Ermittlungen wegen Bedrohung Göppinger Weihnachtsmarkt – Gelassenheit am Tag nach der Räumung

Sonntagvormittag ist auf dem Weihnachtsmarkt noch wenig los. Die Beschicker sind sich nicht einig, ob das an der Räumung am Vorabend liegt. Foto: Anna-Sophie Kächele

Nachdem am Samstag Abend der Göppinger Weihnachtsmarkt nach einem Hinweis auf eine Bedrohungslage geräumt wurde, öffnete er heute wieder regulär. Wie geht es den Beschickern und kommen dennoch Besucher?

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Auf dem Göppinger Marktplatz haben sich vor den Buden einzelne Menschen um Stehtische versammelt, essen rote Wurst und Pommes, der ein oder andere hat eine Tasse Glühwein in der Hand. Der Himmel ist wolkenfrei, der Schnee, der in der Sonne schmilzt, tropft von den Dächern. Allein die einzelnen Gesprächsfetzen zwischen den Standbesitzerin über den Verlauf des Abends deuten darauf hin, dass hier gestern innerhalb kürzester Zeit alles geräumt wurde. Nachdem am Samstagabend um 19.40 Uhr ein Anruf mit dem Hinweis auf eine Bedrohungslage bei der Polizei eingegangen war, entschieden die Beamten, den Weihnachtsmarkt zu schließen. „Das lief alles ruhig, gesittet und problemlos ab“, gab ein Sprecher der Polizei Ulm am Abend bekannt. Doch wie haben es die Verkäufer vor Ort erlebt?

 

Räumung? – Erst einmal den Glühwein austrinken

„Die meisten Menschen haben das erst einmal gar nicht so ernst genommen und wollten ihren Glühwein austrinken und fertig essen“, erzählt Fabienne Weiß, die Kässpätzle aus dem Käselaib verkauft. Manche hätten sich sogar noch angestellt, um ihr Pfand zurückzuverlangen. Auch ihre Standnachbarinnen Chis Diana und Songül Tazar bestätigen, dass die Mehrheit der Menschen ruhig blieb. Wenige Meter weiter verkauft Frank Driever Dinnede. „Es lief alles so wie es sein sollte, so stelle ich mir das vor. Es ging schnell, es gab kein Geschrei, kein Theater“, sagt der Verkäufer, der schon seit 27 Jahren auf dem Göppinger Weihnachtsmarkt verkauft. Spinner gebe es überall, aber die Räumung war die richtige Entscheidung. „In so einer Situation nur wegen dem Geld oder aus anderen Gründen weiter geöffnet haben, das geht nicht.“ Der Verkäufer schließt sich dem Oberbürgermeister Alexander Maier an, der noch am Abend mitteilte, dass die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger Priorität habe.

Am Samstagabend hatte die Polizei einen „Hinweis auf eine Bedrohungslage erhalten“ und den Weihnachtsmarkt daraufhin geräumt. Sie war „mit starken Kräften vor Ort“, wie ein Sprecher schon in der Nacht zu Sonntag formulierte. Auch ein Hubschrauber war im Einsatz. Die Stadt Göppingen selbst hatte am Samstagabend in einer Mitteilung auf Facebook formuliert, es habe eine „Anschlagsdrohung“ gegeben.

Jürgen und Bettina, beide möchten ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen, reagieren auf die Frage, ob sie überlegt haben, heute nicht zu kommen, überrascht. Die Nachricht, dass der Weihnachtsmarkt geräumt wurde, hat sie nicht erreicht. Sie hätten sich gedacht, das Wetter sei schön, man gehe kurz etwas essen und habe sich gefreut, dass wenig los sei, berichtet Bettina. „Wenn ich es mitbekommen hätte, dann hätte ich mich eingelesen und mitbekommen, dass der Weihnachtsmarkt ganz normal öffnet. Was soll man machen? Sich zuhause verstecken?“, sagt ihr Mann Jürgen.

Ein mulmiges Gefühl bleibt beim Besuch

Diese Einstellung teilen viele. „Dann müsste man eigentlich immer daheim bleiben. Wir sind da recht entspannt“, erzählt Diana Huber. Vielleicht wäre es anders gewesen, wäre man bei der Räumung dabei gewesen. So sei es eine Nachricht über die Medien. Eine Familie aus Stuttgart besucht jedes Jahr einen anderen Weihnachtsmarkt. Die Räumung habe nicht dafür gesorgt, dass sie ihre Pläne, heute nach Göppingen zu fahren, ändern. „Ein ständiges Leben in Angst führe ich nicht“, sagt der Familienvater, der gerne anonym bleiben möchte. „Auf dem Weg kam uns viel Polizei entgegen, ich fühle mich sicher.“

Inge und Ursula haben sich entschieden zu kommen, dennoch - ein mulmiges Gefühl bleibt. „Gerade auf Weihnachtsmärkten. Aber dann ist man ja nirgends mehr sicher.“ Verwunderlich sei doch, dass so etwas in Göppingen passiere, auf den größeren Weihnachtsmärkten in Stuttgart oder Esslingen rechne man doch eher damit. Das ungute Gefühl teilt auch Verkäuferin Fabienne Weiß. Ihre Aushilfe habe heute abgesagt, sie persönlich sei dafür gewesen, heute zu schließen. „Es rentiert sich heute eh nicht. Das Wetter ist schön, es ist kalt, aber es ist sehr wenig los.“ Sie hat die Sorge, dass sich die Räumung auf das Geschäft auswirkt – auch über den Sonntag hinaus. Andere Standbesitzer zeigen sich gelassen. Die Kundschaft komme sonntags immer erst um die Mittagszeit.

Staatsschutz ermittelt jetzt

Zu den Hintergründen der Bedrohungslage, wer der Anrufer ist und ob es sich um eine Bombendrohung handelte, ist derzeit nicht bekannt (Stand Sonntag 14.30 Uhr). Der Staatsschutz ermittle jetzt, hieß es von einem Sprecher der Polizei Ulm. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren.

In der Mittagszeit füllt sich der Göppinger Marktplatz – eine Bedrohungslage scheint die Göppinger nicht aufzuhalten, den Sonntag in weihnachtlicher Atmosphäre zu genießen. Der Dinnede-Verkäufer Frank Driever teilt seine Lebensphilosophie, die an diesem noch Tag bedeutender ist. „Wenn es mich treffen soll, dann kommt es so. Und wenn ich etwas machen möchte, mache ich das. Morgen kann es zu spät sein.“

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