Ernährung in Afrika Strategie gegen den Hunger

Aus einem nahen Fluss wird  das Gemüse bewässert: Frauen  in einem Dorf bei Nicolada  in Mosambik. Die Welthungerhilfe lehrte sie das  Anlegen der Reihenbeete Foto: Link 4 Bilder
Aus einem nahen Fluss wird das Gemüse bewässert: Frauen in einem Dorf bei Nicolada in Mosambik. Die Welthungerhilfe lehrte sie das Anlegen der Reihenbeete Foto: Link

Mosambik im Osten Afrikas hätte das Zeug zu einer Oase: fruchtbare Böden, Wasser, Artenvielfalt. Dennoch hungert die Bevölkerung. Eine Initiative der Welthungerhilfe will das ändern. Und hat Erfolg.

Politik: Christoph Link (chl)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Quelemani - So richtig verstehen kann das keiner: Mitten in der grünen Provinz Zambezia soll es Mangelernährung und Hunger geben. Hier, eine Stunde Autofahrt westlich der verschlafenen Provinzhauptstadt Quelemani, gibt es theoretisch zwei Maisernten im Jahr. Es wachsen Kokospalmen, Reis, Zuckerrohr, Sesam, Mango, Papaya und Avocado. Die Pfade zu den Hütten der Bauern winden sich durch dichtes Gras. Und dennoch: Zambezia ist diejenige der elf Provinzen von Mosambik, in der es die höchste Quote an Mangelernährung geben soll. Was läuft da falsch?

Erklärungen dafür lassen sich finden auf einer Rundfahrt mit Caroline Peyre, der Welthungerhilfe-Landesdirektorin. Man besucht dabei ein Dutzend Dörfer und gut zehnmal so viel Felder und Gemüsebeete. Caroline Peyre, eine Französin um die 50, kennt die Rituale, wenn sie in eine Siedlung kommt: Die Bäuerinnen tanzen und singen in ihrer Stammessprache Slogans wie: „Du hast ein gutes Herz, wir folgen dir, egal wohin du gehst.“ Und Peyre tanzt mit. Namita, Momed oder Batezumbia heißen die Dörfer, und sie bieten alle Spektren der Landwirtschaft: Einige Bauern sind wohl organisiert mit großen, akkurat angelegten Feldern. Die anderen bewirtschaften unordentlich wirkende Kleinparzellen inmitten von Waldrodungen.

Das Wetter ist rätselhaft geworden

Aber Mangelernährung? „Das Klima kooperiert nicht mehr mit uns“, sagt Anamalima, Sprecherin eine Gruppe von rund 100 älteren Frauen im Weiler Milimane, die von der Welthungerhilfe ein paar Monate lang Nahrungsmittelgutscheine erhalten haben. Jetzt kauern sie auf einer Plane unter einem Baum, um kollektiv den Dank an die Deutschen auszusprechen. „Wenn ihr geht, fühlen wir uns wie ein Kind, dem die stillende Mutter die Brust nicht mehr gibt.“

Zwei Dürren in Folge, 2015 und 2016, haben die Dörfler in Zambezia zurückgeworfen. Ein wegen des Klimawandels veränderter El-Niño-Strom im Pazifik soll schuld daran sein. Die traditionelle Landwirtschaft, die auf feste Regenzeiten setzt, kommt damit nicht klar. Das Wetter sei „rätselhaft“ geworden, sagen viele Afrikaner von der Südspitze des Kontinents bis zum Horn von Afrika. Und Mosambik ist doppelt gestraft mit Fluten und Dürren: Die großen Flüsse aus dem Hochland der Nachbarländer entwässern sich durch seine Ebene, regelmäßig kommt es zu Zyklonen, die verheerende Überflutungen auslösen. Aber der sandige Boden lässt das Nass auch rasch wieder abfließen.

Das einst sozialistische Mosambik könnte ein Garten Eden sein. Mit seinen gut 800 000 Quadratkilometer Fläche ist es doppelt so groß wie Deutschland, hat aber nur 28 Millionen Menschen. Ein Großteil der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche liegt brach – auf nur zehn Prozent wird angebaut. Wenn sich ein Konzern wie die Madal-Gruppe eine Kokosplantage an einem Küstenstreifen bei Quelimane zulegt, dann fällt das kaum ins Gewicht.

Afrikas Bevölkerung wächst und wächst

Wie im Brennglas lassen sich in Zambezia die Probleme der Landwirtschaft Afrikas erkennen: fehlende Bildung, Klimafolgeschäden, keine Straßen zum Markt, eine extreme Unterkapitalisierung, die den Kauf von Dünger, Maschinen oder Bewässerungspumpen verhindert. In keinem der von Caroline Peyre besuchten Dörfer wird auch nur ein Krümel Kunstdünger eingesetzt. Afrikas Bevölkerung wird bis 2030 um 600 Millionen auf 1,7 Milliarden Menschen anwachsen. Die Landwirtschaft wird gewaltig aufholen müssen, denn der Gesamtkontinent – auch Mosambik – ist noch von Nahrungsmittelimporten abhängig.

