Eritreer in Stuttgart Ein Mann voller Zuversicht – und Sorge
Die Ausschreitungen im Römerkastell liegen eine Woche zurück. Was dort passiert ist, treibt noch immer viele Menschen um. Zu ihnen gehört Jonas Elias.
Die Ausschreitungen im Römerkastell liegen eine Woche zurück. Was dort passiert ist, treibt noch immer viele Menschen um. Zu ihnen gehört Jonas Elias.
Die Stimme von Jonas Elias ist eine von vielen Stimmen, die nach den Eritrea-Ausschreitungen in Stuttgart zu hören sind. Es ist eine ruhige, bedachte Stimme. Eine, die vor Verallgemeinerungen und Vorverurteilungen warnt, die nach Erklärungen sucht und darauf hinwirken will, dass sich Ähnliches nicht wiederholt. Jonas Elias, 50, ist Softwareentwickler und Leiter der kleinen eritreisch-lutherischen Gemeinde in Stuttgart. Er wurde in Eritrea geboren und lebt seit 40 Jahren hier. Ein Deutscher mit eritreischen Wurzeln, wie etwa 900 andere Stuttgarter auch. So hoch beziffert die Stadt die Zahl der eingebürgerten Menschen aus dem ostafrikanischen Land. Dazu kommen in Stuttgart knapp 900 eritreische Staatsangehörige.
Aus dieser Community sind zehn Vereine hervorgegangen. Dazu kommen der Fußballverein FC Eritrea und zwei Kirchengemeinden, die größere eritreisch-orthodoxe Gemeinde und die kleinere eritreisch-lutherische, der Jonas Elias vorsteht und die sich regelmäßig in der Pauluskirche im Stuttgarter Westen trifft. Seit diesem Jahr ist Elias auch gewähltes Mitglied der württembergischen Landessynode. Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler schätzt ihn als Gesprächspartner.
Von den Ausschreitungen am vorvergangenen Samstag im Römerkastell habe er zunächst gar nichts mitbekommen, erzählt er. Jemand habe ihn angerufen und gefragt, ob es ihm gut gehe? Warum sollte es ihm nicht gut gehen? Als Mensch mit eritreischen Wurzeln sieht man sich in Stuttgart neuerdings mit allerlei Fragen konfrontiert. Auch von Abschiebungen ist die Rede und von Verboten. Dabei seien Abschiebungen praktisch kaum möglich, sagt Elias. Tatsächlich liegt die Schutzquote bei eritreischen Flüchtlingen in Baden-Württemberg nach einem „FAZ“-Bericht bei 90 Prozent. Er plädiert dafür, „es sich nicht zu einfach zu machen, sondern zu differenzieren und Augenmaß zu wahren“.
Der Vertreter der eritreisch-lutherischen Gemeinde bestätigt, was sowohl das Forum der Kulturen als auch der Integrationsbeauftragte der Stadt, Gari Pavkovic, sagen: Offene Konflikte zwischen Eritreern habe es in Stuttgart bisher fast keine gegeben. Neu sei, dass junge Eritreer, die noch nicht lange in Europa lebten, ihrer Wut auf die seit 30 Jahren regierenden Machthaber in ihrer Heimat gewaltsam Ausdruck geben, indem sie, wie im Römerkastell, Veranstaltungen von eritreischen Vereinen attackieren, die mit der dortigen Regierung sympathisieren oder sie offen unterstützen und Geld für sie sammeln. Friedlichen Protest gegen den diktatorisch regierenden Präsidenten Isayas Afewerki habe es schon immer gegeben, sagt Elias, auch in Stuttgart, nun aber drängten junge Radikale nach vorn, die mit allen Mitteln Aufmerksamkeit erzeugen wollten.
Als jemand, der in einem demokratischen Rechtsstaat aufgewachsen ist, hat Jonas Elias eine klare Meinung zu dem autoritären Regime in Eritrea. Aus dem Gemeindeleben versucht er das Thema jedoch so gut es geht herauszuhalten, auch wenn in Zusammenhang mit Eritrea „fast alles politisch“ sei. Ohnehin würden sich die Fronten verhärten. Diejenigen, die mit der Regierung sympathisierten, entwickelten angesichts der Attacken der Jüngeren eine Art Trotzhaltung.
Für den Integrationsbeauftragten der Stadt, Gari Pavkovic, stellt sich die Situation in der Landeshauptstadt so dar: „Die Kritiker der eritreischen Regierung sind mehrheitlich später nach Deutschland und in andere Aufnahmeländer gekommen als die Anhänger der früheren Unabhängigkeitsbewegung Eritreas.“
Jonas Elias, ein Mann der Kirche und damit eigentlich auch ein Mann der Hoffnung, bereitet die Entwicklung Sorge – in Eritrea wie auch hier. Von seinem letzten Besuch sei er deprimiert zurückgekehrt, sagt er. Das Regime habe kirchliche Schulen geschlossen oder übernommen. Trotzdem versuche die Gemeinde von hier aus mit Geld zu helfen. Bei Oppositionellen muss Elias sich dafür immer wieder rechtfertigen. Ihm wird vorgehalten, damit das diktatorische System zu unterstützen. „Kommt das Geld an der richtigen Stellen an?“, fragte er sich selbst und vor allem: „Wie viel davon? Doch die Alternative wäre, nichts zu tun.“ Das scheidet für ihn aus. Hier in Deutschland will der gläubige Christ mithelfen zu verhindern, dass sich der Konflikt unter Eritreern zuspitzt. „Gewalt“, mahnt er, „ist keine Lösung.“ Doch die Wirkung seiner ruhigen Stimme, das weiß er einzuschätzen, ist begrenzt.