Erinnerung an Hermann Lenz „In deiner Geburtsstadt bist du allein gewesen“

Hermann Lenz (1913–1998) Foto: Suhrkamp Verlag (Isolde Ohlbaum)
Hermann Lenz (1913–1998) Foto: Suhrkamp Verlag (Isolde Ohlbaum)

Hermann Lenz kam in Stuttgart zur Welt. Sein halbes Leben hat er hier verbracht und über die Stadt geschrieben wie kein anderer. Die dankte es ihm wenig. Der StZ-Autor Rainer Moritz erinnert an den vor hundert Jahren geborenen Schriftsteller.

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Stuttgart - Wer in jenen Jahren etwas auf sich hielt, kaufte seine Bücher bei Wendelin Niedlich in der Schmalen Straße. Wer sich im Gefühl sonnen wollte, zur (Stuttgarter) Avantgarde zu gehören, schlängelte sich durch James-Joyce- und Robert-Walser-Stapel und nutzte – wie es von Joschka Fischer überliefert ist – die Unübersichtlichkeit dieser Schatzkammer, um sich kurzerhand eine Handvoll Bücher unter den Nagel zu reißen. Und natürlich ging man zum „Kulturarbeiter“ Niedlich, um à jour zu bleiben im Hinblick darauf, was an kühnen experimentellen Texten fernab des Mainstreams produziert wurde. Der Semiotiker Max Bense gab den theoretischen Ton vor, Bazon Brock, Helmut Heißenbüttel, Elfriede Jelinek, Franz Mon und Reinhard Döhl lasen und diskutierten in Niedlichs Buchladen.

Auch der Saarländer Ludwig Harig, damals der Stuttgarter Schule nahestehend, trat da auf und erinnerte sich später an einen Zuhörer, der nicht ins sich progressiv gebende Ambiente passte: „Abseits in der Ecke saß meist ein Mann von Mitte vierzig mit dichtem brünettem Haar und randloser Brille, korrekt gekleidet trotz offenem Hemdkragen unter der Jacke. Er hatte ein sympathisches Gesicht, beobachtete aufmerksam unsere akrobatischen Sprechakte und lächelte immer ein bisschen, so dass ich, wenn ich zu ihm hinüberblickte, ins Grübeln geriet, ob er unsere Darbietungen für gelungen hielt oder sich darüber lustig machte.“

Der stille Beobachter der Stuttgarter Schule

Dieser leicht skeptische Beobachter hieß Hermann Lenz. Mit dem, was bei Niedlich als zeitgemäße Literatur präsentiert wurde, verband ihn wenig. Von Max Benses gelehrten Höhenflügen, räumte er freimütig ein, habe er kein einziges Wort verstanden. Dennoch war Lenz neugierig genug, das ihm Fremde zur Kenntnis zu nehmen und Sympathie für einen wie Ernst Jandl zu entwickeln. Von seinem eigenen schriftstellerischen Weg wich er freilich keinen Millimeter ab.

Mitte der sechziger Jahre konnte Lenz bereits auf eine Anzahl von Publikationen verweisen. Als 23-Jähriger hatte er 1936 ein schmales Heft mit Gedichten veröffentlicht; 1947, aus amerikanischer Kriegs­gefangenschaft zurückgekehrt, ließ er die in Wien und Paris spielende Erzählung „Das stille Haus“ folgen, einen Stoff, an dem er gut zehn Jahre gearbeitet hatte.




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