Klaus-Peter Beer in seiner Werkstatt: Die Strumpfanzieh-Hilfe hat ihm gleich mehrere Start-up-Auszeichnungen eingebracht. Foto: Christian Engel
Die in der TV-Show „Höhle der Löwen“ gebotenen Finanzspritzen hat Klaus-Peter Beer dankend abgelehnt – weil der 80-jährige Erfinder neben guten Ideen auch einen ganz eigenen Kopf hat.
Ein paar Ständerbohrmaschinen, ein an der Werkbank montierter Schleifapparat und jede Menge Material in den bis zur Decke reichenden Regalen: Wer einen Blick in die heiligen Hallen von Klaus-Peter Beer wirft, fühlt sich an eine Garagen-Werkstatt erinnert. An die Produktion hochwertiger Medizinprodukte dürften die wenigsten Menschen denken, die sich im vollgestopften Reich des Tüftlers umsehen. Und dass sich der kleine Betrieb aus Schorndorf(Rems-Murr-Kreis) zu den innovativsten Firmen seiner Branche zählen darf, käme wohl kaum jemandem in den Sinn.
Und doch haben die Hilfsgeräte, die aus der Steinwasenstraße 6 in alle Welt verschickt werden, ihrem Schöpfer nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch eine beachtliche Auftragsliste verschafft. Spätestens seit seinem Auftritt in der TV-Show „Höhle der Löwen“ gehen bei dem Erfinder so viele Bestellungen ein, dass er weite Teile der Produktion an Lieferbetriebe vergeben musste.
„Tüftler wie Sie braucht unser Land“, schreibt ein begeisterter Kunde
Klaus-Peter Beer, mittlerweile gesegnete 80 Jahre alt und noch immer auf der Höhe seiner Schaffenskraft, kümmert sich in Schorndorf deshalb vor allem um die Endmontage – und nimmt sich die Zeit, weiter nach Verbesserungen zu suchen. „Wir fliegen zum Mond, haben aber kein Hilfsmittel, dass auch alte oder körperlich eingeschränkte Menschen noch selbst ihre Socken anziehen können. Das muss man doch ändern“, sagt der Tüftler.
„Wenn man die Dinge immer nur akzeptiert, ändert sich auch nichts.“
Klaus-Peter Beer, Tüftler
Dass es dem in Thüringen zur Welt gekommenen Senior an innovativen Ideen nicht mangelt, zeigen schon die in einem Ordner gesammelten Dankschreiben. „Tüftler wie Sie braucht unser Land“, formuliert ein begeisterter Kunde. „Ihr Produkt hat das Potenzial, ein Bestseller in der Versorgung kranker und älterer Menschen zu werden“, heißt es in einem anderen Referenzbrief.
Für Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit ist die Entwicklung des Schorndorfer Ex-Lehrers ein Segen. Foto: Gottfried Stoppel
Gemeint ist mit den Dankschreiben vor allem die Strumpfanziehhilfe, die Klaus-Peter Beer entwickelt hat. Das Gerät trägt den Namen „Hand + Fuß“, besteht im Prinzip aus einer Schichtholzplatte und einem beweglichen Metallbügel und erlaubt es auch Zeitgenossen, die sich nicht mehr richtig bücken können, noch in ihre Socken zu schlüpfen. Beide Hände oder gar eine Assistenz werden für das täglich wiederkehrende Geduldsspiel nicht gebraucht – ein Segen für Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit.
Auf die Idee für den technisch bestechend einfachen Sockenknecht kam der Schorndorfer durch einen Klinik-Aufenthalt. Nach einem Sturz mit seinem Mountainbike musste sich der Ruheständler in einem Reha-Zentrum wieder aufpäppeln lassen – und wunderte sich über diverse Leidensgenossen, die stundenlang im Flur ausharrten, bis eine Schwester endlich Zeit für ihre Socken hatte. „Die saßen auf ihren Stühlchen und haben gewartet und gewartet. Also die Geduld hätte ich wirklich nicht gehabt“, sagt Klaus-Peter Beer.
Zurück in Schorndorf versuchte er sich an einem Strumpfanzieher, entwickelte den schnell gebastelten Prototyp mit viel Detailarbeit zur Marktreife und meldete quasi mit der Betriebsgründung seiner Firma „PBinnova“ ein Patent auf die Neuerung an. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten – und die Ideen für weitere Produkte ebenfalls nicht. Inzwischen hat Klaus-Peter Beer nicht nur eine höhenverstellbare Aufstehhilfe für Gehstöcke entwickelt, sondern auch ein Spiel, mit dem es Patienten gelingen kann, nach einer Hand-OP schneller wieder zu alter Beweglichkeit zu kommen.
