Zunächst meldete sich eine Böblingerin und bat um die Kontaktdaten des Sammlers. Sie habe selbst ebenfalls zwei Kohlstädt-Bilder zuhause und bot an, diese für eine mögliche Ausstellung leihweise zur Verfügung zu stellen. Der Sammler zeigte sich angenehm überrascht. Die größte Überraschung stand ihm jedoch noch bevor, denn schon einen Tag später meldete sich ein weiterer Leser namens Stefan W. Zimmer mit einer Nachricht, die es in sich hatte.
In seiner Mail war die Fotografie eines von Fritz Kohlstädt gemalten Porträts angehängt. Der aus Stuttgart stammende Leser mit Wohnsitz in Böblingen gab an, selbst eine beträchtliche Zahl an Kohlstädt-Originalen zu besitzen. Zudem verfüge er über fundierte Kenntnisse rund um den Künstler. „Woher ich mein Wissen habe?“, schrieb er – und verwies zur Antwort auf das angehängte Kohlstädt-Bild: „Es stellt meinen Vater dar – seinen besten Freund.“
Wichtige Stütze in Kohlstädts letzten Lebensjahren
Auf Nachfrage hatte der pensionierte Unternehmensberater noch eine Menge mehr zu erzählen. Zum Beispiel, dass sein Vater Eberhard Ludwig Zimmer sich in Kohlstädts letzten Lebensjahren intensiv um seinen Freund gekümmert habe. „Es ging ihm damals nicht gut“, erinnert sich der 65-Jährige daran, wie sein Vater den Maler damals regelmäßig an seinem Wohnort Wiernsheim-Serres in der Nähe von Pforzheim besucht habe, um ihm unter die Arme zu greifen.
Die beiden verband zu diesem Zeitpunkt bereits eine langjährige Freundschaft. Kennengelernt hatten sie sich Ende der 70er Jahre bei einer Ausstellung in der Rothaus-Brauerei. Wie sich herausstellte, hatten sie viel gemeinsam. Beide waren Künstler. Jedoch hatte ihre jeweilige Begabung die beiden auf sehr unterschiedliche Laufbahnen geführt. Eberhard Ludwig Zimmer wurde Architekt, Kohlstädt verdiente sein Geld zunächst vor allem als Konstruktionszeichner und Designer bei Daimler-Benz. Er absolvierte zwar eine zeichnerische Ausbildung, aber seine malerischen Fertigkeiten brachte er sich weitgehend alleine bei. Den Luxus, an der Kunstakademie zu studieren, konnte der Mann mit dem ausgeprägten Talent für Farben sich nicht leisten. Später arbeitete er als freischaffender Künstler – was ihm aber keine Reichtümer einbrachte.
Ehefrau war die Haupt-Brötchenverdienerin
Sein Glück war, wie Stefan Zimmer zu berichten weiß, dass seine erste Ehefrau dank ihrer Funktion bei der IBM die Haupt-Brötchenverdienerin im Hause Kohlstädt war. Die gebürtige Else Maria Gold war als Chefsekretärin nämlich sowohl für den Deutschland-Chef Walther Bösenberg als auch für dessen Nachfolger Lothar Sparberg tätig.
Neben der Kunst verbanden Fritz Kohlstädt und Eberhard Ludwig Zimmer vor allem auch ihre traumatischen Erlebnisse als Frontsoldaten. „Mein Vater redete nur sehr ungern über den Krieg“, erzählt Stefan Zimmer. Nur seinem Freund gegenüber habe er sich geöffnet. „Das waren dann die ganz harten Geschichten“, erinnert sich der Sohn.
Eberhard Ludwig Zimmer ist im Jahr 2010, zehn Jahre nach Fritz Kohlstädt, verstorben. Das Porträtbild, das der Maler von ihm gemalt hat, ist deshalb gleich in mehrfacher Hinsicht ein wertvoller Schatz für den Sohn. Es ist allerdings bei Weitem nicht das einzige Kohstädt-Bild in seinem Besitz. Rund 40 Originale zählt er zu seiner privaten Sammlung. „Die Bilder sind über wenige Familien verteilt“, weiß er. Zusammen mit dem für Ordner und andere Büroartikel bekannten Stuttgarter Familienunternehmen Leitz halte seine Familie schätzungsweise 50 Prozent des Bestandes an Kohlstädt-Werken. Ein weitere zentrale Quelle für die Arbeiten des Malers ist das Kunsthaus Bühler in Stuttgart, dem Kohlstädt schon zu Lebzeiten eng verbunden war.
Über Gefühle und Sinnesempfindungen Farben erklärt
Stefan Zimmer selbst hat sich viele herzliche Erinnerungen an Fritz Kohlstädt bewahrt. In seinem Haus in Böblingen hängt ein Bild, das der Maler ihm zur Hochzeit geschenkt hat. „Kleine Werft in Guilvinec“ heißt die Arbeit, die wie so viele von Kohlstädts Bildern in Frankreich entstanden sind und vor Farbenfreude nur so strotzen.
Gerade in dieser Hinsicht verbindet den Ruheständler eine besondere Geschichte mit dem Maler. „Ich bin farbenblind“, erklärt er. Gemeinsam mit seinem Vater habe Fritz Kohlstädt es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, ihm in seinen jungen Jahren ein Gefühl für Farben zu vermitteln. „Bei Grün sollte ich an frisches Gras denken, bei Gelb an die wärmende Sonne und bei Blau an frisches Wasser“, erinnert er sich, wie der Maler und sein Vater ihm eine ganz persönliche Farbenlehre zuteil werden ließen. „Das hat mir sehr geholfen“, sagt Stefan Zimmer.