Mit einem Balkonkraftwerk kann jeder Haushalt Energie erzeugen. Jedoch gibt es einige Hürden, wie ein Ehepaar aus Ditzingen feststellt.

Irmgard und Heinz Schary haben es getan: Das Ehepaar aus dem Ditzinger Stadtteil Heimerdingen hat sich ein Balkonkraftwerk zugelegt, um eigenen Strom aus Sonnenenergie zu produzieren. Wobei ein Balkon kein Muss ist: Eine kleine Solaranlage, auch Steckersolargerät genannt, eignet sich überall dort, wo die Sonne scheint – und deshalb auch für Mieter und Wohnungseigentümer ohne eigenes Hausdach. Die in der Regel ein bis zwei Solarmodule werden direkt über die Steckdose an das heimische Stromnetz angeschlossen, der selbst erzeugte Strom wird direkt verbraucht.

Die Scharys haben sich für ihre Solarmodule das Carport und die Hauswand ausgesucht. Sie besitzen zwar ein Haus, und auf dessen Dach ist schon eine Solarthermieanlage, fürs Warmwasser. Doch das Ehepaar will noch mehr pro Energiewende tun, zumal die Mini-Kraftwerke stark beworben würden, etwa vom Land, sagt Irmgard Schary. „Wir haben aber nicht geahnt, welch unheimlicher Aufwand und wie viel Bürokratie dahintersteckt.“ Solarmodule für rund 1500 Euro haben sich die Scharys bestellt. „Die Montage ist super einfach“, berichtet Irmgard Schary.

Anmeldung hier, Registrierung da

Laien dürfen Mini-Solaranlagen selbst anschließen. „Wichtig ist, dass der beim Kauf mitgelieferte Wechselrichter, der den Gleichstrom aus den Solarzellen in Wechselstrom für den Haushalt umwandelt, auf 600 Voltampere begrenzt ist“, sagt Silke Steingrube, Projektleiterin für Photovoltaik bei der Energieagentur Kreis Ludwigsburg (Lea). Die Module selbst dürften etwas mehr Leistung haben. „Das ist sinnvoll, weil man selten an die Maximalausbeute rankommt“, erläutert Silke Steingrube: Die Sonne scheint nicht immer und nicht immer gleich stark.

Ihre PV-Anlage haben die Scharys wie vorgegeben im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur registriert und beim Netzbetreiber angemeldet. Der Anruf bei den Stadtwerken Ditzingen brachte dem Paar dann aber so manche Überraschung. Im laut dem Geschäftsführer Frank Feil „sehr einfach gehaltenen“ Anmeldeformular müssen sie ihre Anschrift mitteilen – und ob ein Zähler mit einer Rücklaufsperre notwendig ist. Denn der nicht sofort in den eigenen vier Wänden benötigte Solarstrom wird nicht gespeichert, sondern fließt ins öffentliche Stromnetz. In diesem Fall müsse ein Rücklauf des Zählers technisch verhindert werden, sagt Silke Steingrube von der Lea. Gegebenenfalls muss der Zähler also getauscht werden. Wie bei den Scharys, „dabei hatten wir erst im Dezember 2021 einen Wechsel“, sagt Irmgard Schary.

Kostenpflichtiger Zählertausch

Die 71-Jährige und ihr Mann holten einen Elektriker, der den Zähler prüfte. Was die zwei ärgert: „Es war uns nicht klar, was der Elektriker alles tun soll oder muss.“ Die Stadtwerke Ditzingen hätten schließlich einen sogenannten Zweirichtungszähler eingebaut – kostenpflichtig. „Wir berechnen für einen Wechsel knapp 100 Euro“, sagt der Geschäftsführer Frank Feil. Er betont, dass es am Kunden sei, richtige Angaben zu machen und der Netzbetreiber nur Empfehlungen und Hinweise geben könne. „Wenn der Kunde uns die Rücklaufsperre bestätigt, sind wir raus“, sagt Feil. Andernfalls ende die Verantwortung des Netzbetreibers spätestens nach dem Zählerwechsel.

