Erkenntnisse von der Messe „Jagd und Hund“ Jedem sein Beuteschema

Auf Europas größter Jagdmesse ist zu sehen, wie sehr sich das Jägermilieu in den letzten Jahren verändert hat Foto: dpa

Auf der „Jagd und Hund“ – Europas größter Jagdmesse – ist zu sehen, wie sehr sich das Milieu in den vergangenen Jahren verändert hat. Auch die Frauen entdecken jetzt ihren Jagdinstinkt.

Seite Drei: Dieter Fuchs (fu)

Dortmund - Das ungeschriebene Gesetz dieser Messe besagt: die coolen Jungen stehen gleich hinter dem Eingang der Westfalenhalle, die Reichen sitzen in Halle 7, das Fußvolk verteilt sich auf den Rest der 800 Ausstellungsstände. Es sind diese drei Gruppen, die das Bild der größten Jagdmesse Europas bestimmen. Und dieses Publikum steht auch für die Jägerschaft insgesamt, wie sie sich in den vergangenen 20 Jahren entwickelt hat. Auf der einen Seite gibt es die Traditionalisten, meist Männer zwischen 50 und 75 Jahren. Auf der anderen Seite eine erstaunlich wachsende Zahl jüngerer – also knapp 40-Jähriger – Jägerinnen. Und dazu die alte Elite.

 

Schon der Sound des Messenamens „Jagd und Hund“ hier in Dortmund lässt erahnen: Die allermeisten Besucher, in Jägergrün gekleidet oder zumindest drapiert, suchen und finden die Stände mit Hightech-Gummistiefeln, Flecktarn-Hosen oder Waffenzubehör – was der Jägeralltag halt erfordert – und gucken sich noch ein paar Vorführungen an. Doch mit den vielen Zehntausenden, die in den vergangenen Jahren den Jagdschein gemacht haben, verändern sich die Interessen. Das Jägermilieu wird attraktiv für Außenstehende. Nicht wenige der Alten fürchten um ihre Pfründe und Traditionen. Doch die Jungen haben ganz andere Ziele im Visier.

Ein Quadratmeter Leopard in Öl ist teuer

In Halle 7 geht es vor allem ums große Geld. Die Jagdreisen hier werden individuell geplant. Die Budgets sind vorhanden, um Eisbären, Löwen oder Bären zu schießen. Allein das Recht, einen Elefanten zu töten, lässt sich Tansania mit 15 000 Euro vergüten. Zwischen den Reiseveranstaltern sitzt der Jagdmaler Dieter Schiele vor seinen Gemälden. Ein Quadratmeter Leopard in Öl liegt im mittleren fünfstelligen Bereich. Er hat Pferde für den Kronprinzen von Katar gemalt, Herrenhäuser und private Jagdmuseen ausgestattet und einen Geschäftsmann auf Safari in Namibia begleitet, um dessen Taten zu verewigen. Die Kundschaft habe sich verändert, sagt Schiele, der ein wenig wie Hemingway aussieht. Früher seien mehr ältere Geschäftsführer zu ihm gekommen. Heute sind es die über 40-Jährigen, selbstständig, die sich seine Bilder leisten können.

50 Meter den Gang hinunter, vorbei an Elchgeweihen und ausgestopften Löwen, die sich auf ausgestopfte Wasserbüffel stürzen, sitzt Helmut Herbold in seinem kargen Messestand. Er mag keine Safaris. Sie symbolisieren die Auswüchse der Jägerei. Er baut seit 20 Jahren an ihrer Zukunft. Als Ausbilder hat Herbold 1998 mit dem Besitzer die private Jagdschule Gut Grambow in Mecklenburg gegründet. Damals lag die Ausbildung noch bei den Jagdverbänden. Die private Konkurrenz hat erst einen Markt geschaffen, in dem Schnellkurse, Intensivkurse und Einzelunterricht maßgeschneidert zum Jagdschein führen.

Ein Gegenentwurf zur Massentierhaltung?

Viele Verbandsfunktionäre beäugen die Privatschulen bis heute kritisch – und deren Kundschaft. Wenn seine Prüflinge, die meisten Mitte 30, die Schule verließen, seien sie bei den Alteingesessenen nicht immer willkommen. „Die Hälfte der Leute, die heute zu uns kommen, ist nicht mit der Jagd aufgewachsen“, sagt Herbold. Viele lebten in der Stadt und wollten ihren fehlenden Bezug zur Natur wiederherstellen. 10 bis 20 Prozent kämen, um Wild für ihren eigenen Verzehr zu schießen, um ohne Massentierhaltung Fleisch essen zu können. Sein bislang prominentester Schüler war FDP-Chef Christian Lindner im vergangenen Jahr.

