Es ist der Lauf der Zeit, dass auch große Karrieren irgendwann zu Ende gehen. Bei Eric Frenzel (34) und Johannes Rydzek (31) wird das nicht anders sein. Ein Jahrzehnt lang hat das Duo die nordische Kombination geprägt, Medaillen im Dutzend abgeräumt. Die beiden Stars sprechen zwar nicht über den Abschied, über ihre Zukunft aber denken sie nach – gut möglich, dass sie dem Sport, den sie lieben, erhalten bleiben. Noch aber zählt die Gegenwart.
Frenzel und Rydzek qualifizierten sich problemlos für die WM in Planica, wo die Kombinierer an diesem Samstag (10 Uhr und 15.30 Uhr/ZDF live) ihren ersten Auftritt haben. Die Hauptrollen aber, das ist jetzt schon klar, spielen dann andere: Die Weltspitze kommt mittlerweile aus Norwegen und Österreich, vielleicht können die Oberstdorfer Julian Schmid und Vinzenz Geiger mitreden. Eric Frenzel und Johannes Rydzek? Werden auf der ganz großen Bühne nicht mehr wie gewohnt in Erscheinung treten. „Die jüngere Generation hat sie überholt“, sagt Bundestrainer Hermann Weinbuch, „das ist klar sichtbar.“ Und manchmal auch bitter.
Johannes Rydzek muss zuschauen
Johannes Rydzek, der sechsmalige Weltmeister, muss am ersten WM-Wochenende (Einzel/Samstag, Mixed/Sonntag) zuschauen, bei der teaminternen Qualifikation auf der Normalschanze flog er hinterher. „Es war eindeutig. Er ist bei jedem Sprung der Schwächste gewesen“, sagt der Chefcoach. Rydzek kann die Entscheidung nachvollziehen: „Ich war einfach nicht gut genug.“ Und trotzdem bleibt die Lust größer als der Frust.
Natürlich lebt es sich als Leistungssportler leichter, lockerer und lustiger, wenn man ständig oben steht. Gelingt das nicht mehr, muss aber deshalb nicht alles schlecht sein. Im Gegenteil. „Bei mir hat sich der Blickwinkel verändert“, sagt Rydzek, der in Planica seine achte WM mitmacht, „auch ohne Siege ist der Sport unglaublich schön. Eine Medaille zu gewinnen ist ein höchst intensiver Moment, aber ich habe noch nie Rekorden hinterhergejagt. Deshalb kann ich nun, mit dem Wissen, was ich schon alles erreicht habe, meinen Sport genießen. Ich brenne noch immer, kämpfe auf der Strecke um einen zehnten Platz genauso wie früher um Rang eins. Das ist dieselbe Herausforderung.“ Und eine Erfahrung, die Frenzel ganz ähnlich beschreibt.
Frenzel und Rydzek in diesem Winter ohne Podestplatz
Bei seiner neunten (!) WM-Teilnahme könnte der Sachse in Planica den norwegischen Langläufer Björn Dählie hinter sich lassen. Bisher haben beide 17 Medaillen bei Weltmeisterschaften geholt, mehr als jeder andere Wintersportler. „Das wäre schon etwas Cooles“, sagt Frenzel, dem eine weitere Plakette durchaus zuzutrauen ist – in der starken deutschen Staffel. In den beiden Einzelwettbewerben dagegen eher nicht. Denn in diesem Winter stand Frenzel ebenso wie Rydzek im Weltcup kein einziges Mal auf dem Podest. Womit auch er umzugehen gelernt hat.
Der Kombinierer, der zwischen 2013 und 2017 fünfmal in Serie den Gesamtweltcup gewann, hat die Hoffnung auf den einen großen Tag, an dem alles zusammenpasst, noch nicht aufgegeben – und ist zugleich auch Realist. „Als Athlet kann man nicht nur auf der Sonnenseite des Lebens stehen“, sagt Eric Frenzel, der einen Großteil der Olympischen Spiele 2022 in der Coronaquarantäne verbrachte „doch nur, weil es momentan nicht perfekt läuft, geht ja nicht die Leidenschaft verloren. Und auch nicht der Reiz, den eine WM hat. In Planica werden erstmals nach der Pandemie wieder Fans dabei sein – diese Atmosphäre werde ich aufsaugen. Ich bin dankbar, das noch mal erleben zu dürfen.“ Mit einem alten Wegbegleiter an der Seite.
Die letzte WM von Hermann Weinbuch
Hermann Weinbuch (62) ist seit 1996 Bundestrainer. Unter seiner Regie gab es sechs Olympiasiege, 15 WM-Titel und mehr als 50 Medaillen – nicht zuletzt dank Frenzel und Rydzek. Nun ist Weinbuch, der natürlich auch Vinzenz Geiger (Olympiasieger 2022) und Julian Schmid (drei Saisonsiege) geformt hat, für deren Wachablösung verantwortlich. „Frenzel und Rydzek können noch immer Bestzeiten laufen, sind in der Loipe weiterhin enorm stark“, sagt der Chefcoach, der nach der WM aufhören wird. Auf der Schanze aber sei der Rückstand zu groß: „Man merkt, dass die Energie nicht mehr so vorhanden ist. Mit seinem starken Willen konnte Eric früher alles regeln, das geht jetzt nicht mehr so leicht. Und bei Johannes ist es ähnlich.“ Die besten Zeiten, das wird sich nicht mehr ändern lassen, sind vorbei. Offen ist, wann die Uhr abläuft.
Frenzel hat zuletzt darüber gesprochen, dass ihn auch die WM 2025 in Trondheim durchaus reizen könnte. Rydzek ließ ebenfalls offen, wann er seine Laufbahn beenden wird. Eine Perspektive in ihrem Sport bietet sich beiden. Viele Insider trauen Frenzel den Job des Bundestrainers zu, der studierte Wirtschaftsingenieur Rydzek hat schon am Freitag, als sich die Kollegen in Planica auf ihren Wettkampf fokussierten, beim Frauenrennen als Experte und Kommentator für das ZDF gearbeitet und dabei eine gute Figur gemacht. Was nur zeigt: Auch nach dem Karriereende muss noch lange nicht Schluss sein für die Generation Gold.