Erholung im Wald in Stuttgart Wie Urlaub im Alltag: Wo man in Stuttgart Waldbaden kann
Erholung vom Stress im Alltag: Die Initiative Auszeit im Wald bietet Waldbad-Führungen in Stuttgart und der Region an. Was Teilnehmer dabei erleben.
Erholung vom Stress im Alltag: Die Initiative Auszeit im Wald bietet Waldbad-Führungen in Stuttgart und der Region an. Was Teilnehmer dabei erleben.
Ein brechender Ast unter den Schuhen, der Gesang von Amseln und Rotkehlchen, ein intensiver Duft von feuchtem Laub – und weit und breit nur Natur. Die Waldbad-Tour beginnt mit Kostproben für die unterschiedlichen Sinne. Obwohl es an diesem Tag mit gut 20 Grad ohnehin frisch ist, spürt man beim Eintauchen in den Wald sofort eine kühle Brise. „Ab jetzt heißt es, ruhig zu sein“, sagt Martina Schaff. Und in der Tat: Es herrscht Stille. Zehn Teilnehmenden gruppieren sich im Kreis. In der Mitte steht Schaff, studierte Gesundheitswissenschaftlerin, die für die nächsten zweieinhalb Stunden die Richtung vorgibt.
Seit Jahren führt die zertifizierte Waldbad-Trainerin aus Stuttgart mit ihrer Initative Auszeit im Wald Gruppen durch die Natur – in Stuttgart und der Umgebung. Häufig geht’s durch den Feuerbacher Forst, dieses Mal ist sie mit der Gruppe in Fellbach unterwegs. Die Teilnehmer haben mal mehr, mal weniger Erfahrung mit dem Waldbaden. Was sie sich von der Tour erwarten? Ein Trio von Freundinnen sagt: „Einfach mal was Neues ausprobieren, was wir noch nie gemacht haben.“
Dabei ist das Waldbaden an sich nichts Neues. Es entstand in den 80er Jahren in Japan. „Eigentlich nennt es sich Shinrin Yoku. Wenn man es wortwörtlich übersetzt, heißt es: in die Atmosphäre des Waldes eintauchen“, erklärt Schaff. Über Fernost fand der Trend den Weg nach Deutschland. Mittlerweile gibt es im ganzen Bundesgebiet Waldbad-Initativen. Allein bei der Deutschen Akademie für Waldbaden und Gesundheit haben sich 2500 Kursleiter für diesen Bereich ausbilden lassen. Aber was macht das Waldbaden aus? Was hebt es ab?
Michael Jeitler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Robert Bosch Centrum für Integrative Medizin und Gesundheit am Bosch Health Campus in Stuttgart. Er betont: „Anders als etwa beim Waldspaziergang ist das Waldbaden ein aktiv praktiziertes, entschleunigtes Eintauchen in die Natur.“ Die Entspannung sei zentral: „Beim Waldbaden steht nicht die körperliche Betätigung im Vordergrund, weil der Weg oft nur wenige Kilometer lang ist“, so Jeitler. „Im Vordergrund stehen unterschiedliche Naturwahrnehmungs- und Mind-Body-Entspannungsübungen.“ Die bekanntesten seien Übungen zur Sinneswahrnehmung, in denen „einzelne Sinneskanäle durchgegangen werden“.
Gleich die erste Übung im Kreis zeigt, wie die Sinne geschärft werden können. Alle Teilnehmenden schließen die Augen und atmen dreimal ein und aus. „Der Alltag bleibt hier zurück. Gleich beginnt das Waldbaden“, sagt Schaff mit ruhiger Stimme. Durch bewusste Ausblendung soll nun die eigene Wahrnehmung in den Fokus gerückt werden. Sozusagen ein Warm-up. Nach einer kurzen Pause setzt sich die Gruppe in Bewegung. Auf den ersten Blick wirken die Waldbader wie normale Wanderer oder Spaziergänger – bis die nächste Station beginnt.
