Eine Gedenkfeier in Esslingen hat an die Opfer des Nazi-Regimes erinnert. Doch wie steht es um die deutsche Erinnerungskultur, die zunehmend infrage gestellt wird?

„Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ Mit dieser Forderung haben die Redebeiträge einer Gedenkveranstaltung am Mittwochabend am Esslinger Hafenmarkt geendet. Etwa 60 Personen haben damit an die Gräuel des Nazi-Regimes und vor allem an dessen Opfer in Esslingen erinnert. Eine Veranstaltung, die seit mittlerweile 34 Jahren ohne Unterbrechung von Esslinger Bürgern getragen wird.

 

Im November 1941 ist die erste größere Deportation jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus Esslingen in Ghettos sowie Arbeits- und Vernichtungslager erfolgt. Aus diesem Anlass hat 50 Jahre später, im November 1991, Reinhold Riedel mit Mitstreitern die Gedenkveranstaltung initiiert, die auch an diesem Mittwoch wieder um 18 Uhr auf dem Hafenmarkt begonnen hat. Im Zentrum steht dabei die Verlesung von 150 Namen von Deportierten und Getöteten sowie eine anschließende Gedenkminute. „Das ist sehr berührend“, sagt Riedel auch im 34. Jahr der Veranstaltung.

Esslinger Stadtarchivar mahnt: Erinnerungskultur unter Druck

Kern der Veranstaltung ist die Verlesung von 150 Namen von Deportierten und Getöteten. Foto: Roberto Bulgrin

Doch Gedenkabende wie dieser sind in der Gegenwart keine Selbstverständlichkeit mehr. Dass die über Jahrzehnte erarbeitete Erinnerungskultur in Deutschland vor allem von rechts, namentlich der AfD, infra gestellt wird, darauf wies Stadtarchivar Joachim Halbekann hin. Er forderte auf, sich klar zu machen, dass aus der Trauer um das Leid der Opfer des Nazi-Regimes auch politische Verantwortung erwachsen müsse, „dafür Sorge zu tragen, dass so etwas nie wieder geschieht“.

Wie hart erarbeitet diese deutsche Erinnerungskultur ist, machte der evangelische Dekan Klaus-Peter Lüdke erlebbar: Dass sein Urgroßvater selbst teilhatte an den Nazi-Verbrechen, war ihm zufolge lange ein Tabu in seiner Familie, das er selbst erst im Erwachsenenalter brechen konnte.

Kritik an deutscher Aufrüstung und Außenpolitik gegenüber Israel

Dass mehr als 80 Jahre nach Kriegsende in anderen Ländern wieder zahlreiche militärische Konflikte aufgeflammt sind und auch Deutschland aufrüstet, während die Finanzierung des Sozialsystems politisch infrage gestellt wird, monierte Dieter Tejkl, Mitglied der Friedensinitiative und der Naturfreunde, der zudem das Handeln Israels im Gaza-Streifen als Völkermord bezeichnete und die deutsche Außenpolitik gegenüber Israel kritisierte.