Kontrovers diskutieren Experten, welchen Stecker eine Mini-PV-Anlage haben muss. Die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) kämpft seit Jahren dafür, dass Verbraucher die Anlagen möglichst unkompliziert anmelden und nutzen können. Aus Sicht der DGS lässt sich das kleine Kraftwerk unter bestimmten Bedingungen gefahrlos mit einem herkömmlichen Schuko-Stecker anschließen – in der heimischen Steckdose, wie man es auch mit Haushaltsgeräten wie dem Toaster und der Kaffeemaschine tut. „Einen konkreten Stecker dürfen Netzbetreiber zwar nicht vorschreiben“, sagt Silke Steingrube von der Lea. Eine „spezielle Energiesteckdose“ nach einer bestimmten Norm hingegen schon. „Diese Norm wird durch eine Wieland-Steckdose zum Beispiel erfüllt, die als die sicherere Variante gilt.“ Auch sei ein gewöhnlicher Schuko-Stecker nicht VDE-normkonform (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik).

400 bis 800 Euro pro Modul

Darauf verweist auch der Chef der Ditzinger Stadtwerke. „Wir empfehlen die Verbindung über eine geeignete Energiesteckdose wie den Wieland-Stecker“, sagt Frank Feil. Grundsätzlich mache man keine Vorgaben zur Installation innerhalb einer Kundenanlage, weil dies in der Verantwortung des Betreibers liege. „Unsere Empfehlung hat lediglich einen Sicherheitsaspekt und ist zur Verhinderung von möglichen Schäden zu verstehen“, betont Frank Feil.

Das Ehepaar Schary hat sich einen Wieland-Stecker besorgt. Nach einer längeren Wartezeit nach der Bestellung ist er jetzt da. Allerdings brauchen die Heimerdinger für die Installation erneut einen Elektriker. Das bedeutet weitere Mehrkosten. Beim Kauf eines Balkonkraftwerks, der laut Steingrube von der Lea ruhig im Internet sein kann, sollte man darauf achten, dass das passende Befestigungssystem dabei ist. Pro Modul sei mit Kosten von 400 bis 800 Euro zu rechnen. Zuvor sollte man sich klar machen, wohin die Anlage soll, wie viel Platz dort vorhanden ist und welches Gewicht der Wunschort aushält. Für die Expertin aus Ludwigsburg liegen die Vorteile klar auf der Hand. „Man treibt ohne hohe Anfangsinvestition die erneuerbaren Energien voran und zahlt weniger Geld für den Strom“, sagt Silke Steingrube. Sobald sich die Anlage amortisiert habe, sei sie eine „Gelddruckmaschine“. Die Anlage mache sich in der Regel nach spätestens zehn Jahren bezahlt. Ein Rechenbeispiel der Lea: Erzeugt die Anlage zum Beispiel durchschnittlich 600 Kilowattstunden im Jahr und nutzt man davon 70 Prozent selbst, lassen sich Stromkosten für 420 Kilowattstunden einsparen. Laut der DGS kann jeder Haushalt mit einem Balkonkraftwerk rund zehn Prozent seines Stroms für acht Cent pro Kilowattstunde selbst produzieren.

Nachfrage steigt, aber . . .

Die Nachfrage nach Balkonkraftwerken steigt. Dennoch sind Menschen wie die Scharys noch in der Minderheit – Experten zufolge auch wegen der Hürden, auf die das Ehepaar gestoßen ist. Bei den Stadtwerken Ditzingen sind 20 Balkonkraftwerke angemeldet. Laut Studien sind in Deutschland bereits mehr als 190 000 solcher Geräte im Einsatz. Allein von 2020 bis 2021 habe sich die Nachfrage fast verdoppelt.