Böblingen - Sie sind grau, dunkel und bedrückend: So wie die Keller der Böblinger, wohin sie sich während der Bombennacht 1943 geflüchtet haben, so wie die Baracken der Zwangsarbeiter auf dem Flugfeld damals. Die Männer dort hatten keine Extra-Schutzräume und konnten nur beten, dass die Bomben der Amerikaner und Engländer sie nicht treffen würden.
„Erinnerungsräume“ nennt der Böblinger Installationskünstler Marinus von Aalst sein Kunstwerk. Es ist eine Kellerflucht unter der Aussegnungshalle des alten Böblinger Friedhofes am Herdweg. Es ist sozusagen eine Grabkapelle unter der Grabkapelle – mit einem Unterschied: In dieser unterirdischen künstlichen Anlage gibt es keine Hoffnung, es gibt nur Asche und Tod.
Zehn Jahre ist es her, dass Marinus van Aalst die Erinnerungsräume gestaltet hat. Damals begann die Bebauung des Flugfelds als eines der größten Stadtentwicklungsgebiete Deutschlands, nachdem es 1992 von den amerikanischen Truppen aufgegeben worden war. Der Künstler ist damals durch die alten Gebäude gestreunt und hat aufgelesen, was verwertbar erschien, um seine seriellen Werke zu schaffen. Kleine geschnürte Päckchen, mit antiken Etiketten sorgsam auf Holzständern präsentiert, die aus der Wand ragen: „Damit es eine dritte Ebene gibt“, sagt van Aalst. Die Objekte scheinen mit dem Finger auf den Betrachter zu zeigen. Sie erhalten ihre Bedeutung, weil sie wie Relikte aus den KZs wirken. Und natürlich auch wegen ihrer Umgebung.
In den Profilen liegen Aschehaufen
In diesen Räumen wurden einst die Leichen gelagert, das Wort „Zelle“ steht auf den Türen, eine Originalaufschrift aus der Zeit, als hier unten ein Krematorium gebaut werden sollte – und das somit die Brücke bildet zwischen den Toten des Zweiten Weltkriegs, den Zwangsarbeitern auf dem Flugfeld und der Aussegnungshalle.
Im Jahr 1945 waren die Kämpfe vergangen, der Luftwaffenstützpunkt der Wehrmacht auf dem Flugfeld wurde von den Amerikanern übernommen. Das Aufräumen begann, nicht aber das Erinnern. Marinus van Aalst wurde zwei Jahre später in Rotterdam geboren, kam 1952 mit seinen Eltern nach Böblingen, und lebte dort als Künstler und arbeitete als Teamleiter.
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Die Bindung zu seiner ersten Heimatstadt hat sich nie aufgelöst, „wenn ich den Geruch des Hafens von Rotterdam rieche, dann kommen alle Erinnerungen wieder“, sagt er in einem großen Gestus. Hier im Keller der Aussegnungshalle ist die Luft feucht und staubig, vor der zentralen Installation im größten Kellerraum bleibt Marinus van Aalst stehen. Tunnelförmige Profile weisen auf die Luftschutzstollen von Böblingen hin, darin liegen Aschehaufen, Erinnerung an die Todesangst der Menschen, die an diesem Ort überleben wollten. Im Seitenraum hängen Schreibkladden, je eine für die 44 Toten der Bombennacht. Der Tod wird archiviert und abgehakt? Nein, er bleibt an den unverputzten Wänden des Kellers hängen, wie ein unausgesprochenes Fragezeigen.
Viel Überzeugungskraft für seine Installation
Seit Mitte der 1980er Jahre hat das Erinnern an den Zweiten Weltkrieg begonnen, und mit ihm sind die Kämpfe wieder aufgeflammt. Marinus van Aalst hat viel Überzeugungskraft aufbringen müssen für seine Installationen unter Tage. Zum einen, damit der Keller mit seinem Schotterbeton, seinem Kalkstaub, seinem gerissenen Putz, den wildverlegten Leitungen, den Spinnweben und dem Schmutz nicht auf Hochglanz saniert wurde, zum anderen gegen jene Kräfte, das Projekt so teuer machen wollten, damit es abgelehnt würde, wie er heute glaubt. Van Aalst hat sich mit der Mehrheit des Gemeinderates durchgesetzt – für ihn ist sie auch ein Höhepunkt seiner Lebensarbeit als Künstler, diese Dauerausstellung, die seit zehn Jahren läuft. Etwa 2000 Besucher sind in dieser Zeit gekommen, und das, obwohl die Ausstellung nur einmal im Monat geöffnet hat. Längst haben sich die „Erinnerungsräume“ zu einem überregionalen Zuschauermagnet entwickelt.
Ein vom Alter zerstörtes Videoband
In diesem großen Kellerraum läuft ein vom Alter zerstörtes Videoband. Marinus van Aalst hat es Ende der 1980er aufgenommen, jetzt sind nur noch ein paar Sätze einer Frau konserviert, die sich an die Bombennacht von 1943 erinnert. „Ich kam voll Hass in die Leichenhalle, und ich dachte, die muss ich sehen, die toten abgeschossenen Flieger, die unsere Stadt kaputt gemacht haben. Und als sie dann dalagen, dachte ich: Die Mütter, die sehen ihre Buben jetzt auch nicht mehr wieder. Und dann war der ganze Hass weg.“ Vielleicht ist das der tiefe Sinn des Erinnerns und dieser Erinnerungsräume, die nunmehr ins zehnte Jahr gehen, dass man vergeben kann, egal auf welcher Seite man damals gestanden ist.
Öffnungszeiten der Ausstellung
Monatlich
Die Erinnerungsräume auf dem Alten Friedhof (Herdweg 41) in Böblingen sind in den Monaten März bis November jeweils am ersten Sonntag im Monat von 15 bis 17 Uhr geöffnet, das nächste Mal also am 7. November.
Feiertage
Zudem sind die Räume auch am Tag des offenen Denkmals zu sehen, am Totensonntag, am Volkstrauertag, am Jahrestag der Bombardierung sowie bei der Langen Nacht der Museen, die in diesem Jahr am Samstag, 13. November, stattfindet.
Feiertage
Zusätzliche Führungen gibt es nach Vereinbarung mit dem Kulturamt, Kontakt unter Telefon (0 70 31) 669-1611.