Erneuerbare Energien in Ecuador Wenn der grüne Strom versiegt

Coca Codo Sinclair, Ecuadors größtes Wasserkraftwerk, produzierte zuletzt nur 890 der möglichen 1500 Megawatt. Foto: imago//Sinohydro

Produktionsstopps, Stromrationierungen und Energie nach Stundenplan – Ecuador erlebt gerade eine große Elektrizitätskrise – ausgerechnet, weil das Land stark auf Wasserkraft gesetzt hat.

Als Ecuadors Unternehmer die Entscheidung aus den sozialen Netzwerken erfuhren, organisierte Verbandschefin Maria Paz Jervis schnell eine alarmierende Pressekonferenz: „Dass der Industriesektor an 15 aufeinanderfolgenden Tagen für zehn Stunden pro Tag stillgelegt werden soll, ist unverständlich und nicht anwendbar“, machte die Präsidentin des Ecuadorianischen Unternehmerverbandes CEE aus ihrem Unmut keinen Hehl und schickte eine düstere Prognose hinterher. Alleine die Produktion der Milchindustrie würde um 20 bis 30 Prozent einbrechen: 500 000 Liter Milch pro Tag könnten nicht verarbeitet werden.

 

Was in Deutschland in einigen Szenarien bereits diskutiert wurde, erlebt Ecuador in diesen Tagen in dramatischer Weise: Wegen einer ausgewöhnlichen Dürre können die Wasserkraftwerke nicht die gewohnte Menge an erneuerbaren Energien liefern. Es kommt zu Stromengpässen und nun kann die Industrie nur noch dann produzieren, wenn genügend Wasser in den Stauseen ist.

Ampeln bleiben aus

Das Ganze führte schon zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Statt Ampeln regelten in der Hauptstadt Quito zeitweise Verkehrspolizisten den Straßenverkehr. Der Grund: Wegen einer Stromrationierung waren rund 300 Ampeln in der Millionen-Metropole ausgeschaltet. Und mussten nun durch 560 Mitarbeiter ersetzt werden.

Stundenplan für Stromabschaltungen

Die Gründe für die Energiekrise sind vielfältig: Ausgelöst durch fehlerhafte Planung, die Folgen des Klimawandels und einen gestiegen Energiebedarf. Die Nationale Elektrizitätsgesellschaft (CNEL) veröffentlicht täglich die Uhrzeiten, wann der Strom abgestellt wird. In Quito gibt es Bereiche, in denen es von 6 bis 10 Uhr, von 14 bis 19 Uhr und von 22 bis 24 Uhr Stromabschaltungen gibt. Betroffen ist also auch die Hauptarbeitszeit.

Hintergrund ist unter anderem die schlimmste Dürre seit 60 Jahren. Die Pegel der Stauseen sanken auf historische Tiefstände. Die durch die Stauseen gespeisten Wasserkraftwerke sind aber für die Stromversorgung des südamerikanischen Landes von zentraler Bedeutung. In einigen Kraftwerken wurde die Stromerzeugung komplett eingestellt, andere liefen nur noch stark eingeschränkt. Coca Codo Sinclair, das größte Wasserkraftwerk des Landes, produzierte zuletzt nur 890 der möglichen 1500 Megawatt. Auch die Wasserkraftwerke Mazar, Paute-Molino und Sopladora mit einer Gesamtkapazität von 1756 Megawatt laufen nur stark eingeschränkt oder gar nicht. Sie decken normalerweise aber gut ein Drittel des nationalen Strombedarfs. Hinzu kommen Lieferstopps aus den Nachbarländern, die die Krise noch einmal verschärften. Kolumbien stellte die Stromlieferungen nach Ecuador ein – weil es auch dort Produktionsengpässe wegen einer Dürre gibt.

Klimawandel verstärkt die Extreme

Ein Grund für die extreme Dürre ist unter anderem der Klimawandel, sagt Julia Martínez, technische Direktorin der Stiftung „Nueva Cultura del Agua“ (Neue Kultur des Wassers): „Nasse Jahre sind weniger nass und trockene Jahre sind viel trockener“. Allerdings seien nicht alle Dürren auf den Klimawandel zurückzuführen. Die Dürre, die in den vergangenen drei Jahren im südlichen Teil Südamerikas herrschte, sei eine Folge des Klimaphänomens La Niña. „Der Klimawandel verschärft die Extreme und führt zu weniger Wasser und zu intensiveren und häufigeren Dürren, die länger andauern und größere Gebiete betreffen“, sagt Martínez.

Abhängigkeit von der Wasserkraft

Dürren beeinträchtigen nicht nur die Stromerzeugung, sondern auch die Nahrungsmittelproduktion. Notwendig sei es, die Energieversorgung zu diversifizieren, um Extremereignisse wie die Dürre abzumildern, forderte jüngst ein Bericht der Weltbank. Aus nahezu allen Ländern Lateinamerikas werden niedrige Wasserstände in den Flüssen gemeldet und dadurch auch Kapazitätsreduzierungen in der Stromversorgung. In einem Land wie Ecuador, das 70 Prozent seines Stroms durch Wasserkraft erzeugt, hat diese Abhängigkeit derzeit fatale Folgen.

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