Erinnerung an einen mutigen Pfarrer Paul Veil bot den Nationalsozialisten die Stirn

Jörg Thierfelder würdigt Paul Veil und seinen Mut in einem Buch. Foto: /Ulrike Rapp-Hirrlinger

Der evangelische Pfarrer predigte im Kreis Esslingen gegen die Nazis – und war lange Zeit vergessen. Der Kirchenhistoriker Jörg Thierfelder will das mit einem Buch jetzt ändern.

Es war ein Foto, das Jörg Thierfelder auf die Spur von Paul Veil brachte. Es zeigt den Pfarrer im Dezember 1938 neben einem Schild am Gartenzaun des Pfarrhauses von Roßwälden bei Ebersbach. „Judenknecht Veil“ ist darauf zu lesen. Die Gestapo hatte es angebracht, nachdem Veil in seiner Predigt am Buß- und Bettag 1938 die Gräuel der Reichspogromnacht angeprangert hatte. Später folgten eine Anklage und endlose Schikanen.

 

„Ich wusste nichts von Paul Veil“, sagt Thierfelder. Und dies, obwohl die Rolle der Kirche im Nationalsozialismus zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten zählt. Das Schicksal von Veils Kollegen Julius von Jan, der sich in Oberlenningen in seiner berühmt gewordenen Bußtagspredigt 1938 ebenfalls gegen die Nazis wandte, ist dagegen gut dokumentiert. Thierfelder wollte herausfinden, warum der mutige Gottesmann so lange vergessen war. Der promovierte evangelische Theologe und emeritierte Professor, der in Denkendorf lebt, wurde in den Archiven fündig und hat jetzt ein Buch über Paul Veil veröffentlicht – rechtzeitig zu dessen 125. Geburtstag. Thierfelder will mit der Darstellung des standhaften Pfarrers „Mut machen, sich heute einzusetzen gegen Rassismus und Antisemitismus“.

Paul Gotthilf Veil war kein herausgehobener Kirchenmann. „Er war ein einfacher Dorfpfarrer, der jedoch großen Mut bewies“, sagt Thierfelder. Geboren wurde er 1899 als Sohn eines Missionarsehepaars in Ostindien. 1928 wurde er Pfarrer in Roßwälden und Weiler, die politisch seit 1938 zum Kreis Göppingen gehörten. Kirchlich verortet waren sie im evangelischen Kirchenbezirk Kirchheim. Immer wieder übernahm Veil auch Vertretungsdienste in Hochdorf.

1932 sei Veil noch ein Anhänger der NSDAP gewesen, berichtet Thierfelder. Doch je mehr er sich mit der NS-Weltanschauung beschäftigte, habe er sich zu einem entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus und der Deutschen Christen (DC) entwickelt. Er lehnte die Einführung des „Arierparagraphen“ in der Kirche ab. Dieser sah vor, dass Pfarrer und Kirchenbeamte „nichtarischer Herkunft“ aus dem Dienst entlassen wurden.

Veil schloss sich der Bekennenden Kirche an. Seine Kanzel nutzte er, um seine wachsende Kritik an den Nazis deutlich zu machen. Das brachte ihm mehrere Anzeigen wegen „hetzerischer Äußerungen gegen Partei und Staat“ und Verhöre durch die Gestapo ein. Auch im Konfirmanden- und Religionsunterricht soll er sich kritisch geäußert haben. Veil hielt Fürbitten für in Bedrängnis geratene Pfarrer. Immer wieder warfen ihm seine Gegner Landes- und Volksverrat vor. Als in dem NS-Hetzblatt „Flammenzeichen“ ein Schmähgedicht gegen ihn veröffentlicht wurde, griff Veil die beiden DC-Kirchengemeinderäte, die er dahinter vermutete, im Gottesdienst öffentlich an.

Immer wieder versuchte die Kirchenleitung, Veil aus der Schusslinie zu nehmen, legte ihm einen Stellenwechsel nahe. Sie vertrat den Standpunkt, dass sich Pfarrer in ihren Predigten jeglicher politischen Stellungnahme zu enthalten haben. Ende 1938 wurde die Situation richtig gefährlich für den mutigen Pfarrer. Die Pogrome im November hatten ihn bewogen, in seinen Predigten an Buß- und Bettag in Roßwälden und Hochdorf – wie sein Oberlenninger Kollege – unverblümt seine Kritik an den judenfeindlichen Ausschreitungen und den Synagogenbränden zu äußern. Gotteshäuser in Brand zu setzen, ging für Veil eindeutig zu weit. „Nur wenige Pfarrer haben damals das schreckliche Unrecht öffentlich angeprangert“, sagt Thierfelder. Von den Kirchenleitungen sei wenig zur Pogromnacht gekommen. „Einige Pfarrer waren mutiger.“

Veil wurde angeklagt, aber anders als Julius von Jan nicht verhaftet. Auf dessen Verhaftung nahm Veil in der Predigt am ersten Advent Bezug und prangerte die Christenverfolgung der Nazis an. Kurz danach hing das Schild an seinem Gartenzaun. Veil reagierte überraschend: Er ließ sich von seiner Tochter neben dem Schild fotografieren und hängte das Foto am Hauseingang auf. Paul Veil wurde wegen Volksverhetzung und Verstoßes gegen das Heimtückegesetz angeklagt. Ihm drohte eine unbegrenzte Gefängnisstrafe. Das Verfahren wurde schließlich aufgrund einer zu Kriegsbeginn erlassenen Amnestie eingestellt. Die Gestapo setzte Veil jedoch weiter unter Druck. Dennoch weigerte er sich, klein beizugeben. „Hätte er sich versetzen lassen, hätte das vieles erleichtert“, sagt Thierfelder. Aber das ging gegen Veils Selbstverständnis.

Veil mag ein „einfacher Dorfpfarrer“ gewesen sein, doch ihm werden gute Predigten bescheinigt. „Er war ein guter Theologe, der erkannte, dass man Unrecht nicht einfach stehenlassen darf“, erklärt Thierfelder. Dass Veils mutiges Einstehen so lange unbekannt blieb, sei vielleicht auch seinem frühen Tod geschuldet: Veil wurde im Herbst 1943 zum Wehrdienst eingezogen. Anfang 1945 musste er an die Ostfront und wurde schwer verwundet. Am 9. April starb er in einem Lazarett an einer Sepsis.

Kirche im Nationalsozialismus

Bekennende Kirche
Sie wurde 1934 als Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen Versuche einer Gleichschaltung von Lehre und Organisation der Deutschen evangelischen Kirche mit dem Nationalsozialismus gegründete.

Deutsche Christen
Diese rassistische, antisemitische und am Führerprinzip orientierte Strömung im deutschen Protestantismus verfolgte ab 1932 das Ziel einer kirchlichen Angleichung an die Ideologie des Nationalsozialismus.

Autor
Jörg Thierfelder, 1938 in Stuttgart geboren, war unter anderem Vikar in Köngen und Studentenpfarrer in Esslingen, anschließend Dozent und dann Professor für evangelische Theologie und Religionspädagogik an der PH Esslingen und später an der PH Heidelberg und Honorarprofessor an der Universität Heidelberg. Er lebt in Denkendorf.

Buch
Jörg Thierfelder, „Paul Veil – Ein Dorfpfarrer kann bei der ‚Reichspogromnacht‘ nicht schweigen“, Kleine Schriften des Vereins für württembergische Kirchengeschichte, Nr. 30, Stuttgart 2024, 13 Euro. 

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