Erfolgs-Rapper Apache 207 Der Ludwigshafen-Look

Von Björn Springorum 

Kein Künstler wurde in diesem Jahr in Stuttgart öfter bei dem Musik-Streamingdienst Spotify geklickt als der Ludwigshafener Rapper Apache 207 – eine Annäherung an ein gerade mal 22 Jahre altes Phänomen.

Macht gerne ein Geheimnis um sich selbst und feiert Ludwigshafen: der Rapper Apache 207 Foto: Four Music
Macht gerne ein Geheimnis um sich selbst und feiert Ludwigshafen: der Rapper Apache 207 Foto: Four Music

Stuttgart - Erfolg wird heute in Klickzahlen definiert. Spotify-Millionäre treiben die Währung Musik in die Höhe, während eine ganze Generation das Albumformat abschafft und in Singles denkt. Mancher mag das als Untergang des popkulturellen Abendlandes begreifen – und übersieht dabei in allzu voreiliger Empörung, dass es einst genau­ so losging damals in den Fünfzigern: mit Singles, einzelnen Songs. Heute werden diese zwar digital angeboten und längst nicht mehr auf schwarzes Schellack gepresst, aber das ist nur ein Detail.

Das neue Hörverhalten hat einen neuen Künstler-Typus hervorgebracht. Die Zeiten, in denen Bands nur alle zwei, drei Jahre ein von langer Hand geplantes, kohärentes vielleicht sogar inhaltlich zusammenhängendes Album als Kunstwerk veröffentlichten, neigen sich dem Ende zu, insbesondere in der urbanen Musik. An ihre Stelle treten Artists, die immer wieder mal einen Song veröffentlichen, manchmal alle paar Wochen einen, manchmal nur alle paar Monate, manchmal gleich eine Handvoll auf einer EP. Und meistens, wenn die Künstler Hip-Hop machen, landen sie mit jedem einzelnen hoch in den Charts.

Ein kometenhafter Aufstieg

In Stuttgart war in diesem Jahr keiner dieser Artists erfolgreicher als Apache 207. Wer sich hier jetzt dabei ertappt, „wer?“ fragen zu wollen, muss sich nicht schämen. Es ist unwahrscheinlich, dass der 22-jährige Rapper aus Ludwigshafen in der Filterblase von Menschen auftaucht, die über 20 sind. Die unter 20 jedoch, die liegen Apache 207 zu Füßen. Kein Künstler wurde beim Streaming-Dienst Spotify öfter von den Stuttgartern geklickt­ als er, die ersten drei Plätze der Top Ten gehen auf seine Kosten.

Seine bisherige, noch junge Karriere verlief wie üblich im deutschen Rap-Game: kometenhaft. Den ersten Song hat er im Juni 2018 veröffentlicht, im April 2019 kam der Durchbruch mit „Kein Problem“. Seither folgten Nummer-eins-Hits, Streaming-Rekorde und güldene Schallplatten. Tatsächlich wird der Erfolg immer noch in Schallplatten gemessen – „Goldene Downloads“ klingt einfach seltsam. Wieder mal gelangt ein Rapper aus dem Nichts über Nacht ganz nach oben. Aufstiege wie diese sind nichts ganz Ungewöhnliches, die Konsumenten sind digital unterwegs, schnell und dürsten nach Neuem. So rasant wie hier geht es aber nicht oft zu.

Apache 207 ist bei Bausa unter Vertrag

Spürt man Apache 207 im Netz nach, stoßen selbst trickreiche Rechercheure schnell an Grenzen. Natürlich ist das Kalkül. Es ist aber trotzdem ziemlich clever. Verknappung der Informationen funktioniert immer. Geboren 1997 als Volkan Yaman (und damit genau so alt wie das Album „Quadratur des Kreises“ von Freundeskreis) ist der Abiturient aktuell bei Bietigheims Platin-Rapper Bausa unter Vertrag, als Produzent fungiert die Stuttgarter Jugglerz-Crew. Apache 207 gibt keine Interviews, er hält sich weitgehend aus Rapper-Rangeleien heraus, er bleibt bei sich und seinen Freunden. Und dann noch ausgerechnet in Ludwigshafen, dieser verschandelten Stadt am Rhein mit ihrem Milieucharakter, mit BASF-­Industrie-Romantik und grauer Tristesse. Apache 207 inszeniert die Stadt in seinen merkwürdig umtriebigen Videos, die nicht immer, aber manchmal so wirken wie eine Persiflage auf das ermüdende Spiel mit dicken Karren und dicken Hintern.

