich mit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine verstärkt. Ja, es ist frustrierend, dass uns im Moment der Rückenwind fehlt. Doch den Kopf in den Sand zu stecken, hilft der Natur erst recht nicht.

Während Ihrer Amtszeit waren immer die Grünen an der Regierung. Hat das Ihre Arbeit erleichtert?

Definitiv. Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Bundesländern spreche, dann wird Baden-Württemberg oft als das gelobte Land betrachtet. Wenn ich erzähle, was hier alles passiert ist – ein Nationalpark, ein weiteres Biosphärengebiet, ein modernes Jagdrecht –, dann höre ich viel Neid und Staunen heraus.

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