Erneuerbare Energien in Großbottwar Pläne für große Solaranlage im Weinberg

Watt statt Wein: Am Harzberg könnte eine PV-Anlage entstehen. Foto: Avanti/Ralf Poller

In Großbottwar im Landkreis Ludwigsburg könnte eine Fläche am Harzberg zur Energiegewinnung umgenutzt werden. Doch ob inmitten dieser Kulturlandschaft gebaut werden dürfte, muss sich erst zeigen.

Was ist wichtiger? Eine alte Kulturlandschaft schützen und irgendwie erhalten, auch wenn sie keiner mehr beackern mag? Oder die Energiewende forcieren und auch in Weinbergen Photovoltaikanlagen zulassen? Diese Fragen müssen die politischen Gremien in naher Zukunft klären. Denn im Landkreis Ludwigsburg wird hier und da über entsprechende Vorhaben nachgedacht, sagt Andreas Fritz, Pressesprecher des Landratsamts. Die Protagonisten hätten aber um Vertraulichkeit gebeten, weshalb er keine Ortsnamen nennen könne.

 

Grundstück ins Auge gefasst

In Großbottwar geht man allerdings offensiv mit dem Thema um. „Wir diskutieren im Moment darüber, ob es eine Möglichkeit gibt, in den Weinbergen eine Photovoltaikanlage zu realisieren“, sagt Bürgermeister Ralf Zimmermann. „Wir sprechen hier von einer zusammenhängenden Fläche, die mehr als fünf Hektar groß ist“, erklärt er. „Das Grundstück, das aus unserer Sicht dafür geeignet sein könnte, befindet sich am Harzberg“, präzisiert Immanuel Gröninger, Vorstandsvorsitzender der Bottwartaler Winzer, die bei dem Projekt mit im Boot sind. Den genauen Standort möchte Gröninger in einem so frühen Stadium nicht nennen. Es handele sich grob um den hinteren Bereich der Anhöhe und dort um ein Areal, das vom Tal aus nicht einsehbar sei. „Das Landschaftsbild würde also nicht beeinträchtigt“, betont er.

Das ist kein unwesentlicher Faktor. Die Steillagen prägten die Szenerie im Landkreis, die Installation der Module wäre ein starker Eingriff in dieses Bild, gibt Kreishaus-Sprecher Andreas Fritz zu bedenken. „Zunächst einmal gilt es, dieses Landschaftsbild zu erhalten und allenfalls im Rahmen eines Gesamtkonzepts zu überlegen, ob sich Photovoltaikanlagen an einzelnen Stellen mit der Erhaltung des Landschaftsbilds vereinbaren lassen“, sagt Landrat Dietmar Allgaier. Dazu sei man auch mit dem Verband Region Stuttgart (VRS) im Austausch.

Noch ist die Bebauung nicht erlaubt

Bei eben jenem Verband befasst man sich ohnehin mit dem Komplex. Weinberge in Steillagen gehörten zu den „charakteristischen und eindrucksvollsten“ Landschaftselementen der Region, so der VRS-Chefplaner Thomas Kiwitt. Dementsprechend seien diese Kulturlandschaften planerisch durch Grünzüge geschützt, eine Bebauung, auch durch PV-Anlagen, tabu. Allerdings sehe der Bund im Ausbau der erneuerbaren Energiequellen ein „herausragendes öffentliches Interesse“. Deshalb sollen die Grünzüge so geändert werden, dass dort auch Solarmodule montiert werden dürfen. „Damit kann auch die Nutzung von Weinbergen grundsätzlich in Betracht kommen“, sagt Kiwitt.

Ein Freifahrtschein sei dies aber nicht. „Die anstehende Lockerung regionalplanerischer Vorgaben bedeutet – zum Glück – nicht, dass sofort Reben gegen PV-Paneele getauscht werden können. In Landschaftsschutzgebieten sind Erlaubnisse der zuständigen Naturschutzbehörde erforderlich, die Gemeinden müssen einen Bebauungsplan aufstellen, erst dann kann genehmigt werden“, erläutert Kiwitt. Er gibt zu bedenken, dass die Attraktivität der Region auch an der landschaftlichen Qualität hänge, die durch eine Verspiegelung mit Solarmodulen etwa des Käsbergs bei Mundelsheim kaum gewinnen dürfte. „Es muss wohl Kompromisse geben bei der Frage, welche Lagen besondere Bedeutung haben und dauerhaft für die klassische Nutzung reserviert bleiben sollen und wo es in Zukunft heißen kann: Watt statt Wein“, erklärt der VRS-Chefplaner.

Für Kiwitt wäre es auch keine Lösung, die Entwicklung des Landschaftsbildes ausschließlich an wirtschaftlichen Erwägungen auszurichten. Umgekehrt ist es aber so, dass es für Weinbauern immer weniger lukrativ ist, sich in den Steillagen abzuplagen. Die Flächen liegen dann im schlechtesten Fall brach und verbuschen. Bei dem in Großbottwar für eine PV-Anlage ins Auge gefassten Grundstück ist es offenbar auch so, dass dort der Anbau von Reben wenig Perspektive hat. „Ein Teil davon soll dieses Jahr gerodet werden“, sagt Immanuel Gröninger. Beim anderen Teil könne sich auf Sicht die Frage stellen, ob der Weinbau noch auskömmlich ist.

Weinbauern fehlt der Nachwuchs

Die Flächen lägen in nicht-terrassierter Steillage, könnten somit per Traktor bearbeitet werden. „Ein Problem ist aber oft, dass die Eigentümer schon älter sind, ihre Grundstücke verpachtet haben und nach Auslaufen der Pacht keinen Nachfolger zur Bewirtschaftung mehr finden. Es fehlt schlicht an Nachwuchs, der Interesse an dem Beruf Winzer hat und die Flächen bewirtschaften will“, erklärt der Chef der Bottwartaler Winzer. Insofern könne eine PV-Anlage im Weinberg eine gute Lösung für eine alternative Einnahmequelle sein. „Wir stehen mit dem Projekt aber erst ganz am Anfang, müssten erst klären ob die Erschließung funktioniert, und falls ja uns dann auf ein Betreibermodell verständigen“, sagt er.

Mehr Energie aus Freiflächen

Bauverbot
Im gesamten Zuständigkeitsbereich des Verbands Region Stuttgart (VRS) gibt es nach Auskunft des VRS-Chefplaners Thomas Kiwitt bis dato keine PV-Anlage in einem Weinberg. Bislang stehen solchen Vorhaben Vorgaben des Regionalplanes entgegen. Es dürfen hier weder Nutzgebäude noch Weingüter und auch keine PV-Anlagen gebaut werden.

Lockerung
Die strengen Richtlinien sollen nun allerdings im Sinne der Klimawende gelockert werden, sodass grundsätzlich auch in den Steillagen Solarmodule montiert werden dürfen. Seither fokussierte sich der VRS auf Parkplätze und Dächer, außerhalb der Siedlungen kamen nur Deponien, Lärmschutzwälle und Ähnliches in Betracht. Doch das reichte nicht, um die Ausbauziele zu erreichen, weshalb über eine Fortschreibung des Regionalplans nun mehr Anlagen auf Freiflächen ermöglicht werden sollen.

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