Erlacher Höhe kritisiert fehlende Sozialwohnungen Das Hilfssystem ist verstopft

Die Übergangswohnheime sind voll, deshalb wird es für   Obdachlose  noch schwierigen unterzukommen. Foto: Stoppel/Archiv
Die Übergangswohnheime sind voll, deshalb wird es für Obdachlose noch schwierigen unterzukommen. Foto: Stoppel/Archiv

Die Erlacher Höhe kritisiert den unzureichenden sozialen Wohnungsbau, prangert Immobilienspekulationen an und fordert deutlich mehr Geld vom Staat. Zwei Betroffene, die keinen Bleibe finden können, erzählen.

Rems-Murr: Martin Tschepe (art)

Backnang - Carmen Rotsch geht es wieder besser. Die Mutter eines Zehnjährigen und einer Achtzehnjährigen hat eine schwere Erkrankung einigermaßen überstanden. Dennoch hat die 52-Jährige aus Rudersberg ein großes Problem: Sie kann keine Wohnung finden. Sie hat sich an die Erlacher Höhe gewandt, jene diakonische Einrichtung, die sich um Frauen und Männer in prekären Lebenssituationen kümmert. Doch selbst die Erlacher Höhe kann ihr zurzeit kaum weiterhelfen.

Der leer gefegte Wohnungsmarkt mache ihnen arg zu schaffen, erklären Wolfgang Sartorius, der Vorstands der Erlacher Höhe, und Toni Heiser, der Leiter des Aufnahmeheims in der Friedrichstraße in Backnang. Beide kritisieren, dass sich der Staat nahezu vollständig aus dem sozialen Wohnungsbau zurückgezogen habe. Und sie prangern Immobilienspekulanten an, die mit verantwortlich seien für die „galoppierenden Mietpreise“.

Keine Wohnung, kein Job – kein Job, keine Wohnung

Einem 54-jährigen Mann, der beim Pressegespräch mit den Vertretern der Erlacher Höhe neben Frau Rotsch sitzt, geht es wie ihr: Auch er ist seit Monaten verzweifelt auf der Suche nach einer Wohnung. Er ist derzeit arbeitslos, glaubt aber, dass er problemlos einen neuen Job finden würde – wenn er eine eigene Wohnung hätte. Die Katze beißt sich in den Schwanz: keine Wohnung, kein Job, kein Job, keine Wohnung. Der Vater einer 15-jährigen Tochter lebt seit Ende 2014 im Aufnahmeheim der Erlacher Höhe – und mit dieser Adresse sei es schwierig einen Arbeitgeber zu überzeugen.

Carmen Rotsch sagt, sie habe die Zusage eines Arbeitgebers in Mühlacker. Sie müsste also „nur“ umziehen, könne im Enzkreis aber keine bezahlbare Bleibe finden. Sie habe bereits zig Bewerbungen geschrieben, aber von den Vermietern immer nur Absagen erhalten. Auch so ein Teufelskreis.

Ein immer härter werdenden Wettbewerb um Wohnraum

Wolfgang Sartorius sagt: „Wohnraum ist keine Ware wie jede andere und muss einer engen Sozialbindung unterliegen“. Er appelliert an alle Immobilienbesitzer, leer stehende Wohnungen zu vermieten. Es gebe jede Menge Leerstände, doch viele Vermieter scheuten sich davor, die Einnahmen zu versteuern oder verwiesen auf schlechte Erfahrungen. Die Erlacher Höhe biete aber im Einzelfall Hilfen an, falls es Probleme mit Mietern geben sollte.

Die Wohnungsnot habe sich in den vergangenen Jahren zugespitzt. Bundesweit habe es 2012 geschätzt rund 284 000 Menschen ohne Wohnung gegeben, 2016 werde mit 380 000 gerechnet. Nun verschlimmere sich die Lage wegen der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. In dem immer härter werdenden Wettbewerb um das knappe Gut Wohnrum hätten Menschen mit geringen Einkommen das Nachsehen.

Sartorius: „letztlich gehe es um Kohle“

Heiser sagt, das Hilfssystem sei „verstopft“. Viele Bewohner des Backnanger Hauses Friedrichstraße könnten eigentlich längst ausziehen, denn die akute Notfallphase sei überwunden, aber kaum jemand finde eine Bleibe. Menschen, die auf der Straße leben, hätten das Nachsehen, denn die Plätze im Wohnheim seien blockiert.

Schöne Worte der Politiker seien nicht ausreichend, erklärt Sartorius. Verständnis für die Betroffenen sei zwar wichtig, aber letztlich gehe es „um Kohle“. Das Land müsse viel mehr Gelder für den Sozialwohnungsbau bereitstellen. Er hoffe, dass das ein Thema im Landtagswahlkampf werde.




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