Erneuerbare Energien Windmüller setzen auf steigende Strompreise

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Die ersten Ausschreibungen für erneuerbare Energien haben Überraschendes erbracht: Auf dem Meer sind plötzlich Anlagen denkbar, die ohne Förderung auskommen, und an Land obsiegen ausgerechnet Bürgerenergieprojekte. Und was hat der Verbraucher davon?

An Umspannstationen wie dieser in der Nordsee sind häufig etliche Windkraftanlagen angeschlossen. Foto: Global Tech I Offshore Wind GmbH
An Umspannstationen wie dieser in der Nordsee sind häufig etliche Windkraftanlagen angeschlossen. Foto: Global Tech I Offshore Wind GmbH

Stuttgart - Dieses Jahr sind zum ersten Mal in Deutschland Projekte für Windenergie an Land und auf dem Meer ausgeschrieben worden. Das Ziel ist, die erneuerbaren Energien an den Markt heranzuführen und von einer festen Vergütung für Ökostrom wegzukommen. Doch mit dem Ergebnis hatte niemand gerechnet: Denn zumindest auf See, so zeigte sich, ist es offenbar möglich, Ökostrom künftig gänzlich ohne Förderung zu produzieren.

Zwei Anbieter – die baden-württembergische EnBW und die dänische Dong – erhielten für insgesamt vier Windparks in der Nordsee den Zuschlag, und drei von diesen Parks sollen ohne Beihilfen aus dem Geldbeutel der Verbraucher auskommen. Für den vierten liegt die maximale Förderung pro Kilowattstunde bei relativ moderaten sechs Cent. Bisher erhalten Windparkbetreiber über 20 Jahre gemittelt zehn bis 13 Cent für die Kilowattstunde. Anfangs förderte die Bundesregierung den so genannten Offshore-Wind sogar mit 19,4 Cent.

He Dreiht ist ein ungewöhnliches Projekt

Von 19,4 Cent Förderung auf null – wie ist das möglich? Dirk Güsewell, Leiter der Erzeugung bei der EnBW, hat mit einem zeitweise 50-köpfigen Team mehr als ein Jahr lang das nun erfolgreiche Ausschreibungsgebot vorbereitet, und er betont, dass bei dem Projekt ganz besonders gute Bedingungen herrschen: Zunächst einmal ist der Windpark He Dreiht, für den die EnBW den Zuschlag erhalten hat, mit 900 Megawatt sehr groß (das entspricht etwa dem Block eins des Kernkraftwerks Philippsburg), und Großprojekte sind kostengünstiger zu realisieren als kleinere. Ob man etwa eine Umspannstation für nur ein Dutzend oder für mehrere Dutzend Windräder baue, mache finanziell nicht viel Unterschied, erzählt Güsewell. Hinzu kommt, dass He Dreiht in unmittelbarer Nähe zu den geplanten EnBW-Offshore-Windparks Hohe See und Albatros liegt – Wartungsmannschaft, -hafen und ähnliches können gemeinsam genutzt werden. Güsewell schätzt die Synergieeffekte auf einen einstelligen Millionenbetrag pro Jahr.

Zudem gehen die Windräder von He Dreiht erst 2025 ans Netz. „Das heißt, wir müssen die Technik nicht heute schon bestellen“, sagt Güsewell, „sondern können den Effekt der Lernkurve mitnehmen, die die Technologie bis dahin noch macht.“ In der Branche rechnet man damit, dass bis Mitte der Zwanzigerjahre Anlagen mit zwölf bis 15 Megawatt Leistung auf dem Markt sind. Das wäre eine Verdoppelung des heute Üblichen und Möglichen. „Wir haben noch lange nicht das Ende des Machbaren erreicht“, ist sich Güsewell sicher.

Streit mit dem Bundesverband Windenergie

Und last but not least rechnet die EnBW mit höheren Strompreisen, wenn 2025 alle Kernkraftwerke und etliche Kohlekraftwerke abgeschaltet sind: „Wir gehen davon aus, dass sich die Strompreise moderat erhöhen werden“, so Güsewell. Zugleich bekennt er offen, dass auch die Hersteller ihren Beitrag leisten müssten, den Kostendruck zu lösen. Insgesamt, so beteuert der EnBW-Manager, habe man vorsichtig und konservativ kalkuliert.