Ein wenig aus dem Genre gefallen scheint auch der Rapper selbst: Zwei Meter groß, lange glatte Haare, eigenwilliger Modegeschmack, tiefe, durchdringende Stimme. So eine Figur gab es im Deutschrap noch nicht. Wobei man seinen Sound mit dieser Titulierung nur sehr unzureichend beschreiben kann. Er rappt und es gibt Beats, sicher. Aber er singt eben auch, erstaunlich melodisch noch dazu, und verlustiert sich gern in einer fast schon souligen Eurodance-Klangwelt, die schon vergessen war, bevor er überhaupt geboren wurde. Apache 207 bietet einen seltsamen, gern bittersüßen Mix, der trotz der offensichtlichen Puzzleteile eigenwillig klingt.

Ein Hang zur Romantik

Man könnte ihm sogar einen Hang zur Romantik unterstellen – zumindest Rap-Romantik, wenn er in „Sex mit dir“ selbstironisch singt: „Ich will, dass du mit mir nach Hause kommst, denn ich bin reich – ich hol’ noch drei Flaschen, denn ich will mir sicher sein, dass du es weißt.“ Das formulieren viele andere deutlich expliziter und herabwürdigender. Das Besondere an Apache 207s Texten ist die Empathie, die seinen toughen Kollegen abgeht. „Sie riecht das Parfüm von andern Frau’n an sei’m Hemd – liegt wieder mal ganz alleine im Bett – nicht viel, was sie braucht, doch selbst das nimmt man ihr weg“, singt er in „Warum tust du dir das an?“ – und teilt indirekt gegen all die toxischen Typen aus, die sich auch in diesem Genre tummeln.

Das ist angesichts seines extrem jungen Publikums wichtig. Gänzlich unschuldig ist aber auch Apache 207 nicht: Der sexistische Text seines ersten Songs „Kleine Hure­“ macht dem Titel alle Ehre. Nur eine Jugendsünde? Der Vokalist aus Ludwigshafen hätte das Zeug dazu, Deutschrap ein Stück weit humaner und weltoffener zu gestalten­. Hoffentlich nutzt er sie. Ihm hört man nämlich zu. Und man tut es gern: Sein Sprachfluss sitzt und hat Gefühl, „flow“ sagen Kenner dazu. Er verfällt nicht in das Straßendeutsch vieler Rap-Kollegen, formuliert ordentliche Sätze, lässt oft Nachdenklichkeit durchschimmern. Eine halbe Milliarde Mal wurden seine Songs mittlerweile angehört. Und das, obwohl ihn Anfang 2019 die wenigsten kannten. Ein Emporkömmling wie Apache 207 wäre in der Rockmusik undenkbar. Gleichwohl ist eine Karriere wie seine nicht auf Langlebigkeit aus. 20, 30 Jahre wird niemand der Youngster durchhalten, die gerade das deutsche Rap-Feld anführen. Doch solange den Konsumenten nicht die Klicks ausgehen, wird auch 2020 ein sehr lukratives Jahr.

Darüber dürfte sich nicht zuletzt auch seine Mutter freuen. Die besingt er ziemlich rührend in „Brot nach Hause“: „Und, Mama, bin ich einmal wieder nicht daheim, will ich, dass du bitte keine Träne weinst, denn ich bring Brot nach Hause.“ Er möchte eben ein überwiegend guter Junge sein. Und fast ist man versucht, es ihm abzu­nehmen.

Apache 207 tritt am 24. April 2020 in der MHP-Arena in Ludwigsburg auf.