Nach Schönbuchbahn-Unfall Wie ist die junge E-Scooter-Fahrerin verunglückt?
Am Montagnachmittag wird eine 18-Jährige auf dem E-Scooter an einem Bahnübergang in Weil im Schönbuch von der Schönbuchbahn erfasst. Wie konnte es dazu kommen?
Am Montagnachmittag wird eine 18-Jährige auf dem E-Scooter an einem Bahnübergang in Weil im Schönbuch von der Schönbuchbahn erfasst. Wie konnte es dazu kommen?
Alles ist still an diesem Dienstagmittag hier am Bahnübergang auf dem Bäumlesweg am Ortsrand von Weil im Schönbuch. Die Sonne scheint, eine Frau geht mit ihrem Hund spazieren, aus der Ferne hört man ganz leise das Verkehrsrauschen auf der B 464. Dann ertönt ein klingelndes Warnsignal und die Ampeln über dem Andreaskreuz schalten auf Rot.
Das Geräusch der herannahenden Schönbuchbahn wird ganz allmählich lauter. Jetzt geht alles ganz schnell. In Sekunden ist der gelb-weiße Zug vorbeigeprescht. Es kehrt wieder Stille ein – und nur ein paar weiße Markierungen auf den stählernen Gleiseindeckplatten erinnern daran, was hier keine 24 Stunden zuvor passiert ist.
Es war Montagnachmittag, gegen 14.15 Uhr, als eine 18-Jährige auf diesem Bahnübergang von einer heranfahrenden Schönbuchbahn erfasst wurde. Laut Polizeiangaben war sie mit einem E-Scooter unterwegs. Die junge Frau erlitt schwere Verletzungen und wurde mit einem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus gebracht.
Am Tag danach bleibt die Frage, wie es zu diesem Unfall kommen konnte. „Wir sind aktuell im Untersuchungsprozess“, sagt Jan Schillinger, Prokurist und Performance Manager bei der Württembergischen Eisenbahn-GmbH (WEG), die für den Betrieb der Schönbuchbahn zuständig ist.
Nach bisherigem Stand gehe man bei der WEG davon aus, dass der Bahnübergang ganz normal funktioniert habe. „Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Lichtzeichen und akustisches Signal nicht funktioniert hätten“, erklärt Schillinger.
Auch das Zugpersonal habe angemessen reagiert und die Bremsung eingeleitet. Allerdings bewege sich Bahn an dieser Stelle mit rund 80 Stundenkilometern. „Da muss man mit einem Bremsweg von 300 Metern oder mehr rechnen“, erklärt der Unternehmenssprecher. „Da bleibt zum Reagieren wenig Zeit für den Fahrer.“
Doch auch wenn den Menschen am Fahrhebel wohl keine Schuld trifft, dürfte so ein Erlebnis dennoch schwer zu verkraften sein. „Dafür gibt es bei uns ein Standardprozedere“, verweist Schillinger auf entsprechende psychologische Schulungen und die Betreuung durch einen Notfallmanager nach einem solchen Ereignis. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem das in einer Zugführerkarriere passiert, ist wohl gar nicht so gering: Laut dem Prokuristen komme es bei der WEG, zu der neben der Schönbuchbahn noch vier weitere Bahnbetriebe gehören, statistisch gesehen etwa ein bis zwei Mal im Jahr zu Vorfällen, bei denen Personen von einem Zug erfasst werden.
Auch die rund 30 Fahrgäste in der Bahn standen unter dem Eindruck des Unfalls. Um sie kümmerte sich der Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Die DRK-Einsatzkräfte waren zuerst am Unfallort. Zusätzlich waren Einsatzkräfte aus dem Ehrenamt vor Ort – in diesem Fall die Einsatzgruppen der Ortsvereine Holzgerlingen-Altdorf und Weil im Schönbuch.
