Die Ziele, die sich die Tarifgemeinschaft Leiharbeit des Gewerkschaftsbundes (DGB) für die jüngst gestartete Tarifrunde gesetzt hat, sind geeignet, diese Zahl weiter zu drücken, weil sie Zeitarbeit erheblich verteuern würden. „Wir fordern 8,5 Prozent mehr Geld für die Leiharbeitnehmer und Verbesserungen in den Manteltarifverträgen – etwa mehr Urlaubstage sowie ein höheres Weihnachts- und Urlaubsgeld in Höhe von insgesamt einem Monatsgehalt“, fasst DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell den Wunschkatalog zusammen. Auch sollen alle Beschäftigte die gleichen Zuschläge erhalten, die im Entleihbetrieb gelten – für Sonn- und Feiertage, Nachtschicht und Mehrarbeit. Die Zuschläge der Leiharbeiter müssten entsprechend angehoben werden.
Nächste Verhandlungsrunde am Dienstag
Die zweite Verhandlungsrunde steht am nächsten Dienstag an. „Die Arbeitgeber müssen deutlich machen, wie ernst es ihnen mit guter Arbeit in der Leiharbeit ist“, betont Körzell. Die Verhandlungsgemeinschaft Zeitarbeit der beiden Arbeitgeberverbände BAP und IGZ kontert, die 8,5 Prozent seien „vollkommen überzogen“ in einer Branche, die erheblich vom wirtschaftlichen Abwärtstrend getroffen sei. Durch derartige Forderungen würden weitere Arbeitsplätze gefährdet und Integrationschancen von Menschen in den Arbeitsmarkt behindert.
Der DGB argumentiert jedoch, dass mit dem überdurchschnittlichen Lohnplus ein klarer Abstand der unteren Tarifentgelte zum gesetzlichen Mindestlohn hergestellt werden soll. Derzeit liegt die Entgeltgruppe eins in der Leiharbeit bei 9,79 Euro (West) und 9,49 Euro (Ost). Die davon Betroffenen sollen die Aussicht auf eine eigenständige Alterssicherung erhalten.
Munition gewährt eine Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit für 2012 bis 2018, die unserer Zeitung vorliegt. Die jährliche Repräsentativbefragung umfasst Daten von 42 177 Beschäftigten – unter ihnen 935 Leiharbeitskräfte. Ein Überblick über die wichtigsten Ergebnisse: Deutlich geringeres Einkommen Eine große Kluft besteht beim Einkommen, was nicht nur mit Qualifikationsunterschieden zu tun hat. Bei Vollzeittätigkeiten, für die in der Regel eine zwei- bis dreijährige Berufsausbildung erforderlich ist, verfügen zwei Drittel der Leiharbeitnehmer über ein Bruttoeinkommen von 2000 Euro und weniger. Ihr (gewichteter) Anteil in den unteren Einkommensgruppen ist damit doppelt so hoch wie der der Nicht-Leiharbeitnehmer. Umgekehrt sind Zeitarbeitnehmer in den höheren Lohngruppen deutlich weniger vertreten.
Häufiger Schichtdienst und Nachtarbeit Beträchtlich ist der Anteil der Zeitarbeitsbeschäftigten, die in Schichtdiensten arbeiten. Mit 37 Prozent liegt er mehr als doppelt so hoch wie in der Vergleichsgruppe (16 Prozent). Auch bei der Nachtarbeit sind sie deutlich häufiger vertreten: Jede fünfte Leihkraft arbeitet (sehr) häufig zwischen 23 und 6 Uhr.
Kaum Einfluss auf Arbeitsgestaltung Der Erhebung zufolge können Leiharbeitnehmer auch die von ihnen zu bewältigende Arbeitsmenge und die Gestaltung ihrer Arbeitszeit viel weniger beeinflussen. 72 Prozent der Befragten geben an, keinen oder nur einen geringen Einfluss auf den Arbeitsumfang zu haben – bei nicht entliehenen Beschäftigten sind es 65 Prozent. Noch deutlicher gehen die Einschätzungen bei der Arbeitsplanung auseinander.
Mehr körperliche Belastungen Da ist es auch nicht erstaunlich, wenn gesundheitliche Risikofaktoren wie körperliche Belastungen bei Leiharbeit häufiger auftreten. Vom Heben, Tragen oder Stemmen schwerer Lasten berichten 43 Prozent der Leiharbeitnehmer. Zwei Drittel sind (sehr) häufig in ungünstigen Körperhaltungen tätig. Gemeint ist etwa das Arbeiten im Knien oder über Kopf sowie lang anhaltendes Stehen oder Sitzen. 55 Prozent der Leihkräfte geben an, dass sie (sehr) häufig Lärm ausgesetzt sind. Weniger Entwicklungsmöglichkeiten Zeitarbeitnehmer, die im Schnitt ohnehin über ein geringeres Qualifikationsniveau verfügen als Stammkräfte, erhalten deutlich seltener Chancen zur Weiterbildung. 70 Prozent geben an, dass ihr Betrieb Fortbildungen nicht oder nur in geringem Maße ermöglicht – bei den nicht entliehenen Kollegen sind es 45 Prozent. Auch sieht gut die Hälfte der ausgeliehenen Befragten kaum Entwicklungsmöglichkeiten ihrer beruflichen Fähigkeiten.
DGB-Mann Körzell mahnt: „Die Digitalisierung macht vor der Leiharbeit nicht halt.“ Deshalb seien bessere Weiterbildungswege vonnöten – mithin mehr Mitbestimmung für die Betriebsräte in den Unternehmen. Politik und Arbeitgeber müssten die Bedingungen dafür schaffen.