Erinnerungen an Stuttgart 1942 Und plötzlich ist alles kaputt

Die Katzensteigstraße in Bad Cannstatt 1942. Ob das Bild Renate Schmoldas samt Mutter und damals neugeborener Schwester zeigt, ist nicht gesichert – aber zumindest wahrscheinlich. Bilder von der damals Vierjährigen zeigt die Fotostrecke. Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Die heute noch lebenden Zeitzeugen waren 1942 zumeist Kinder – denen ihre Kindheit unter anderem mit den in diesem Jahr beginnenden Luftangriffen genommen wird. Renate Schmoldas erinnert sich an ihre ersten Lebensjahre in Bad Cannstatt – und das Trauma einer Bombennacht.

Stuttgart - 1942 ist die Welt für mich noch in Ordnung. Ich bin damals vier Jahre alt und habe deshalb nur bruchstückhafte Erinnerungen an diese Zeit. Meine Eltern und ich wohnen damals in der Katzensteigstraße in Bad Cannstatt. Das Haus hat einen schönen Garten, 1942 kommt meine Schwester zur Welt. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob wir auf dem hier gezeigten Foto tatsächlich zu sehen sind. Von der Größe der Kinder her passen würde es aber, und ich gehe damals auch noch nicht in den Kindergarten.

 

Im ersten Stock wohnt damals die Familie Ganter mit ihren zwei Söhnen, die beide älter sind. Ich spiele mit ihnen auf dem Wäsche-Trockenplatz eine Art Tennis. Unter dem Dach wohnt eine ältere Dame. Ihr Sohn ist Rennfahrer, deshalb hängen viele Fotos von Motorrädern an der Wand. Manchmal bringe ich ihr Blumen aus dem Garten.

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Immer wieder besuchen wir die Großeltern in der Cannstatter Innenstadt. Die Eltern meiner Mutter leben an der Ecke Spreuergasse-Helfergasse. Vom Wohnzimmer im ersten Stock sieht man auf eine große Schmiede. Da kann sehe ich immer wieder zu, wie Hufeisen geschmiedet werden. Unweit davon stehen das Elternhaus meines Vaters und mehrere Gartenhäuschen. Das alles wird im Krieg von den Bomben zerstört.

Der Phosphor läuft die Treppe runter

So auch unser Haus in der Katzensteigstraße. Während eines Fliegerangriffs 1943 sind wir im Keller, als das Haus einen Bombentreffer abbekommt. Der Phosphor läuft die Treppe hinunter. Wir können uns nur durch die Waschküche zum Wäschetrockenplatz retten und fliehen über einen Zaun in den Keller der Familie Wölfle. Sie bespritzen die Wände immer wieder mit Wasser, wegen der Hitze von den brennenden Häusern.

Als Kind erinnert man sich ja an teilweise bemerkenswerte Details. In dieser Bombennacht habe ich bei der Flucht in den Keller der Nachbarsfamilie einen Schuh verloren. Meine Mutter hat das in der Nacht gar nicht mitbekommen, weil sie mich und meine einjährige Schwester gerettet hat.

Am Morgen nach den Angriffen schauen wir von der anderen Straßenseite nach unserem Haus. Ein Heizkörper hängt in der Luft. Im Erdgeschoss, wo eine Bank mit meinen Stofftieren darauf gestanden hat, lodern noch die Flammen. Wir können nichts mehr retten und gehen zu den Großeltern in die Spreuergasse. Aber auch ihr Haus ist in dieser Nacht zerstört worden, sie können nur noch ein paar Möbel und Wäsche retten. Meine Oma ist nach diesem Schock zeitlebens gelähmt.

Der Vater bleibt in der Stadt

Wir wohnen danach in verschiedenen Wohnungen, darunter eine im Hallschlag ohne Bad, die Küche ohne Backofen. Ich muss zum ersten Mal in den Kindergarten und muss in der Ecke stehen, weil ich hungrig aus meiner Vesperdose nasche, obwohl das Essen gemeinsam eingenommen wird.

Später ziehen meine Mutter, meine Schwester und ich nach Hinterbüchelberg bei Aalen, wo wir vor den Bomben in Sicherheit sind. Mein Vater bleibt in Stuttgart, weil er bei Mahle arbeitet, und besucht uns regelmäßig. Nach dem Krieg bin ich mit meinen Eltern nie wieder dorthin gefahren.

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