Es wird noch einige Zeit, wenn nicht gar Monate, dauern, bis erste Ergebnisse der umfangreichen Ermittlungen zu dem tödlichen Flugzeugabsturz bei Geisingen (Landkreis Tuttlingen) auf dem Tisch liegen. „Wir sind grundsätzlich nicht zum schnellen Handeln gezwungen“, macht Germout Freitag, Pressesprecher Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU), im Gespräch mit dem "Schwarzwälder Boten" deutlich. Denn bei der BFU zählt vor allem eines: „Was wir rausgeben, muss gesichert sein“.
Bei dem schlimmen Unglück stürzte ein 77-Jähriger mit seiner zweimotorigen Piper PA-34 in den Längewald zwischen Geisingen und Gutmadingen. Weil das Unglück niemand sah, wurde die Maschine, die vor einigen Jahren bereits in einen Unfall verwickelt war, nach einiger Zeit als vermisst gemeldet. Ein Polizeihubschrauber fand das Wrack in der Dunkelheit nach mehreren Stunden, beim Piloten konnte nur noch der Tod festgestellt werden.
Welche Maßnahmen anschließend seitens der BFU in die Wege geleitet wurden, erklärt Freitag: „Unsere Untersucher mit ihren gepackten Koffern werden direkt aktiviert, gleichzeitig informieren wir einen weiteren Beauftragten“, so der Sprecher. Der Beauftragte sorgt dabei für den Erstkontakt mit der Polizei und die Staatsanwaltschaft.
Obduktion des Piloten findet statt
Nach der Ankunft verschaffen sich die Untersucher einen Überblick über die Unfallstelle, führen eine Wracklagenvermessung durch. In die gesamte Dokumentation fließen neben den Erkenntnissen und Bildern rund um das Flugzeug und Zeugenbefragungen ein. Dies alles findet im Schulterschluss mit Polizei und Staatsanwaltschaft statt, „diese sind für die Schuldfrage zuständig“. Die BFU hingegen hat das Ziel, solche Unglücke zu verhindern – beispielsweise durch Sicherheitsempfehlungen.
An diesem Punkt ist man bei den Ermittlern aber noch lange nicht. Zunächst gilt es, die Informationen zu sichten und auszuwerten. Dabei spielt auch der deutsche Pilot, der in Bozen wohnte, eine wichtige Rolle. „Es findet eine Obduktion statt“, so Freitag. So soll festgestellt werden, ob eventuell gesundheitliche Schwierigkeiten zu dem Absturz geführt haben. Die ersten nüchternen Erkenntnisse fließen dabei in den Zwischenbericht mit ein. Dieser wird in mehreren Monaten erwartet. Eine Ursache des Unglücks wird da allerdings noch nicht genannt.
Eine wichtige Rolle bei den Ermittlungen spielt auch das Wetter. Zum Zeitpunkt des Absturzes herrschte dichter Nebel, die Umweltfaktoren werden seitens der Untersucher genau analysiert. „Wir fordern hierfür ein Wettergutachten vom Deutschen Wetterdienst an“, erklärt der BFU-Sprecher. Dabei handelt es sich um eine genaue wissenschaftliche Ausarbeitung der Gegebenheiten zum Unglückszeitpunkt – 60 bis 100 Seiten umfassen solche Gutachten.
Wetterdienst warnte vor Vereisungen
Der Faktor Nebel sorgt bei Piloten für heiße Diskussionen. Dabei wird auch der Flugwetterbericht des Deutschen Wetterdienstes vom besagten Tag zurate gezogen. Und dieser erhält einen signifikanten Hinweis: So waren aufgrund des „unterkühlten Hochnebels“ Vereisungen möglich. Dies kann verheerende Auswirkungen auf die Sicherheit und Funktionsfähigkeit der Maschine haben – beispielsweise aerodynamische Beeinträchtigungen, Probleme der Manövrierfähigkeit durch eine Gewichtszunahme oder blockierte Sensoren.
Wäre dies eine Erklärung für den Absturz in Geisingen? Eher nein, erklärt ein Pilot aus der Region, der namentlich nicht genannt werden möchte. „Die Bedingungen über den Wolken waren bestens. Grundsätzlich wäre eine Vereisung an dem Tag möglich. Die Zeit im Nebel dürfte aber voraussichtlich zu kurz gewesen sein für eine Vereisung, so etwas passiert nicht sofort“, heißt es im Gespräch mit dem "Schwarzwälder Boten".
Hat der Pilot die Orientierung verloren?
Aber: Der Nebel könnte aufgrund der eingeschränkten Sicht eine signifikante Rolle gespielt haben. Denn der Flugwetterbericht besagt, dass im Nebel nur eine Sicht „von wenigen 100 Metern“ möglich war. „Da kann man schnell die Orientierung verlieren – insbesondere, wenn auf Sicht geflogen wird“, erklärt der Pilot mit Blick darauf, dass der Flug möglicherweise nach Sichtflugregeln durchgeführt wurde. Heißt: Hier zählen insbesondere die visuellen Referenzen zur Außenwelt.
Und diese Referenzen spielen vor allem beim Flug über ein Waldstück, wie das am Unglücksort zwischen Gutmadingen und Geisingen, eine besondere Rolle. Insbesondere deshalb, weil sich das Flugzeug rund neun Kilometer vor dem Zielflughafen in Donaueschingen bereits im Sinkflug befunden haben dürfte. Kollidierte der 77-Jährige im desorientieren Zustand mit einem Baum und stürzte daraufhin ab? Ausgeschlossen scheint dies nicht. Näheres werden die Ermittlungen der Experten ergeben.