Darüber hinaus war der Notfallnachsorgedienst zur Unfallstelle am Bäumlesweg gekommen. Laut Lutz Selle, dem Pressesprecher des DRK-Kreisverbands Böblingen, hatten einige Betroffene in dieser psychischen Ausnahmesituationen eine besondere Betreuung durch diese psychologisch geschulten Fachkräfte gebraucht. Wie DRK-Sprecher Selle weiter mitteilt, wurden die Fahrgäste mit gekühlten Getränken versorgt und mit Fahrzeugen des DRK und der Feuerwehr zur nächsten Haltestelle der Schönbuchbahn gebracht. Insgesamt war das Rote Kreuz mit 25 Einsatzkräften vor Ort.
Von der Polizei gibt es zu diesem Zeitpunkt noch keine weiteren Angaben zu Hergang oder Ursache des Unfalls. Die 18-Jährige liege weiterhin mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. „Da ist keine Befragung möglich“, sagt Yvonne Schächtele, Pressesprecherin beim für den Kreis Böblingen zuständigen Polizeipräsidium Ludwigsburg. Die Staatsanwaltschaft habe einen Gutachter eingeschaltet, der müsse nun erst seine Ermittlungen abschließen.
Der Umstand, dass die junge Frau auf einem E-Scooter unterwegs war, dürfte bei der Ursachenforschung eine wichtige Rolle spielen. Laut Polizeiangaben nehmen die Unfälle mit den elektrischen Zweiradflitzern seit Jahren zu: Im Kreis Böblingen erfasste die Polizei im Jahr 2022 18 Unfälle mit E-Scootern, im Jahr 2023 waren es 37 und im Jahr 2024 bereits 54.
„Wir hatten zum Glück bisher keine Toten“, sagt Polizeihauptkommissarin Yvonne Schächtele. Dafür nehme aber die Zahl der Schwerverletzten jedes Jahr zu. In mehr als jedem zweiten Fall seien die Unfälle dabei auf ein Fehlverhalten der Person auf dem E-Scooter zurückzuführen – etwa wegen der unerlaubten Benutzung von Gehwegen oder häufig auch durch Ablenkungen wie dem Blick aufs Handy oder dem Hören von lauter Musik über Kopfhörer während des Fahrens.
Nachträgliche Anmerkung der Redaktion: Am Mittwochvormittag haben Staatsanwaltschaft und Polizei mitgeteilt, dass die 18-Jährige am Dienstagnachmittag im Krankenhaus verstorben sei.
Polizeibericht
Über die vergangenen Jahre sind nur wenige Unfälle und Vorfälle im Zusammenhang mit der Schönbuchbahn dokumentiert. Zuletzt tauchte die Bahn im Juni 2024 im Polizeibericht auf, als jemand Gegenstände auf die Gleise der Schönbuchbahn zwischen den Haltestellen Böblingen-Heusteigstraße und Böblingen-Zimmerschlag gelegt hatte. Im Januar 2022 hatte ein unbekannter Gegenstand ein kleines Loch in ein Zugfenster gerissen und im Jahr zuvor, im März 2021, hatten bei Holzgerlingen ein paar Kinder Steine auf die Gleise gelegt. Im Jahr 2012 war in Böblingen eine Seniorin schwer verletzt worden, als sie bei schon geschlossener Schranke vor einem anfahrenden Zug die Gleise überquert hatte.
Um Haaresbreite
Einige male schrammte man auch nur knapp an einer Katastrophe vorbei – so etwa 2013, als zwei Radler am Böblinger Südbahnhof genau in der Mitte des Bahnübergangs kollidierten und nur knapp von einem jungen Passanten vor dem schon herannahenden Zug gerettet wurden. Im Jahr 2010 war ein 40-Tonner am Bahnübergang an der Herrenberger Straße in Böblingen unabsichtlich auf den Gleisen zum Stehen gekommen – zum Glück streifte der Zug das Führerhaus lediglich. Eine Frau erlitt leichte Verletzungen.