Erhebung des Kultusministeriums Schulen melden mehr Unterrichtsausfälle

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Zum ersten Mal hat das Kultusministerium alle Schulen zur Unterrichtsversorgung befragt und nicht nur eine Stichprobe gemacht. An den Gymnasien fallen besonders viele Stunden aus.

Das Klassenzimmer bleibt immer öfter leer, wenn Lehrer krank werden. Foto: dpa
Das Klassenzimmer bleibt immer öfter leer, wenn Lehrer krank werden. Foto: dpa

Stuttgart - Mit dem Ferienbeginn präsentiert Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) die erste Vollerhebung zu Unterrichtsausfällen in Baden-Württemberg. Bisher gab es nur einmal im Jahr im November eine Stichprobe an 15 Prozent der Schulen. Jetzt wurden vom 11. bis 15. Juni 4500 Schulen befragt. Alle meldeten sich laut Ministerium zurück.

Am schlechtesten stehen die allgemein bildenden Gymnasien da. Sie melden einen Unterrichtsausfall von 6,6 Prozent. Bei der Stichprobe im November lag der landesweite Schnitt noch bei 5,4 Prozent. Dabei gibt es zwischen den Regierungsbezirken nennenswerte Unterschiede. Tübingen gibt einen Ausfall von 5,5 Prozent an, Freiburg dagegen nennt 7,3 Prozent. Stuttgart liegt bei 6,8 Prozent, Karlsruhe bei 6,4.

Unterschiede in den Regionen

Auch die beruflichen Schulen schneiden in der Vollerhebung mit einem Ausfall von 6,0 Prozent schlechter ab als bei der Stichprobe (5,4 Prozent). Bei den Realschulen sind im Schnitt 4,3 Prozent der Stunden ausgefallen. Allerdings waren es im Schulamtsbezirk Markdorf nur 1,8 Prozent, im Bezirk Tübingen dagegen 7,3 Prozent.

Mehr als jeder zehnte Lehrer fiel im Juni aus. Die Abwesenheitsquote der Lehrer liegt bei 10,4 Prozent. Jeder dritte abwesende Lehrer war krank, außerschulische Veranstaltungen hielten 21,6 Prozent vom Unterricht ab, Fortbildung und Mutterschutz oder Elternzeit machen 12,2 beziehungsweise 11,6 Prozent der Ausfälle aus.

Fast jede abwesende Lehrkraft wurde an Grundschulen vertreten, sodass der Ausfall 1,2 Prozent beträgt. Relativ gut stehen auch Gemeinschaftsschulen (2,8 Prozent Ausfall) und Haupt-/Werkrealschulen (3,4 Prozent) da.

Eltern mit Vertretungen unzufrieden

Ein Vater aus Nürtingen beispielsweise bestätigt die Erhebung aus eigener Erfahrung. An Gymnasien falle deutlich mehr Unterricht aus, als an Realschulen, sagt der Vater zweier Söhne. „Echte Vertretungen sind selten. Dass zufällig ein Springer oder ein Fachlehrer Zeit hätte, ist die Ausnahme“. Er hält nicht viel von den vertretenen Stunden: „Die Kinder werden lediglich beschäftigt, wenn es hoch kommt, schaut alle Viertelstunde der Lehrer aus der Parallelklasse vorbei.“

Landauf landab sprechen Gymnasialeltern den Vertretungsstunden „höchst zweifelhafte Wirksamkeit“ zu. „De facto müssen die Schüler den Unterricht an den Gymnasien in in acht, sondern in sieben Jahren meistern“, klagten kürzlich die Väter und Mütter in den Arbeitsgemeinschaften der Elternbeiräte an Gymnasien im Land. Sie plädieren für Sofortmaßnahmen wie die Einstellung von Quereinsteigern oder Lehraufträge für Lehramtsstudenten in höheren Semestern um die Lage vor allem in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Mangelfächern kurzfristig zu entspannen. „Auf eine Änderung der Lehrerausbildung können Eltern und Kinder nicht warten“, sagen sie.

Regelmäßige Erhebungen vorgesehen

Vollerhebungen soll es mehrmals im Jahr geben. Bei der nächsten will Kultusministerin Eisenmann den Vertretungsunterricht genauer unter die Lupe nehmen, kündigte sie an. Die Vollerhebung liefere „zusätzliches Steuerwissen, mit dem wir orientiert an den konkreten Problemen vor Ort reagieren können“, erklärte Eisenmann. Ziel müsse es sein, dem Unterrichtsausfall wirksam vorzubeugen. Zum Teil handele es sich um Faktoren, die planbar seien. „Es ist die Aufgabe der Schulverwaltung und der Schulen, weiter intensiv an passgenauen Vertretungskonzepten zu arbeiten“, so Eisenmann.

Lehrer fordern höheren Versorgungsgrad für Schulen

Die Schulen sehen eher das Ministerium in der Pflicht. Ralf Scholl, der Vorsitzende des Philologenverbands nannte das Ergebnis für die Gymnasien „alarmierend“. Das Kultusministerium müsse „schnell wirksame Maßnahmen ergreifen“. Er fordert, mehr Lehrer einzustellen, und die Lehrerversorgung stufenweise auf 110 Prozent an jeder Schule zu erhöhen. Das betrachtet auch Gerhard Brand vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) als langfristiges Ziel, er sieht aber, dass es beispielsweise an Grundschulen derzeit nicht die notwendigen Lehrer dafür gibt.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verlangt, dass die Lehrerreserve für Vertretungen schnell ausgebaut wird. „Tausende Gymnasiallehrkräfte stehen auf der Straße, während die Landesregierung tatenlos zusieht, wie die Kinder und Jugendlichen wegen fehlender Vertretungen nach Hause geschickt werden“, moniert die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz. Derzeit sind 1666 Stellen in der Lehrerreserve, sie sollte um jährlich 200 Stellen aufgestockt werden, regt Moritz an.

Krankheitsreserve aufstocken

Für die SPD geht der Ausfall „auf die Kappe von Grün-Schwarz“. Die Koalition habe im vergangenen Jahr 1000 Lehrerstellen gestrichen. Stefan Fulst-Blei, der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, will ebenfalls die Krankheitsreserve auf 2000 Stellen erhöhen und den Versorgungsgrad der Schulen auf 106 Prozent erhöhen. Das müsse bei der Personalplanung und den Ausbildungskapazitäten berücksichtigt werden.

Für die FDP fordert der Bildungspolitiker Timm Kern die Kultusministerin zu „mehr Anstrengungen und neuen Wegen bei der Gewinnung von Lehrkräften auf.“ Die FDP verspricht sich Verbesserungen von der Eigenverantwortung der Schulen. Auch sei Eisenmann von einer vollständigen Erhebung des Unterrichtsausfalls das gesamte Schuljahr über, wie es beispielsweise in Hessen praktiziert werde, noch weit entfernt.