Stuttgart - Mit Menschen wie Saul Friedländer wird dereinst eine Ära enden, aber nicht die Geschichte. Der Historiker, der an diesem Donnerstag vor dem Bundestag zum Gedenken an die Holocaust-Opfer sprach, ist einer der letzten seiner Zunft, der die Zeit der Shoa selbst erlebt hat. Seine Eltern kamen in Auschwitz um. Die Gedenkstunde im Parlament erinnert an den 27. Januar 1945, als sowjetische Soldaten das Vernichtungslager befreit haben. 74 Jahre danach stellen sich drängende Fragen: Ist diese Art von Erinnerungskultur nicht aus der Zeit gefallen? Verliert sie den Anschluss an die Aktualität?
„Nie wieder!“ war einst die Botschaft solcher Gedenktage – ein Vermächtnis an künftige Generationen. Doch wer hält diese Mahnung lebendig, wenn Menschen wie Saul Friedländer, Zeitzeugen und überlebende Opfer, eines nicht allzu fernen Tages nicht mehr unter uns sind? Und hält das hehre Versprechen „Nie wieder!“ denn der Wirklichkeit stand? Antisemitismus und Nationalismus sind weltweit wie auch in Deutschland auf dem Vormarsch – schon wieder oder immer noch?
Die Shoa darf nicht zur abstrakten Geschichte versteinern
Vor diesem Hintergrund wächst die Skepsis, was Erinnerungskultur vermag, wenn es niemanden mehr gibt, dem der Terror, das Grauen, die Unmenschlichkeit von damals im Gedächtnis lebendig geblieben sind und der davon erzählen kann. Die beispiellose Bestialität der Shoa darf niemals zur abstrakten Historie versteinern. Wer im Land der Täter lebt oder künftig leben wird, kann sich dem Schatten dieser Geschichte nicht entziehen.
Generationen nach dem Zivilisationsbruch wissen wir längst nicht alles, was damals geschehen ist. Doch jeder weiß längst genug, um sich dem „Nie wieder!“ verpflichtet zu fühlen. Und wer noch Wissenslücken hat, braucht nicht einmal Zeitzeugen. Er kann Siri fragen. Es ist auch kein Geheimnis, dass auf deutschen Straßen Menschen angegriffen und misshandelt werden, nur weil sie eine Kippa tragen und man sie deshalb für Juden hält. Die wachsende Ignoranz gegenüber dem Holocaust und dem Antisemitismus ist keine Frage des Wissens, sondern eine Frage des Begreifens und der falschen Überzeugungen.
Importierter Hass und bornierte Geschichtsblindheit
Der Antisemitismus von heute ist auch das Resultat von importiertem Hass und bornierter Geschichtsblindheit. Einer wachsenden Zahl von Mitmenschen mögen Erinnerungen an das Schicksal der Juden wie Feindpropaganda vorkommen. Sie entstammen Kulturen, die sich aus dem Hass gegen Israel definieren. Es bedurfte aber nicht der Stimmen muslimischer Einwanderer, um einer Partei in sämtliche deutsche Parlamente zu verhelfen, die den Holocaust einen „Vogelschiss“ im Geschichtsbuch nennt. Unter deren Anhängern ist die Ansicht populär, es müsse jetzt mal gut sein mit der „Bewältigungspolitik“. Man muss nicht einmal dumm sein, um so zu reden. Das zeigten der Historikerstreit vor 30 Jahren, bei dem die Einmaligkeit des Holocaust bezweifelt wurde, und Leute vom Schlage Martin Walsers, der mit „unserer Schande“ nicht mehr behelligt werden wollte. Geschichtsklitterei ist nicht nur wählbar, sondern salonfähig geworden.
Das sind die Herausforderungen künftiger Erinnerungskultur. Der Holocaust, in Lehrpläne gestreut, und eine bloße Konfrontationspädagogik mittels obligatorischer KZ-Besuche werden nicht ausreichen, um das Verständnis aufrecht zu erhalten für die Verantwortung, die uns aus der Geschichte erwächst. Wir müssen die Fragen an sie neu formulieren: Was hat der Judenhass von damals mit der Fremdenfeindlichkeit heute gemein? Wie lässt sich die Politik Israels kritisieren, ohne antisemitische Töne anzuschlagen? Warum führt Rassismus stets ins Unheil, ob er sich gegen Juden, gegen Muslime oder andere richtet?
Der Holocaust ist kein Kapitel der Vergangenheit. Er wird niemals vergangen sein – so sehr sich das manche wünschen.