Erfolgreich mit Solo-Projekten Maichinger Sänger Johannes Held stemmt sich gegen die Krise

Profisänger und Redetalent: Johannes Held ist in der Klassikszene als Künstler und Referent sehr gefragt. Foto: Rebecca Haar

Die Corona-Krise setzt Musik-Profis schwer zu. Der in Maichingen aufgewachsene Sänger Johannes Held stemmt sich mit Optimismus und Schaffenskraft dagegen.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Berlin/Sindelfingen - Wenn es etwas gibt, das Johannes Held fast genauso gut kann wie singen, dann ist es reden. Der in Maichingen aufgewachsene Opernbariton hat die Gabe, sein Gegenüber mit seiner Energie förmlich mitzureißen. Wer vorher noch nicht wusste, dass in ihm ein heimlicher Kunstlied-Fan steckt, der weiß es spätestens nach fünf Minuten am Telefon mit Johannes Held.

 

„Das ist einfach ein Genre, in dem man sich künstlerisch toll verwirklichen kann. Und es ist attraktiv für Leute, die selbst aktiv werden wollen, ohne dass sie dafür ein Orchester oder ein Engagement bei einem Opernhaus bräuchten“, erklärt der Sänger, was diese klassische Liedgattung so besonders macht. „Du brauchst dafür nichts als zwei Leute und ein Klavier“, sagt Held, „das macht dich frei in deinen Entscheidungen.“

Das Klassikgenre „Kunstlied“ liegt im Trend

Momentan erfahre das in der Romantik unter anderem durch Komponisten wie Franz Schubert und Robert Schumann berühmt gewordene Kunstlied einen neuen Aufschwung, stellt der Sänger fest. Das zeigt sich auch an seinem Terminkalender. Der ist erstaunlich voll – trotz weiterhin schwieriger Begleitumstände wie 2G-plus, Konzertabsagen und spürbarer Zurückhaltung des Publikums bei Live-Veranstaltungen.

Dass Johannes Held derzeit so gut beschäftigt ist, hat aber nicht nur damit zu tun, dass er einem Trend folgt. Vielmehr gehört er zu den Künstlern, die ganz vorne mit dabei sind, eben diesen Trend zu setzen. „Ich fühle mich da als Teil einer wachsenden Gemeinde von Festivals im süddeutschen Raum und weit darüber hinaus“, erzählt er. Sein eigener Antrieb und die Fähigkeit, andere damit zu Begeistern haben dem Wahl-Berliner in den vergangen beiden Jahren geholfen, besser durch die Pandemiezeit zu kommen als vielleicht mancher andere in seiner Branche.

Als Referent bei neuem Festival in Reutlingen

Das Jahr hat für den 38-Jährigen bereits mit einem prestigeträchtigen Engagement begonnen: Der Sänger war als Referent bei der Premiere des hochkarätig besetzten Kunstliedfestivals „PoeMus“ eingeladen, das vom 21. bis zum 23. Januar in Reutlingen stattfand. Dort traten internationale Größen wie Juliane Banse, Manuel Walser, Julian Prégardien und Doriana Tchakarova auf.

Die beiden letzteren hatte Held bereits bei seinem eigenen „Zwerg“-Festival in Sindelfingen zu Gast. Über die Pianistin Tchakarova kam die Verbindung zu Friedemann Rieger zustande, dem künstlerischen Leiter des „PoeMus“-Festivals. Und schließlich durfte er zum Abschluss des Festivals einen Workshop leiten, an dem junge Sängerinnen und Sänger der Musikhochschulen von Reutlingen und Stuttgart teilnahmen. Der Wettbewerb „Jugend musiziert“ habe dabei auch eine Rolle gespielt. „Da gibt es dieses Jahr im Gesangsbereich eine Ensemblewertung“, erklärt Held. Die Resonanz auf den Workshop sei sehr positiv ausgefallen, freut sich der Sänger, der es selbst wiederum toll findet, „die nächste Generation zu integrieren“ und fürs Kunstlied zu begeistern.