Eben das bezweifelte kurz nach der Auktion der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Hermann Albers. Er ätzte in einer Mitteilung, die Anbieter stünden „offenbar unter einem hohem Erfolgsdruck, den Wegfall atomarer und fossiler Kapazitäten durch erneuerbare Energien zügig zu kompensieren“. Zudem führten „die Erwartungen insbesondere staatlicher Anteilseigner zu einem stark risikoorientierten Verhalten“ – ein Seitenhieb, der auf die zu mehr als 95 Prozent in staatlicher Hand befindliche EnBW gemünzt gewesen sein dürfte. Und auch eine Quersubventionierung aus dem Vertrieb mochte Albers nicht ausschließen. Das hat zu Streit mit dem BWE-Mitglied EnBW geführt, was laut Güsewell mittlerweile bereinigt ist – doch die Mitteilung steht nach wie vor auf der Homepage des BWE und spiegelt mit Sicherheit die Haltung der traditionellen Windbranche, die in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts aus einer Graswurzelbewegung entstanden ist.

Überraschung an Land

Auf breiter Front aber stößt das Auktionsergebnis auf positiv überraschte Reaktionen und wird als Beweis dafür gewertet, dass die Energiewende gelingen kann. Selbst die Maschinen- und Anlagenbauer, auf deren Beitrag zur Kostensenkung die Versorger zählen, freuen sich: „Das war ein großer Schritt hin zu einem zeitgemäßen Energiesystem“, sagt Matthias Zelinger, Geschäftsführer VDMA Power Systems, und abgesehen davon „ist der Maschinenbau harten Wettbewerb gewohnt.“

Nachdenklicher reagiert Zelinger auf das Ergebnis der ersten Ausschreibung für Windenergie an Land. Nicht so sehr wegen des Zuschlagspreises, der mit 5,71 Cent pro Kilowattstunde relativ nah an dem ist, was Anlagen vor der Ausschreibung erhielten. Aufsehen erregt vielmehr, wer die Auktion gewonnen hat: Denn es sind zu rund 95 Prozent Bürgerenergiegenossenschaften, deren Existenz viele durch das neue Ausschreibungsregime bedroht sahen. Um für sie das Risiko zu senken, durften sie mitbieten, ohne eine Genehmigung für die Anlagen zu haben. Zudem haben sie anders als die Konkurrenten 54 statt 30 Monate Zeit, ihre Projekte umzusetzen.

Der Südwesten geht leer aus

Zelinger fürchtet, dass so manches dieser Gebote keine Genehmigung erhalten oder zumindest erst sehr spät gebaut werden könnte. Tobias Austrup, Energiewendeexperte bei der Umweltorganisation Greenpeace, teilt die Bedenken des Maschinenbaus, auch wenn er nicht so sehr darum fürchtet, ob die Bürgerenergieprojekte ihre Genehmigungen bekommen. „Aber der längere Realisierungsrahmen könnte ein Problem werden.“ Denn ähnlich wie die EnBW und Dong hofften wohl auch die Windmüller an Land auf steigende Strompreise und würden befürchtenswerterweise so spät wie möglich bauen. „Dann könnte es passieren, dass wir zwei Jahre erleben, in denen es kaum Zubau gibt. Und es wäre für die Industrie nicht erquicklich, wenn ihr der Heimatmarkt wegbräche.“ Und noch eines ist unerquicklich: Unter all den Projekten, die einen Zuschlag enthalten haben, ist kein einziges im Südwesten. Auch die EnBW ist mit ihrem Gebot für zwei Anlagen gescheitert.

Verbraucher dürften durch die Ausschreibungen übrigens kaum Veränderungen spüren: Denn zum einen scheint es im Moment Konsens zu sein, dass in der nächsten Ausschreibungsrunde nicht noch einmal so niedrige Gebote zu erwarten sind. Und zum anderen basieren die niedrigen Gebote ja auf der Annahme steigender Strompreise. Selbst wenn die EEG-Umlage also merklich sänke, wird wohl kaum etwas davon auf der Stromrechnung ankommen.