Phosphor in Flüssen kommt mehr aus Kläranlagen als aus der Landwirtschaft? Diese Erkenntnisse aus Hessen sollen nun auch in Baden-Württemberg berücksichtigt werden. Doch mit dem Sinneswandel tut sich das Land schwer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Baden-Württemberg zeigt sich offen für neue Erkenntnisse aus Hessen zur Überdüngung von Flüssen. Die Befunde der hessischen Umweltverwaltung, wonach die Phosphorbelastung entgegen den bisherigen Annahmen stärker aus Kläranlagen und weniger aus der Landwirtschaft stammt, sollen bei der für 2019 geplanten Fortschreibung des Emissionsmodells im Südwesten berücksichtigt werden. Dies hat Umweltstaatssekretär Andre Baumann (Grüne) in der Antwort auf eine Landtagsanfrage der FDP-Fraktion angekündigt. Damit hatte die Abgeordnete Gabriele Reich-Gutjahr auf einen Bericht unserer Zeitung reagiert, der bundesweit eine Diskussion über die bisher nur in der Fachwelt bekannten Ergebnisse in Gang gebracht hatte. Insbesondere der Deutsche Bauernverband hatte sich über die Entlastung erfreut gezeigt und vor „reflexartigen Schuldzuweisungen“ gewarnt.

Auslöser eines möglichen Umdenkens ist der Wissenschaftler Peter Seel vom hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Er beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Phosphoreintrag in Flüsse und Bäche, der an zwei Dritteln aller Messstellen noch immer deutlich zu hoch ist. Anstelle von Modellrechnungen, wie sie etwa Baden-Württemberg anwendet, setzt Seel verstärkt auf Messungen. Die Landesregierung in Wiesbaden hat sich seine Erkenntnisse inzwischen zu Eigen gemacht. Danach stammt Phosphor „weit überwiegend“ aus kommunalen Kläranlagen, während der Anteil der bisher als Hauptverursacher angesehenen Landwirte „relativ gering“ ist, wie ein Sprecher der hessischen Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) gesagt hatte. Beim Vorgehen gegen Phosphor setzt Hessen daher verstärkt bei den Kläranlagen an und kann dabei deutliche Erfolge vorweisen.

Ursachen regional unterschiedlich

Nach Ansicht des Stuttgarter Umweltministers Franz Untersteller (Grüne) lassen sich die Erkenntnisse indes „nur begrenzt“ auf Baden-Württemberg übertragen. Die Anteile der verschiedenen Phosphor-Quellen seien „regional sehr unterschiedlich“, da sie von Besiedlungsdichte und Landnutzung abhängen, erläutert sein Staatssekretär Baumann. Vor allem diffuse Einträge wie aus der Landwirtschaft ließen sich nur schwer durch Messungen erfassen, ohne Modellrechnungen komme man nicht aus. Wie der Bund und andere Bundesländer geht der Südwesten laut Baumann weiterhin davon aus, dass bei Kläranlagen und Landwirtschaft gleichermaßen angesetzt werden müsse.

Bei einem vergleichbaren Vorgehen wie in Hessen „müsste das Messnetz neu ausgestattet werden“, wodurch „ein erheblich höherer Personal- und Sachaufwand“ entstehe, schreibt der Staatssekretär. Zu erwarten wären einmalige Kosten für den Umbau der Messstationen von 1,5 Millionen Euro und jährliche Mehrkosten von einer Million Euro. Unabhängig von den hessischen Befunden wolle man die Einträge aus der Landwirtschaft besser erfassen. Ob in der Folge die bisherigen Erkenntnisse modifiziert werden müssten, lasse sich erst Mitte 2019 sagen.

FDP will mehr Fairness gegenüber Bauern

Die FDP-Umweltexpertin Reich-Gutjahr zeigte Verständnis für die Meinungsunterschiede; beide Seiten hätten nachvollziehbare Argumente. Angesichts der „vielen offenen methodischen Fragen“ verstehe sie aber nicht, „mit welcher Härte und Einseitigkeit“ die landwirtschaftliche Düngepraxis lange als Hauptquelle benannt worden sei. „Hier wäre mit Blick auf die Rolle der Kläranlagen mehr Fairness geboten“, sagte die Liberale. In ihrer Anfrage hatte sie sich auch erkundigt, inwieweit die Umweltverwaltung im Land „die nötige kognitive Offenheit für einen einschlägigen Paradigmenwechsel“ und dessen politische Konsequenzen aufbringe.

In den Wasserwirtschaftsbehörden im Südwesten gibt es erhebliche Sympathien für die Positionen Seels. Der Eintrag von Phosphor aus der Landwirtschaft sei tatsächlich deutlich überbewertet, bestätigen Insider; insgesamt wisse man noch viel zu wenig über die Einleitungen in Gewässer. Interne Kritiker fühlen sich aber „von Stuttgart ausgebremst. Das Umweltministerium bremse bei Forderungen, stärker bei den Kläranlagen anzusetzen, monieren sie, auch aus Rücksicht auf die Kommunen.

Eklat zwischen den Fachbeamten

Zwischen Seel und dem Stuttgarter Umweltressort war es im vergangenen Jahr, wie man aus Behördenkreisen hört, zu einem Eklat gekommen. Angesichts der Meinungsverschiedenheiten über die Herkunft von Phosphor hatten sich Ministeriale empört, dass der hessische Fachmann seine Thesen teilweise mit Unterlagen aus Baden-Württemberg untermauert habe; dies sei ohne ihr Einverständnis geschehen. In einem Protestbrief an das hessische Umweltministerium hatten sie angekündigt, die Diskussion mit Seel zu beenden; Wiesbaden solle dafür sorgen, dass er sich nicht mehr zu Baden-Württemberg äußere. Sprecher beider Umweltministerien bemühten sich inzwischen, die Unstimmigkeiten zu relativieren.