„Du kannst gut über Lieder reden.“

„Du kannst gut über Lieder reden. Das können nicht viele“, habe die Kollegin Doriana Tchakarova zu ihm gesagt, nachdem sie Helds Anmoderationen bei seinem eigenen Festival in Sindelfingen erlebt hatte. Dieses Redetalent in Kombination mit seiner Kompetenz in Sachen Kunstlied brachte ihm im November 2021 neben Gesangsauftritten an der Opéra de Montréal in Kanada auch ein Gastspiel als Dozent an der dortigen englischsprachigen McGill University ein.

Ein weiterer Baustein, der den Familienvater seit bald zwei Jahren dabei hilft, pandemiebedingte Engpässe zu überbrücken, sind seine Streamings. Held legt hier einen beachtlichen Ideenreichtum an den Tag – zum Beispiel mit der Aktion „Bei Anruf Lied“, über die er im vergangenen Sommer Wunschkonzerte per Telefon oder Videotelefonie angeboten hat. Mit seinen Internet-Konzerten hat der Berufsmusiker zudem eine sehr angenehme Überraschung erlebt, denn die Streamings waren wohl – trotz eher überschaubarer Zuschauerzahlen – auch finanziell sehr erfolgreich. Zu verdanken habe er dies einer kleinen Schar von Kulturliebhabern, die ihn und seine jeweilige Musikbegleitung mit äußerst großzügigen Spenden bedacht hätten. „Das hat mir wirklich Mut gemacht“, sagt Held.

Benefizkonzert unter Berliner Brücke

Über einen Mangel an Arbeit kann der Mann sich also nicht beklagen. Im Gegenteil: Bereits in einer Woche steht das nächste spannende Engagement für ihn an: Gemeinsam mit dem Pianisten Jean-Sélim Abdelmoula präsentiert der Bariton am 6. Februar in Berlin Schuberts „Winterreise“ als Benefizkonzert unter der Brücke bei der S-Bahnstation Bornholmer Straße. Die Spendeneinnahmen kommen dem „Kältebus Berlin“ zugute. Mit diesem mobilen Angebot setzt sich die Berliner Stadtmission dafür ein, Obdachlose vor dem Kältetod zu bewahren.

Und auch für das weitere Jahr 2022 hat der umtriebige Künstler eine Menge reizvolle Projekte geplant – darunter im März eine Uraufführung bei einem Orchesterprojekt mit dem Copenhagen Philharmonic Orchestra.

Zehn Jahre „Der Zwerg“ in Sindelfingen

Aber trotz prestigeträchtiger Auftritte im Ausland: Johannes Helds Hauptaugenmerk liegt in diesem Sommer ganz klar in seiner Sindelfinger Heimat. Dort steht im Sommer die Zehnjahresfeier seines Kunstliedfestivals „Der Zwerg“ an. Mit neuem Konzept und verbreitertem Angebot soll das nach einem Schubertlied benannte Klassikformat jetzt über sich hinauswachsen. „Das wird wirklich groß und toll . . . und das sprengt dann auch den Rahmen eines Kammermusikfestivals“, sprudelt Held schon jetzt vor Vorfreude und Begeisterung. Er kann ja gar nicht anders.

Zur Person: Johannes Held

Kind der Region
 Johannes Held (geboren 1983 in Böblingen) wächst in Maichingen auf. Von 1991 bis 2003 singt er bei den Hymnus-Chorknaben Stuttgart. Auf dem Goldberg-Gymnasium Sindelfingen wirkt er in Ulrich von der Mülbes Theater-AG mit.

Musik zum Beruf gemacht
Von 2004 bis 2010 absolviert Johannes Held ein Gesangsstudium an der Musikhochschule Freiburg, danach studiert er drei weitere Jahre an der Königlichen Opernakademie Kopenhagen. Ab 2013 ist er als Solist an diversen europäischen Opernhäusern tätig, darunter die Königliche Dänische Oper, das Theater Bozen und das Oldenburgisches Staatstheater.

Eigene Projekte
Seit 2012 organisiert Held in Sindelfingen sein Kunstliedfestival „Der Zwerg“, über das mittlerweile auch Deutschlandfunk und SWR2 berichten. Seit den Pandemiejahren setzt er auf Streamings und baut seine Referententätigkeit aus.

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