Die erste Übung soll ein Gefühl für den eigenen Körper vermitteln. Mit geschlossenen Augen und bei ruhigem Ein- und Ausatmen, sollen sie sich jeweils auf einen Körperteil konzentrieren. „Was spürst du an deiner Fußsohle?“, fragt Schaff in die Runde. „Vielleicht Äste, Wärme – oder auch nichts.“ Ihre einzige Vorgabe: „Lenke die Aufmerksamkeit auf die Fußsohle.“ Immer wieder sagt Schaff fast mantraartig: „Nur wahrnehmen, nicht bewerten. Alles ist okay, alles ist in Ordnung.“
Neben dem inneren Spüren, baut Schaff auf der Tour auch Übungen ein, um das Hören und Riechen zu aktivieren. Alle 30 Sekunden läutet sie dabei eine mitgebrachte Glocke, während die Teilnehmenden den Waldweg entlang laufen. „Nehmt einen Gegenstand vor euch, egal welchen, und fahrt mit euren Fingern darüber.“ Finger gleiten über den kleinen Ast einer Buche: zerbrechlich, kahl fühlt er sich an. „Was hört ihr?“, fragt Schaff. Ein sanftes Pinseln. Als würde man einen Filzstift über ein Blatt Papier ziehen. Die Natur erscheint wie auf einer Leinwand.
Dann geht es weiter. Jeder Teilnehmende soll einen Gegenstand aufsammeln. Fast scheint es, als hätte sich eine Gruppe von Detektiven im Wald verirrt. Die Sammelstücke werden in einen Stoffbeutel gesteckt. Nun wird jeder angewiesen, mit verschlossenen Augen einen Gegenstand aus dem Beutel zu ziehen – unter anderem Tannenzapfen, ein Stück Moos, eine Feder. „Achte auf die Fläche oder Unebenheit. Versuche, ein Bild von dem zu bekommen, was du in den Händen hältst“, sagt Schaff. Auf seine eigenen Sinne vertrauen, das ist hier gefragt.
Am Ende der Tour stellt sich Schaff wie zu Beginn in die Mitte und fragt die Teilnehmenden nach ihren Eindrücken. Hat das Waldbad etwas gebracht? Die Meinung ist einhellig: „Ich bin jetzt total entspannt“, sagt eine Frau, die zum ersten Mal an einer Tour teilgenommen hat. „Ich fand angenehm, dass alle Sinne angesprochen wurden. Mal etwas Langsamkeit ist schön. Das ganze Leben ist doch schnell“, meint eine andere Teilnehmerin. Die Mehrheit möchte bald mal wieder beim Waldbaden dabei sein.
Bleibt die Frage, ob das Entspannungsgefühl auch anhält. Bei dieser Frage ist sich die Wissenschaft einig. „Wir konnten in mehreren Studien zeigen, dass ein Aufenthalt im Wald das parasympathische Nervensystem aktiviert und Stressmarker wie Cortisol senkt“, sagt Daniela Haluza, Umweltmedizinerin und Public-Health-Expertin an der Medizinischen Universität Wien. Ihr Urteil: „Wer regelmäßig in den Wald geht, schützt langfristig Herz, Kreislauf und Psyche.“
Das Waldbaden könne daher auch in der Prävention eingesetzt werden –insbesondere bei chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Asthma, COPD, Darm- und Tumorerkrankungen, die teilweise stressbedingt entstehen oder verstärkt werden, erklärt Marcela Winkler, Ärztliche Leiterin der Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin im Robert-Bosch-Krankenhaus. Die Natur- und Waldtherapie stärke zudem das Immunsystem.
Dennoch müsse weiter geforscht werden: „Generell sind wir bei der Erforschung der Natur- und Waldtherapie noch ganz am Anfang. Wir brauchen einfach noch viel mehr Daten aus klinischen Studien“, sagt Jeitler. Die Forschenden raten trotzdem, sich auf das Waldbaden und seine Effekte einzulassen. „Aufstehen und einfach mal losgehen – ohne Handy, ohne Ziel, aber mit offenen Sinnen“, empfiehlt Haluza in einer Zeit, die immer mehr von Stress und in der Folge von Burn-out geprägt ist. Auch Martina Schaff ist vom Effekt ihrer Waldbad-Touren in und um Stuttgart überzeugt: „Durch den Einsatz der Sinne, die Langsamkeit, die Konzentration auf das Hier und Jetzt, erfährt man den Wald auf eine ganz andere Art und Weise.“