Hier kann man auch schon mal im Schaufenster junge Leute an einem Tisch sitzend beim Essen oder Arbeiten beobachten. Wäre eine Frau mit hellem Haar und ein Mann mit Bart dabei, wären das die Chefs, Eva Marguerre (36) und Marcel Besau (39).
Ihr Studio mitsamt Material-Bibliothek und Werkstatt im Keller ist auch ihre Visitenkarte, eigene Modelle sind ebenso zu sehen wie Möbel von anderen Designern. Ein Raumkonzept ist hier verwirklicht, das so hell wie farblich mutig daherkommt wie so manche ihrer Innenarchitekturarbeiten, für die sie Preise erhalten haben.
Von Karlsruhe nach Hamburg
Etwa den „Iconic Award Best of Best 2018“ für das „offene Interior-Konzept und die prägnanten Farbakzente“ für das Fotostudio von „About You“ in Hamburg. Yves-Klein-Blau, Gelb, kräftiges Rosa bei den Möbeln und Vorhängen bilden einen knalligen Kontrast zum Industriecharme des Studios.
In dem Haus, in dem die Designer arbeiten, leben sie auch. Und so kommt es schon mal vor, dass der Sohn und die Großmutter, die mit ihrem Mann von Pforzheim zur Tochter nach Hamburg gezogen ist, im Studio vorbeischauen. Das funktioniere bestens, betonen die Designer. Schon während des Studiums an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe haben sie bemerkt, dass sie hervorragend zusammenarbeiten.
2011 haben sie sich selbstständig gemacht, renommierte Firmen wie Artek, Thonet, E 15, Vitra gehören zu ihren Kunden, für die sie den Messestand bei der Möbelmesse in Paris entworfen haben und für deren Laden in Stuttgart sie jetzt das Schaufenster gestaltet haben. „Für den Vitra by Store Stuttgart haben wir uns mit dem Thema Schlitten, Schnee und Rodelbahn auf den Winter eingestimmt“, sagt Eva Marguerre. „Die eigenwillige Architektur und das sehr schiefe Schaufenster bietet sich perfekt dafür an, die Vitra Animals und andere Produkte auf Schlitten zu packen und den Berg nach unten zu schicken.“
Wie aber wird man so schnell erfolgreich? „Wichtig ist, einen eigenen Stil, eine Haltung zu finden“, sagt Eva Marguerre. „Ich habe ab dem zweiten Semester schon nebenher gearbeitet und ein gewisses Netzwerk aufgebaut.“ In Hamburg sind einige Lifestyle-Zeitschriften daheim, so kamen die Verbindungen in den Norden zustande.
Wichtig, betonen beide, sei es ihnen, nicht nur in einem Bereich unterwegs zu sein. „Für uns ist schon im Studium interessant gewesen, interdisziplinär zu arbeiten“, sagt Marcel Besau, „das bedeutet sowohl Grafik als auch Styling, Innenarchitektur und Design.“
Spätestens seit sie für die Elbphilharmonie Hamburg Tische und Leuchten gestaltet haben (sie werden von der Firma E 15 produziert), kommt es häufiger vor, dass große Firmen sie ansprechen. Nachdem sie 2019 im Frühjahr für die Blickfang-Designmessen als Kuratoren Branchen-Nachwuchs ausgesucht und Hilfestellung gegeben haben, entwarfen sie nun für ein neues Messekonzept die Optik – von der Stofftasche bis zu den Plakaten.
Designfest in Stuttgart
Zackig, farbenfroh, cool. Designfest heißt es und richtet sich an jüngere Zielgruppen. Es umfasst Lifestyle, Accessoires, Mode; dies alles soll dann auch zu kaufen sein. Das Designfest findet erstmals auf der Möbelmesse Köln vom 17. bis 19. Januar statt und kommt im Frühjahr 2020 nach Stuttgart zur Blickfang-Messe.