Eine der Frauen von Milimane streut aus einer Plastiktüte ein paar Wurzeln auf den Boden: Diese Erdknollen hießen „Lava“, sagt sie, die habe man in der Not gegessen. Es hat mit der Lava eine seltsame Bewandtnis, man darf sie nur in heißem Zustand essen, was beim gemeinsamen Familienmahl kuriose Szenen hervorbringt: Alle sitzen um einen Kochtopf am Feuer, aber reihum muss immer einer den Lava-Brei rühren. Das sieht aus wie bei dem Kinderspiel „Der Plump-Sack geht um“. Einige Frauen schauspielern das nach und wollen sich ausschütten vor Lachen. Lustig ist das aber nicht immer: Lava ist ungekocht so giftig, dass es durch unachtsamen Verzehr immer wieder zu Todesfällen kommt.

Ziegen sind ein lebendes Sparbuch

Die alten Kenntnisse über Wildfrüchte sind vorhanden, aber es mangelt an modernem Wissen. Jeder zweite Mosambikaner ist Analphabet. Olimpia Colaco ist Agrartechnikerin, sie stammt aus Quelemani und kennt die lokalen Hintergründe: „Die Menschen bei uns haben sich nur von Mais und Zucker ernährt – aus reiner Unkenntnis.“ Kein Wunder, dass es zur Mangelernährung gekommen sei. Kindern unter sechs sei nicht erlaubt, proteinreiches Fleisch oder Fisch zu essen. Es herrsche der Aberglaube, dass sie andernfalls zu Dieben werden. Im Radio gab es Aufklärungsprogramme über gesunde Ernährung, aber da hätten viele Dörfler beim Stichwort „Nutrition“ alles falsch verstanden. Das nutze nicht dem Menschen, sondern löse einen Babyboom bei Tieren aus, kam als Botschaft an.

Die Welthungerhilfe füllt die Lücke mit Programmen zur Ernährung und zur Diversifizierung: In Zambezia früher unbekannte Erzeugnisse wie Soja, Süßkartoffeln, Tomaten, Salat und Rote Bete werden den Dörflern nahegebracht – und es funktioniert. Besonders eine spezielle Bohnensorte wird von asiatischen Händlern aufgekauft und bringt Geld. Die Gesundheit der Kinder verbessert sich. Im Dorf Migano zeigen Frauen eine Saftbar: Sojamilch und Süßkartoffelsaft mit Orange – der Hit. „Früher hatten unsere Enkel gelbe Flecken in den Haaren und Hungerbäuche“, sagt der 50-jährige Pedro. Durch die neue Ernährung seien die Kinder gesünder. „Heute heißt es, bist du fett, bist du wirklich fett und nicht krank.“ Pedro ist Hüter von fünf Ziegen. Die werden nicht geschlachtet – sie gelten als lebende Sparkasse für Notzeiten.

Die Regierung in Maputo hat andere Sorgen

Zweimal im Monat kommen Agrartechniker der Welthungerhilfe ins Dorf, zeigen, wie man Gemüse in Reihe pflanzt, und erklären, dass altes Gras oder Maishalme nicht verbrannt werden muss, sondern sich gut zum Mulchen eignet. Gerade dieser Trick kommt bestens an.

Von der Regierung im zehn Autostunden entfernten Maputo bekommen die Dörfler nicht viel mit. Die ist mit der Aufarbeitung eines Finanzskandals beschäftigt, in dessen Folge der 1975 von Portugal unabhängig gewordene Staat fast bankrott geworden wäre. Und sie befasst sich intensiv mit großen Verkehrsbauten wie Afrikas längster Hängebrücke in Maputo oder einer neuen Eisenbahn für die Kohlenindustrie im Norden. In wenigen Jahren sollen Gasvorkommen vor der Küste erschlossen werden, das wird Milliarden in die Kassen des Staates spülen, der auf dem UN-Index für menschliche Entwicklung gleichauf mit dem Südsudan Platz 181 einnimmt.

Wenn Caroline Peyre in ihren Geländewagen steigt, bleiben die Dörfler winkend zurück. 2018 ende das Programm, sagt Peyre. Sie sei sicher, dass jeder zweite pfiffig genug sei, ihren Ideen zu folgen und Gemüse in Reihe zu ziehen. Den Kindern werde bald mehr geboten als Mais.




Unsere Empfehlung für Sie