Zwischen 1990 und 2016 wuchs die Zahl der Jagdscheininhaber um 22 Prozent, darunter sieben Prozent Frauen (1989 ein Prozent). Die Zahl der Jagdscheinanwärter hat sich seit 2009 auf 20 060 im Jahr 2018 verdoppelt, die Frauenquote dabei stieg auf knapp ein Viertel. Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit 385 000 aktive Jäger. Wie werden diese vielen Seiteneinsteiger den Jägerstand verändern? Herbold bleibt gelassen: Manch alter Zopf könne abgeschnitten werden. Außerdem strebten viele Jagdscheinanwärter gerade auch nach Werten, Gemeinschaft, Halt. Da werde es keine Brüche geben.

Die Verarbeitung von Wildfleisch ist hip

Auf der Messe jedenfalls, zu der bis Sonntag 80 000 Besucher erwartet werden, ist von einem neuen Zeitgeist der Jäger wenig zu spüren. Das einzige deutliche Zugeständnis an die städtische Kundschaft findet sich in der ersten Halle gleich hinter dem Eingang, die der hippen Verarbeitung von Wildfleisch gewidmet ist. Auf der Bühne feiert der Fernsehkoch Dominik Wetzel die „Trilogie von der Leber“ und unten verzehren neben dem Food-Truck Menschen mit Tatoos und Dreadlocks Pulled Pork vom Wildschwein mit raucharomatisiertem Meersalz. Und noch eine andere Neuigkeit wurde vor zwei Jahren eingerichtet: ein Stand für Jägerinnen in Halle 6. Wer schließlich die Fuchsfell-Ausstellung, den Geländewagen-Parcours und die Gewehre für 15 000 Euro hinter sich gelassen hat, gelangt zu Jill Groote.

Ja, das sei schon eine sehr männliche Veranstaltung, aber es werde besser, sagt die 35-Jährige. Mittlerweile gebe es zum Beispiel vernünftige Jagdkleidung für Frauen, nicht nur die kleinste Männergröße, und für Kinder. Das spreche die Mütter an. Dass die Zahl der Jägerinnen wächst, sei eine Folge der gesellschaftlichen Veränderungen. Vor acht Jahren sei dieser Trend richtig spürbar geworden. Früher hätten die Vorbilder gefehlt, die Frauen in den Verbänden, den Schulen, den Bläsergruppen. Heute sei alles einfacher. Auch die Männer seien aufgeschlossener geworden.

Männer haben angeblich weniger Angst vor dem ersten Schuss

Die meisten Frauen kämen immer noch über die Familien, so wie sie, oder über ihre Männer zur Jagd. Im Gegensatz zu früher würden sie nicht mehr nur dabeistehen. Sie wollen selbst jagen. Vor allem die Naturverbundenheit habe sie immer fasziniert. Eine Waffe zu tragen, zu töten, damit habe sie sich erst mit Mitte Zwanzig anfreunden können. So selbstverständlich sie ihren Platz als Jägerin einfordert, so klar ist für sie auch, „dass Frauen und Männer unterschiedlich sind“. Zuallererst müsse sie sich um die Kinder kümmern, während der Mann noch am Feuer sitze und ein Bier trinke. Frauen seien besonnener und gründlicher bei der Jagd. Männer hätten weniger Angst vor dem ersten Schuss, seien gieriger auf die Beute. So sei das nun mal.

„Männer sind blutdürstiger“, so formuliert es Lucas von Bothmer. Der Chefredakteur des Jagdmagazins „Jäger“ gibt gerne den Loden-Punk. Das Leben als Jäger ist für ihn ein Statement wider den Zeitgeist, der geprägt sei von politischer Korrektheit. „Es ist halt eine krasse Entscheidung, ein Tier töten zu wollen, ihm die Eingeweide herauszureißen, es zu essen“, sagt der 35-Jährige. Es sei ein Bekenntnis zur Kantigkeit, stifte Halt, Gemeinschaft, einen Lebensentwurf, den viele in der Gesellschaft überhaupt nicht mehr hätten.

Der „links-grüne Klassenfeind“ soll die Jägerei wachgeküsst haben

Dieser Lebensentwurf sei ein Angebot an die sich auflösende bürgerliche Gesellschaft. Er begrüße all die Seiteneinsteiger, ob sie nun wegen des naturnahen und gesunden Wildfleisches oder um der Nähe zur Natur willen Jäger werden wollten. Der Trend zur Jagd sei, welche Ironie, gerade von den Naturfreunden des früheren links-grünen Klassenfeinds in Schwung gebracht worden. Der habe die Jägerei wach geküsst. Ein Ende des Booms sei nicht abzusehen. Auch die wachsende Zahl derer, die vor allem das archaische Event suchten, ist ihm willkommen. „Von mir aus sprechen wir von einer Invasion der Freaks. Ich finde das total gut. Die sind mir lieber als die rosa behemdeten Internatsschüler von früher.“ Es gebe es auch Jäger, die Vorbehalte hätten gegenüber ihren neuen Jagdfreunden. Aber es sei Zeit, „dass die Jagd cool wird“.

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