Erweiterbar sind die Klemmhalter mit LED-Beleuchtung, Handtuchhaken oder Schlüsselmagneten – ein Beleg, dass auch vermeintlich fertig durchdachte Produkte einen echten Erfindergeist nicht ruhen lassen. Angefangen mit der Suche nach Erleichterungen für den Alltag hat Klaus-Peter Beer im zarten Alter von 67 Jahren – in einer Lebensphase also, in der andere lieber über Kreuzfahrtreisen unter südlicher Sonne nachdenken als Metallbügel in einen Schraubstock zu spannen.
Doch der ehemalige Leichtathlet, in jungen Jahren als Zehnkämpfer gestählt, hat ein Durchhaltevermögen, das die meisten Zeitgenossen vor Neid erblassen lassen dürfte – und vielleicht auch ein wenig in der Lebensgeschichte des in Bad Langensalza geborenen Remstälers liegt.
„Wenn man die Dinge immer nur akzeptiert, ändert sich auch nichts“, sagt der pensionierte Pädagoge. Für Klaus-Peter Beer, aufgewachsen in der früheren DDR und nach einer Ausbildung zum Werkzeugmacher und Formenbauer aufs Lehramt umgesattelt, könnte dieser Satz auch als Lebensmotto stehen. Stillstand ist seine Sache nicht, Leisetreterei auch nicht. Und mit dem erklärten Ziel, sich selbst nicht zu verbiegen, war die schulische Karriere schnell vorbei.
Dutzende Ausreiseanträge hat Kämpfernatur Beer in Thüringen gestellt, immer wieder blieb ihm der Weg aus der Volksrepublik versagt. Seine Stasi-Akte umfasste am Schluss exakt 340 Seiten. Nach dem Wechsel in den Westen war der Pädagoge unter anderem in der Paulinenpflege in Winnenden und in der Atrium-Schule in Urbach tätig, das Schulamt vertraute ihm als Fachberater für den Schwimmunterricht.
Doch noch einmal richtig durchgestartet ist der Mann, der zur Entspannung gerne mal eine defekte Standuhr restauriert, erst nach dem Abschied in den Ruhestand. Mehrere Start-up-Preise hat der Tüftler gewonnen, ein Kunde aus Kuwait orderte in Schorndorf sogar eine mit Blattgold belegte Luxus-Ausgabe der von Klaus-Peter Beer entwickelten Strumpfanzieh-Hilfe.
Ohne Edelmetall kommt der Sockenknecht in der Vollversion mit Wandhalter, Antirutsch-Belag und Nussbaum-Optik auf knapp 200 Euro. Im Bausatz für die Selbstmontage wird es für Kunden deutlich günstiger. Und: Dank der Einstufung als medizinisches Hilfsmittel gibt es die Möglichkeit, sich die Strumpfanzieh-Hilfe vom Arzt auf Rezept verordnen zu lassen beziehungsweise einen Teil des Kaufpreises von der Krankenkasse erstatten zu lassen.
Den sechsstelligen Betrag, der ihm in der „Höhle der Löwen“ für eine Beteiligung an seiner Firma geboten wurde, lehnte der Schorndorfer übrigens dankend ab. Für die Finanzspritze hätte sich der Investor eine 51-Prozent-Mehrheit erkauft – und den Tüftler mit dem eigenen Kopf seiner Entscheidungsfreiheit beraubt.
Eine mit Blattgold belegte Luxusversion ging an einen Kunden in Kuwait
Jetzt, elf Jahre später, denkt Klaus-Peter Beer anders über die Zukunft seiner Firma nach. Ein Nachfolger wird gesucht – zumindest, wenn er den Betrieb im Geiste seines Gründers weiterführt. „Ich habe einfach ein tolles Netzwerk, das es zu erhalten gilt“, sagt der Tüftler – und erzählt von Fräsarbeiten in einer Behinderteneinrichtung am Bodensee, dem Feinschliff in der JVA in Schwäbisch Gmünd und der Pulverbeschichtung der Metallteile im Remstal.
Und noch einen Wunsch hat der Tüftler, der Fragen nach den Verkaufszahlen seiner Strumpfanzieh-Hilfen entweder hartnäckig überhört oder wortreich umschifft: Ausgerechnet in Schorndorf müsste es auch eine Tüftler-Messe geben. „Das wären wir dem Gottlieb Daimler schon schuldig“, sagt er.