Immer häufiger sind Designer und Innenarchitekten bei der Gestaltung öffentlicher Räume gefragt. „Interior Styling ist wichtiger geworden, auch in der breiten Gesellschaft“, sagt Eva Marguerre, „der Alltag wird immer mehr durchgestylt“, auch Büros, selbst Zahnarztpraxen. Designmessen natürlich erst recht. Blogger und Instagramer sind einflussreich und auch auf Messen unterwegs auf Motivsuche: „Es müssen auf Messen die neuen Produkte mit ihrer Geschichte erzählt werden, und natürlich muss es auch Insta-Momente geben.“
Neues auf der Möbelmesse Köln
Von Bloggern belagert war vergangenes Jahr in Köln etwa der Messestand von Thonet, den das Duo gestaltet hat. Bildmaterial wird es auf der nächsten Möbelmesse Masion & Objet in Paris vom 17. bis 21. Januar 2020 sicher geben, wenn sie für die Firma Fürstenberg den Messestand entwerfen, die Designer präsentieren da aber auch selbst neue Wandboards.
Studio Besau Marguerre ist auch auf der Internationalen Möbelmesse in Köln vom 13. bis 19. Januar bis mit neuen Arbeiten für Thonet, Schönbuch und die junge Firma Favius vertreten. Viel Arbeit. Ein Produktdesigner, eine Textildesignerin und eine Innenarchitektin sind inzwischen Teil des Teams. Viele Projekte entstehen erst einmal in der Gruppe. „Das Ideen-Pingpong“, sagt Marcel Besau, „motiviert, treibt uns an, man pusht sich gegenseitig.“
Junge Designer brauchen Durchhaltevermögen
Zu Beginn aber stand das Werben für die eigene Arbeit. „Da haben wir viel auf eigene Kosten auf Messen vorgestellt, haben versucht, Kontakte zu knüpfen, und die Nächte durchgearbeitet“, sagt Eva Marguerre. Durchhaltevermögen sei wichtig, wenn man sich direkt nach dem Studium selbstständig machen wolle: „Finanziell haben wir beide bei null angefangen und lange Zeit auch nach dem Studium noch recht studentisch gelebt.“
Gespür für das, was gefragt sein wird, gehört zum Erfolg. Und Glück. „Man braucht Förderer“, sagen beide. In ihrem Fall hat der Designer Stefan Diez geholfen, der an der Hochschule den Kurs leitete, in dem der Stuhl „Nido“ entstand. „Stefan fand das Objekt interessant. Er hat uns sehr geholfen und wichtigen Leuten vorgestellt“, sagt Eva Marguerre.
Das Thema des Seminars von Diez war „Glasfaser und Harz“. Beim Besuch in einer Glasfasermanufaktur entstand die Idee, das Material in den Vordergrund zu rücken. Also nicht aus Glasfasermatten ein Produkt zu machen, sondern zu zeigen, was es ist. „Ich fand das interessant, eine Garnspule, wie Wolle auf einer Spule. Wir wollten etwas Filigranes und zugleich extrem Stabiles daraus machen“, sagt Eva Marguerre.
Eva Marguerre und Marcel Besau experimentieren gern
Das Material ist sehr leicht und sehr stabil. Einen Wurf aus dem oberen Stockwerk der Hochschule hat so ein Hocker gut überstanden, sagt Marcel Besau. „Es ist ein glamouröser Moment, wenn so ein Produkt gleich gut ankommt und in Zeitschriften abgebildet wird. Wir mussten hart dafür arbeiten“, sagt Eva Marguerre. Viele Prototypen seien entstanden. Irgendwann fand sich ein Produzent, der nicht sagte, das sei technisch unmöglich, und so wurde der 900 Gramm leichte, laserrote Hocker im Jahr 2008 in Deutschland von Masson gefertigt.
Designpreis für den Beistelltisch aus Porzellan
Der Stuhl wird nicht mehr produziert, aber Experimente macht das Duo immer noch gern. Für Kkaarrlls haben sie im Jahr 2011 so leichte wie elastische Riesenkörbe mit 130 Zentimeter Durchmesser aus Garn und Kunststoff entworfen. Jüngst experimentierten sie mit Porzellan und 3-D-Druck und erhielten für ihren gezackten Beistelltisch „Plisago“ für Fürstenberg den German Design Award Gold 2019.
„Wir wollten die Feinheit und Weichheit des Materials Porzellan zeigen und sind daher auf Textilien und Plissee gekommen“, sagt Marcel Besau. „Präzision und Liebe zur Materialität sind bei der Entwicklung wichtig gewesen.“ Das Ergebnis: ein weißes, zartrosa Gebilde, überraschend, technisch anspruchsvoll.
Die Kunst besteht darin, das Schwere leicht und poetisch, ausgelassen und verspielt wirken zu lassen. Darin haben Marcel Besau und Eva Marguerre eine eindrucksvolle Meisterschaft entwickelt.