Erinnern in Winnenden 17 Jahre nach dem Amoklauf bewegt ein Moment viele Menschen besonders

17 Jahre nach dem Amoklauf in Winnenden gedenken Hunderte vor dem Mahnmahl im Stadtgarten. Foto: Frank Rodenhausen

Als die Glocken um 9.33 Uhr läuten, hält Winnenden inne. Hunderte Menschen kommen zusammen, um der Opfer des Amoklaufs zu gedenken. Dann meldet sich die ehemalige Schulleiterin zu Wort.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Um Punkt 9.33 Uhr durchschneidet das Läuten der Kirchenglocken die morgendliche Stille von Winnenden (Rems-Murr-Kreis). Für einen Moment scheint die Stadt den Atem anzuhalten. Genau zu dieser Zeit begann vor 17 Jahren das Unfassbare: ein Amoklauf, der Winnenden und ganz Deutschland erschütterte.

 

Am Mahnmal „Gebrochener Ring“ im Stadtgarten liegen an diesem Morgen wieder 15 weiße Rosen. Sie erinnern an die 15 Menschen, die am 11. März 2009 ihr Leben verloren. Hunderte Menschen sind gekommen, stehen dicht beieinander, viele schweigend, manche mit gesenktem Kopf.

Ehemalige Rektorin richtet Worte an die Anwesenden

Die Gedenkveranstaltung beginnt mit einem stillen Moment am Mahnmal. Das Kunstwerk des Bildhauers Martin Schöneich steht seit Jahren als Symbol für das, was hier geschehen ist: ein Kreis, der brutal aufgebrochen wurde – Leben, die aus der Gemeinschaft gerissen wurden.

Stilles Gedenken am Zerbrochenen Ring Foto: Frank Rodenhausen

Dann tritt überraschend eine Frau vor die Anwesenden: Astrid Hahn, damals die Rektorin der Albertville-Realschule. Sie hatte ein Jahr nach dem Amoklauf aus gesundheitlichen Gründen ihr Amt aufgegeben. Sichtlich bewegt richtet sie einige Worte an die Menschen im Stadtgarten. Sie bedankt sich dafür, dass so viele gekommen sind, um die Erinnerung wachzuhalten an das, was geschehen ist – und was niemals wieder passieren darf.

Schließlich nennt sie aus dem Kopf die Namen der Verstorbenen. Einer nach dem anderen hallt über den Platz. Ein Moment, der vielen unter die Haut geht.

Ein neues Format auf Wunsch der Angehörigen

Nach dem stillen Gedenken setzt sich die Veranstaltung in der Hermann-Schwab-Halle fort. Die Stadt hatte das Konzept der Gedenkfeier bereits im vergangenen Jahr verändert. Viele Jahre fand das öffentliche Erinnern ausschließlich im Freien am Mahnmal statt.

Nun wird der zweite Teil bewusst in die Halle verlegt – ein Schritt, der auf Wunsch der Angehörigen erfolgt ist. Sie hätten sich ein neues Format gewünscht, mit der Möglichkeit, nach dem Gedenken zusammenzubleiben und miteinander zu sprechen, teilte die Stadt Winnenden mit.

Oberbürgermeister ruft Schreckenstat ins Gedächtnis

In der Halle spricht Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth über die „Tragödie für unsere Stadt“. Seit 2010 steht er an der Spitze des Rathauses und begleitet die Stadt durch die Jahre der Erinnerung.

Holzwarth dankt den Anwesenden für ihr Kommen zu dieser Zeremonie des Miteinanders. Das Gedenken am Mahnmal sei Ausdruck des Zusammenhalts und ein klares Bekenntnis dafür, dass es keinen Platz für Gewalt geben dürfe. In knappen Worten ruft er noch einmal ins Gedächtnis, was am 11. März 2009 geschah: Ein 17-Jähriger erschoss an der Albertville-Realschule acht Schülerinnen, einen Schüler und drei junge Lehrerinnen. Auf seiner Flucht tötete er später drei weitere Männer in Winnenden und Wendlingen, bevor er sich selbst das Leben nahm.

Das Erinnern habe einen klaren Sinn, betont der Oberbürgermeister. Man ehre die Opfer und bekräftige das Engagement für eine Zukunft, in der Gewalt keinen Platz habe.

Junge Stimmen tragen die Erinnerung weiter

Auch junge Menschen gestalten das Gedenken. Mitglieder des Winnender Jugendgemeinderats verlesen die Namen der Opfer. Schülerinnen und Schüler einer siebten Klasse der Albertville-Realschule tragen Gedanken zum Erinnern vor – Jugendliche, die zur Zeit der Tat noch gar nicht geboren waren.

Der Gedenktag endet nicht mit der Veranstaltung in der Halle. Über den Tag verteilt finden mehrere ökumenische Gottesdienste statt, darunter in der Schlosskirche und in der Kirche St. Karl Borromäus. Am Abend lädt der Jugendgemeinderat zu einer Lichterkette durch die Stadt ein. Treffpunkt ist der Marktbrunnen in der Altstadt. Kerzen sollen den Weg erhellen – ein stilles Zeichen der Verbundenheit.

Siebzehn Jahre sind vergangen, doch der 11. März bleibt ein Tag, der sich tief in das Gedächtnis der Stadt eingebrannt hat. In Winnenden wissen viele: Die Wunden sind nicht verschwunden. Aber die Erinnerung verbindet – und sie hält wach, was nie vergessen werden darf.

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