„Erlesene Orte“ in Esslingen Der rasende Reporter in den Katakomben

Zwischen meterhohen Papierrollen durfte das Publikum im Papierlager des Druckhauses unserer Zeitung Gerhard Polacek und seinen literarischen Finessen lauschen. Foto: Roberto Bulgrin

Jedes Jahr zur Sommerzeit entdecken die Stadtbücherei und unsere Zeitung „Erlesene Orte“ in Esslingen. Diesmal boten mannshohe Papierrollen eine reizvolle Kulisse.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Mit großer Selbstverständlichkeit holen wir morgens die gedruckte Zeitung aus dem Briefkasten. Und nur die wenigsten denken darüber nach, welcher Aufwand nötig ist, um eine Tageszeitung jeden Tag zehntausendfach zu ihren Leserinnen und Lesern zu bringen. Die Esslinger Stadtbücherei und unsere Zeitung boten mit ihrer Reihe „Erlesene Orte“ einen Blick hinter die Kulissen der Zeitungsmacher: In den Katakomben des Druck- und Verlagshauses in der Zeppelinstraße ließ der Schauspieler Gerhard Polacek Literatur lebendig werden. Und er bediente sich im reichen Fundus des „rasenden Reporters“ Egon Erwin Kisch.

 

Zwischen meterhohen Papierrollen durfte das Publikum die Atmosphäre dieses Raumes auf sich wirken lassen, der Besuchern sonst verschlossen bleibt. Dort wird genügend Druckpapier vorgehalten, damit der Nachschub nie versiegt. René Schlupkothen aus der technischen Leitung von MHS Print wies dem Publikum den Weg zum Ort der Lesung und musste so manche Frage beantworten. Kein Wunder, schließlich machen die riesigen Papierrollen, die jede locker eineinhalb Tonnen auf die Waage bringen, mächtig Eindruck.

Feste Größe in der Esslinger Kulturszene

Für jeden „erlesenen Ort“ stellt Gerhard Polacek ein neues Programm zusammen. Foto: Roberto Bulgrin

Es gehört zum Konzept, dass Gerhard Polacek für jeden „erlesenen Ort“ die passenden literarischen Finessen auswählt. Neuerdings greift er dafür auch selbst zur Feder. Wenn es um Zeitungen geht, hat der Wiener Schauspieler, der längst zum Inventar der Esslinger Kulturszene gehört, viel zu erzählen – angefangen von den Erinnerungen an seine Großmutter, die Zeitungen nicht nur zum Lesen brauchte, sondern auch auf dem stillen Örtchen, wo sie am Ende den Weg alles Irdischen gingen.

Heute denkt Polacek bei Zeitungen vor allem ans Lesen. Er erinnert sich an seinen Vater, für den die boulevardeske Kronenzeitung eine Art „Alltagsbibel“ war. Er liebt die Wiener Kaffeehäuser, die ihren Gästen mit einem reichhaltigen Zeitungs- und Zeitschriften-Angebot eine attraktive Alternative zu Smartphone und Internet bieten. Und er macht sich stark für Qualitätszeitungen, die sich mit verlässlichen Informationen und fundierten Kommentaren der Flut der Fake News und Social-Media-Pöbeleien verweigern.

Wenn eine literarische Reihe in einem Zeitungshaus gastiert, ist es Ehrensache, einem so außergewöhnlichen Journalisten wie Egon Erwin Kisch (1895 – 1948) die Ehre zu erweisen. Drei Texte jenes Mannes, der mit seiner 1925 erschienenen Textsammlung „Der rasende Reporter“ erst sich und dann seinem ganzen Berufsstand einen Ehrentitel einbrachte, hatte Polacek ausgewählt. Und gleich der erste ließ ahnen, was Kisch so außergewöhnlich machte.

Zu Gast im Esslinger Zeitungshaus

Literatur wird an ungewöhnlichen Orten lebendig. Foto: Roberto Bulgrin

Als Journalist mit literarischem Anspruch war Kisch in der ganzen Welt zuhause, und von überall brachte er die unglaublichsten Geschichten zurück in seine Redaktionsstube. Er gehörte nicht zu denen, die nur an spektakulären Geschichten interessiert waren. Im Alltäglichen das Besondere zu entdecken, war seine Passion. Damit wurde Egon Erwin Kisch zum Vorbild für zahlreiche Journalistinnen und Journalisten, die von ihm lernten, dass sich selbst im vermeintlich unscheinbarsten Thema die faszinierendsten Geschichten verbergen können – man muss nur genau hinschauen, aufmerksam zuhören, eine klare Haltung besitzen und zu der auch dann stehen, wenn einem der Wind eiskalt ins Gesicht bläst.

Eine seiner Reisen hat Egon Erwin Kisch 1928 in die USA geführt. Dort hat er die Arbeiter in den Ford-Werken, am Hafen oder beim Bau von Wolkenkratzern beobachtet. Er war in Gefängnissen, an der Wall Street, traf Stars und Sternchen, aber auch Arme und Entrechtete. Und allen begegnete er mit demselben Respekt und auf Augenhöhe. Manche der Texte aus dem „Paradies Amerika“ nehmen verblüffende Wendungen – wie seine Reportage „Sechstausendmal: Nothing in“. Da kommt Gott auf die Erde, um nachzusehen, was aus seiner Schöpfung geworden ist. Zufällig landet er in Hollywood, und was ihm in der Traumfabrik begegnet, lässt ihn seufzen: „Das also ist meine berühmte Welt! Ich habe es nicht gewollt. Nein, ich habe es nicht gewollt ...“

Fein beobachtet und sprachlich brillant

Demnächst gastieren die „Erlesenen Ort“ bei Anja Schicks „Blütezeit“ in der Gärtnerei Zeh. Foto: privat

Über Kischs feine Beobachtungsgabe, seine sprachliche Brillanz und seinen bisweilen aufblitzenden knitzen Humor, die sich im Hollywood-Text zeigten, konnte sich das Publikum ebenso amüsieren wie über sein „Experiment mit einem hohen Trinkgeld“, das in Berliner Straßenbahnen zu überraschenden Einsichten führte. Und schließlich nahm Polacek das Publikum mit auf Kischs Reise in die Züricher Spiegelgasse, wo Lenin eine Zeit lang in einem möblierten Zimmer gelebt hatte. Und am Ende gingen viele Gäste der „Erlesenen Orte“ in dem Gefühl nach Hause, dass guter Journalismus heute mindestens so wichtig ist wie zu Kischs Zeiten.

„Erlesene Orte“ im Kurzporträt

Die Reihe
 2011 haben die Esslinger Stadtbücherei und unsere Zeitung gemeinsam mit dem Schauspieler Gerhard Polacek die „Erlesenen Orte“ auf den Weg gebracht. Jedes Jahr wählen die Veranstalter drei ungewöhnliche, vergessene und kaum zugängliche Orte in Esslingen aus, an denen Polacek literarische Texte präsentiert.

Die Orte
 Nach dem Besuch im Papierlager von MHS Print gastieren die „Erlesenen Orte“ in diesem Jahr noch beim Esslinger Geigenbauer Eberhard Thiessen und in Anja Schicks „Blütezeit“ in der Gärtnerei Zeh. Beide Veranstaltungen sind ausverkauft.

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